"China ist eine Chance, keine Bedrohung für Europa"

Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2005
Artikel veröffentlicht am 5. Dezember 2005

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Die chinesische Wirtschaft boomt und in Europa wächst die Angst vor der kommenden Supermacht China. Zu Unrecht, meint Yiyi Lu, Wissenschaftlerin am englischen Think Tank „Chatham House“.

Das starke Wirtschaftswachstum in China nährt in Europa Ängste: Welche Konsequenzen hat der Boom für Europa und den Rest der Welt? Dr. Yiyi Lu, Forschungsbeauftragte im Londoner Think Tank "Chatham House" (vormals das "Royal Institute of International Affairs") beantwortet diese Frage eindeutig: "China ist eine Chance, keine Bedrohung für Europa."

Ignoranz erzeugt Angst

Trotzdem: Die Beziehungen zwischen Peking und Brüssel sind nicht gerade eng. Yiyi Lu benennt die beiden größten Probleme: Das seit 1989 bestehende Waffenembargo der EU und die strikter werdenden Bestimmungen für chinesische Textilprodukte. Doch in diesen Fragen komme man, so die Wissenschaftlerin, deshalb nicht weiter, weil es keine gemeinsame EU-Außenpolitik gegenüber China gebe: "Die einzelnen Mitgliedsstaaten verfolgen unterschiedliche politische Ziele. Innerhalb der EU ist man sich uneinig, wie das Verhältnis zu China gestaltet werden soll."

Ein anderes Problem sei die Angst der EU vor billigen Produkten aus China. Eine Angst, die Lu mit dem Wort "ignorant" umschreibt. Ihrer Meinung nach "kann China Billigprodukte in die EU exportieren, während die EU-Länder umgekehrt einen Vorteil aus der Liberalisierung des Finanzwesens ziehen können, die in China langsam in Gang kommt." Im chinesischen Finanzsektor betätige sich eine wachsende Zahl britischer Unternehmen. "Früher", so Yiyi Lu, "konnten ausländische Unternehmen nicht auf dem chinesischen Markt agieren. Heute ist dies möglich."

Gut und billig

Auch wenn europäische Hersteller von No-Name Produkten nicht glücklich darüber sein mögen, "die Einzelhändler und Verbraucher in Europa sind begeistert über die wachsende Zahl von chinesischen Produkten auf ihren Märkten. Und das aus einem ganz einfachen Grund: Die Preise der chinesischen Unternehmen sind unschlagbar." Frau Lu glaubt auch, dass durch den Wirtschaftsboom Chinas "angesehene Marken wie Gucci, Armani und Chanel europäische Luxusgüter der aufkommenden reichen Oberschicht Chinas" anbieten könnten.

Tatsächlich protzen in Chinas Großstädten Einkaufszentren mit echten Markenprodukten. Zu ihren Kunden zählt die aufkeimende Schicht von Neureichen mit ihrem wachsenden Bedürfnis nach Qualität. Gleichzeitig aber überfluten Produkte, die die berühmten europäischen Marken imitieren, die Märkte der restlichen, nicht ganz so elitären Bevölkerung - in China und dem Rest der Welt. Um sie aufzuhalten gibt es in China gelegentlich Razzien, wie erst kürzlich auf dem Xuishui-Markt in Peking. Doch es wird mehr als das brauchen.

Die Modehäuser der kopierten Labels haben nicht unbedingt das Gefühl, dass die chinesische Produktion angemessen kontrolliert wird. In ihren Augen stellt dies eine ernstzunehmende Bedrohung dar.

Das räumt auch Yiyi Lu ein: "Das ist die andere Seite der Medaille. Viele dieser berühmten Marken produzieren bereits ihre T-Shirts und Klamotten in China. Aus diesem Grund müssen sie auch damit rechnen, dass sie kopiert werden." Sie wolle aber nicht für Piraterie Partei ergreifen. Vielmehr handele es sich um einen "vorhersehbaren Nebeneffekt".

Wirtschaft vor Menschenrechten

Ein anderes Problem für Europa sind die Arbeitsbedingungen, unter denen die chinesischen Arbeiter ihre Produkte herstellen. Menschenrechte werden in China größtenteils nicht beachtet. Und das, obwohl noch um Jahr 2004 Peking offiziell erklärte, man wolle dem Rechtsstaat in Zukunft mehr Gewicht einräumen. Beim kürzlichen Besuch des chinesischen Präsidenten Hu Jintao in Großbritannien kam es deshalb zu Protesten. Eine ganze Reihe von Bedenken wurden geäußert. Die Besetzung Tibets wurde angeprangert, genauso wie die Einschränkung der Religionsfreiheit und die Beziehungen zu Taiwan. Und Präsident Bushs demonstrativer Besuch einer staatlich anerkannten protestantischen Kirche letzten Monat in Peking wird als Versuch gewertet, auf das Bedürfnis nach Religionsfreiheit im Land hinzuweisen.

Doch Yiyi Lu vertritt die Meinung, dass sich "Amerika nicht in der Position befindet, China Lektionen in punkto Menschenrechte zu erteilen." Amerika hab selbst einige Fragen in dieser Hinsicht zu klären, so Lu. "Bis die USA nicht vor ihrem eigenen Hof gekehrt haben, wird China keine Fragen zum Thema Menschenrechte ernst nehmen." Sie weist auch darauf hin, dass "Menschrechtsfragen auf die Beziehungen zwischen den europäischen Ländern und China bisher keinen Einfluss hatten." Anders gesagt: Die Haltung der EU zur Frage der Menschenrechte ist nichts weiter als politische Rhetorik. Wirtschaftliche Interessen gehen über Menschenrechte.

Es scheint so, als ob die Position der EU jener der chinesischen Regierung gleicht. Letztere betonte bisher immer wieder, dass "Wirtschaft und Menschenrechte nicht miteinander verbunden werden sollten: Handel ist Handel und Menschenrechte sind Menschenrechte." Lu glaubt, dass dies nicht unbedingt schlecht sein muss. Denn "die wirtschaftlichen Beziehungen werden zu Menschen- und Bürgerrechten führen. Es wäre ein Fehler, China jetzt zu isolieren. Isolationspolitik würde sich negativ auf alle Menschen, nicht nur auf die Mächtigen auswirken."