Chicas auf Rädern - 33 Hochzeiten und 1 Wiederbelebungsmaßnahme

Artikel veröffentlicht am 15. Dezember 2009
Artikel veröffentlicht am 15. Dezember 2009
Seit den fünfziger Jahren ist in manchen Regionen Spaniens eine folgenreiche Landflucht zu beobachten. Der Leitspruch: Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt... so kommen die Frauen in Bussen angefahren. Die Karawane der Frauen fährt gegen Spaniens geringe Bevölkerungsdichte an.

Ist es wirklich möglich, dass die Liebe per Bus kommt? Für viele junge Alleinstehende ist dies tatsächlich die einzige Hoffnung auf Erfüllung in der Liebe. Die zunehmende Landflucht der Spanier und die empfindliche Überalterung der Landbevölkerung bedrohen die Existenz weiter Landstriche. Ab den fünfziger Jahren, mit dem einsetzenden Wirtschaftsboom und dem dadurch entstandenen Arbeitermangel in den Städten, zogen viele Bauern aus ihren Dörfern in die Stadt - mit der Hoffnung auf ein besseres Leben. Seitdem hat sich der Prozess unaufhaltsam fortgesetzt: 80 Prozent der Bevölkerung leben auf nur einem Fünftel des spanischen Staatsgebietes. In den letzten Jahrzehnten starben 3000 Dörfer in der Landesmitte aus. Fast alle lagen in der Nähe von Madrid. Die Bevölkerungsdichte ist in diesen verlassenen Gegenden eine der niedrigsten in ganz Europa.

Go West - wie in den USA

Viele Gemeinden und Verbände möchten sich jedoch nicht kampflos geschlagen geben und haben zahlreiche Gegenmaßnahmen initiiert: Mieten von Wohnungen und Häusern zu Spottpreisen, Stellenangebote, Anwerben von Einwanderern - oder aber auch die etwas skurrile Maßnahme der Frauen-Karawanen. Die Idee wurde 1985 geboren, als eine Gruppe von Singles aus Plan in der Provinz Huesca im Norden Spaniens, den US-amerikanischen Film Westward the Women (Karawane der Frauen; 1951) sahen. Der Film spielt 1851 zur Kolonialzeit und erzählt die Geschichte über die Wiederbesiedlung des menschenleeren Westens der USA mit Damen aus Chicago.

Im spanischen Plan war das Geschlechterverhältnis ebenfalls erschreckend: Auf 40 alleinstehende Männer kam nur eine einzige alleinstehende Frau. So setzte die Gemeinde eine Anzeige auf, um heiratsaffine Frauen zwischen 20 und 40 Jahren für ihr Dorf zu gewinnen. Das Ergebnis der Aktion: 33 Hochzeiten und die Wiederbelebung ihres Dorfes.

Spanischer Bauer sucht Frau

Zehn Jahre später, 1995, beschließen Manuel Gozalo und andere Alleinstehende aus der Provinz Segovia, im Norden von Madrid, die Aktion zu wiederholen. Hier leben auf einem Quadratkilometer nur 25 Menschen. In der benachbarten Provinz sind es durchschnittlich 781. Die gesamtspanische Bevölkerungsdichte beträgt 92,6. Deutschland im Vergleich hat eine Bevölkerungsdichte von 231 Einwohnern pro Quadratkilometer.

Gozalo und seine Mitstreiter gründen daraufhin die Asociación de Caravana de Mujeres (ASOCAMU), was übersetzt so viel bedeutet wie „Verband der Karawanen-Frauen“. Mit beachtlichem Erfolg: Bis heute sind über 50 Karawanenzüge dieser Art organisiert worden, aus denen über 100 Ehen geschlossen wurden. Der Großteil der Frauen, die sich an den Aktionen beteiligen, stammt aus Lateinamerika. Sie reisen für einen Tag aus der Stadt an: Gemeinsames Mittagessen, gemeinsame Ausflüge in die Gegend. Abends gibt es einen Tanzwettbewerb. Das Single-Treffen endet mit einem Essen. Die Frauen tragen lediglich die Reisekosten, den Rest übernehmen die Männer. Gründe, um an derlei Treffen teilzunehmen - so die Frauen - seien primär das Schließen neuer Freundschaften und ihr Interesse an der spanischen Kultur.

Obwohl sich im Rahmen der ersten „Karawane“ noch keine Liebespaare fanden, versichert der Präsident des Verbandes, Manuel Gozalo, dass die Aktion ein voller Erfolg war. “Um interessierte Frauen zu finden, bin ich nach Aravaca (Bezirk von Madrid) und in andere Gegenden um Madrid herum gefahren. Viele Menschen hatten sich für unser Programm angemeldet.” Bei der zweiten Tour hat sich ein Liebespaar gefunden, das auch heute noch zusammen ist. Gozalo selbst ist der lebende Beweis dafür, dass die Idee funktioniert: “Ich habe meine Frau bei der dritten Runde getroffen. Wir haben uns unterhalten und uns danach immer wieder in Madrid getroffen. Nach einem Jahr sind wir zusammen gezogen.”

Eine filmreife Geschichte

Fünfzehn Jahre später fahren die caravanas vor allem durch die Regionen Castilla La Mancha, Castilla León und Extremadura. Die Geschichte kommt 1999 mit dem Film Flores de otro mundo (Icíar Bollaín) auf die Leinwand. Die Handlung: Drei Frauen aus der Stadt nehmen an einem Singletreffen teil und lernen Männer aus einem kleinem Dorf Guadalajaras (Provinz östlich von Madrid) kennen.

Am 28. November 2009 fand die Aktion erneut in Calzadilla de la Cueza (Provinz Palencia im nördlichen Zentrum Spaniens) statt. Nur 55 Menschen leben hier. Das Geschlechterverhältnis ist erschütternd. Gozalo glaubt zwar nicht an die Utopie, dass durch die Aktion die Entvölkerung auf dem Land gestoppt werden kann. Dennoch ist er sich sicher, dass sich die Situation verbessern könnte, wenn sich nur noch mehr Verbände gründen und die Karawanen-Aktion wiederholen würden. “Es geht vor allem darum eine gute Zeit zu verbringen und Menschen kennen zu lernen“, stellt Gozalo fest. „Um der Entvölkerung auf dem Land entgegenzuwirken, müsste man ganz andere Maßnahmen ergreifen, beispielsweise die Erhöhung der Viehzucht-Subventionen.”