Chinesische Einwanderer: Eine europäische Realität

Article published on 15. Juli 2008
Article published on 15. Juli 2008

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Jede europäische Metropole hat heute ihr chinesisches Viertel. Einwanderer aus China reisen in Europa von einem Land ins andere und sind dadurch vielleicht europäischer als die Europäer selbst.

©WikipediaSeit der Politik der 'Reform und Öffnung', die China seit Ende der Mao-Ära 1978 praktiziert, hat die Auswanderung aus China nie dagewesene Ausmaße erreicht. Nach Jahrzehnten des Abgeschnittenseins von der Außenwelt packte das Land in den späten achtziger Jahren ein regelrechtes 'Ausreisefieber'. Besonders spürbar ist dies in den Provinzen Fujian und Zhejiang, welche traditionell als Auswanderungsregionen bekannt sind. Ihre Einwohner machen einen Großteil der aktuellen Auswanderungswelle nach Europa aus.

Zuerst waren die Länder Westeuropas ein bevorzugtes Ziel der Einwanderer. Aber die Arbeitsmöglichkeiten gingen dort schnell aus - der Bedarf an Schnellrestaurants, Lieblingsbetätigung der chinesischen Einwanderer, war umgehend gesättigt. Die Neuankömmlinge waren gezwungen, andere Tätigkeiten und andere Gastländer zu finden. Im Laufe der Neunziger sind in den Hauptstädten nordeuropäischer Länder wie Dänemark oder Belgien, aber auch in osteuropäischen Ländern wie Tschechien, Ungarn oder Rumänien, richtige chinesische Viertel mit eigener Organisation entstanden. Heute gibt es in Europa mehr als 30 chinesische Tageszeitungen.

Paris: zwei chinesische Gemeinden

In Frankreich ist vor allem Paris von der neuen chinesischen Einwanderungswelle betroffen. Bei ihrer Ankunft treffen Einwanderer auf eine bereits gut etablierte chinesischen Gemeinde. Für deren Mitglieder ist Frankreich die letzte Etappe einer Immigrationsgeschichte, die bereits vor mehreren Jahrhunderten ihren Ursprung nahm. Es sind die so genannten 'Boat People'. Frankreich verlieh ihnen Mitte der siebziger Jahre den Flüchtlingsstatus, da sie aus dem ehemaligen Indochina flüchteten, wo sie Opfer von Konflikten und Verfolgung geworden waren. Diese Kantonesen, Teochius oder Hakka gehören Ethnien an, die ursprünglich in China ansässig waren, sich dann aber über das gesamte Südostasien verstreuten. Sie sind oft in der vietnamesischen, laotischen oder thailändischen Kultur verwurzelt.

Die 'Neuen' sind auf dem Laufenden über die aktuellen Geschehnisse in China.

Die alte und neue Gemeinschaft chinesischer Einwanderer in Paris sind sich mehr als fremd - sie haben weder eine gemeinsame Geschichte, noch eine gemeinsame Sprache. Während die 'Boat People' hauptsächlich im 13. Arrondissement von Paris leben, richten sich die neuen chinesischen Einwanderer im 3. Stadtbezirk und im Nordosten der Stadt ein. Es gibt also zwei chinesische Viertel in Paris. Obgleich das Verhältnis zwischen den beiden Gruppen nicht immer freundschaftlich ist, gibt es ganz reale Interaktionen. Denn mit der Ankunft der neuen Einwanderer wird die chinesische Wirklichkeit fassbarer. Die 'Neuen' sind auf dem Laufenden über die aktuellen Geschehnisse in China. Oft lebt ein Teil der Familie noch in China.

Eine Kultur im Wandel

Das chinesische Fernsehen findet seit kurzem ein großes Publikum für seine Satellitenprogramme - sowohl unter den neuen als auch unter den alten Einwanderern. Vor allem wird Mandarin, offizielle Staatssprache Chinas, zur 'Lingua Franca' der ausgewanderten Chinesen. Dies bezeugt ein wohlhabender chinesischer Unternehmer mit laotischen Wurzeln, der 1978 nach Frankreich kam: "Sogar die Teochiu und die Kantonesen schaffen es nicht mehr, sich voneinander zu unterscheiden wie noch vor 50 Jahren. Damals konnte sich der eine dem anderen nicht in seiner eigenen Sprache verständlich machen. Durch Mandarin-Chinesisch ist das heute nicht mehr so. Es gibt weniger Unterschiede!" Nach Ansicht dieses Unternehmers sind die chinesischen Dialekte von geringer Wichtigkeit im Vergleich zu Mandarin-Chinesisch, das zur wahren Geschäftssprache geworden ist.

Damals konnten sich Teochiu und Kantonesen kaum verständigen.

Dieses Phänomen des kulturellen Wandels funktioniert nicht nur einseitig. Seit einigen Jahren organisieren die neuen chinesischen Einwanderer in Paris eigene Umzüge nach den Traditionen ihrer südostasiatischen Vorfahren, um das chinesische Neujahr zu feiern. Die Parade aber hält sich nicht etwa an die Traditionen ihrer Heimatprovinzen in China - sie ähnelt vielmehr den Neujahrsritualen der 'Boat People'.