Charlie Hebdo: Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb

Artikel veröffentlicht am 16. Januar 2015
Artikel veröffentlicht am 16. Januar 2015

Während der Großteil unserer Mitbürger und politischen Verantwortlichen die Alarmglocken läuten, wäre es doch so schön, sich einfach mal Friede-Freude-Eierkuchen mäßig auf die Solidaritätsbekundungen rund um Charlie Hebdo einzulassen. Willkommen in Charlies Weichspül-Welt. 

"Nicht alles in einen Topf werfen", "Ängste", "Politiker, die auf den Zug aufspringen"... Am Morgen nach dem Millionen-Marsch für Charlie Hebdo und die freie Meinungsäußerung am vergangenen Wochenende, haben sich viele mit ähnlichen Ideen identifiziert, die zahlreiche Kolumnen und politische Erklärungen in der französischen Presse füllten. Doch auf der Straße herrscht ein anderer Ton vor. Am Sonntag, den 11. Januar, zum Marsch der Republik in Paris, schrien die 2 Millionen Menschen sehr viel mehr Einheitsslogans, die manchmal sogar soweit gingen, der Polizei zu danken.

Ein wirklich ungesehenes Ereignis in Augen des jungen Demonstranten. Plötzlich sieht man da Leute, die Spezialeinsatzkräfte herzen, ein Fahnenmeer samt israelischer und palästinensischer Flagge, eine Truppe von 50 Staats- und Regierungschefs, die sich unterhaken - und sicherlich wäre da noch vieles mehr, das zu diesem herrlichsten Foto einer vereinten Welt in Paris, das uns an diesem Tag einige Stunden lang geboten wurde, hinzuzufügen wäre. Stellt euch diese Welt vor, in der alle hübsch aussehen und sich lieb haben. Oder stellt euch vor, dass man diesen nie gesehenen bürgerlichen Elan eines indignierten Volkes nutzen könnte, um einige Regierungen anzukreiden, die sich weiterhin freiheitsbeschneidender Gesetze erfreuen.

Charlie zum Wohlfühlen

In Charlies Welt würde die spanische Regierung sofort ihren neuen Gesetzesentwurf zur "Bürgerlichen Sicherheit" zurückziehen. Dieses sogenannte Ley de Seguridad Ciudadana, welches am 29. November vom Ministerrrat verabschiedet wurde, sieht unter anderem das Verbot von satirischen Zeichnungen vor, die Politiker aufs Korn nehmen. Und: eine saftige Geldstrafe von 30 000 Euro für die kleinen Übeltäter, die sich die Frechheit herausnähmen, eine nicht angemeldete Demonstration zu veranstalten.

In Charlies Welt würden Oppositionsbläter, wie das türkische Cumhuriyet, welches vier Seiten der ersten Charlie Hebdo-Auflage nach den Attentaten übersetzt unf veröffentlicht hat, weiterhin veröffentlichen, ohne dass gleich die Polizei auf der Matte steht. In der Nacht vom 13. auf den 14. Januar 2015 war die Polizei in der Druckerei von Cumhuriyet aufgetaucht, um die Inhalte der Zeitung zu überprüfen und einen Staatsanwalt einzuschalten, bevor (teilweise) gedruckt werden durfte. Im Netz mussten vier Webseiten ihre Inhalte nach dem Entscheid eines Gerichts im Südosten des Landes zensieren. In wessen Namen? Die Entscheidungen gehen auf die Interpretation der Justiz zurück, die Charlie Hebdo-Zeichnungen seien eine "Beleidigung einer Glaubensgemeinschaft".

Zum Marsch der Republik am 11. Januar 2015 in Paris waren Orban und Erdogan präsent.

In Charlies Welt könnte eine satirische Wochenzeitung in Ungarn gut und gern "einen Kondom schwenkenden Papst" auf seiner Titelseite samt Slogan "Das ist mein Körper" bringen, wie es sich dieser ungarische Journalist ausmalt. Und das ganz ohne dass die Regierung von Viktor Orban - besessen von der Neuschreibung der ungarischen Verfassung - das ungarische Zivilgesetz aushebeln kann, welches Personen aufgrund eines einfachen Witzes bestraft.

In Charlies Welt könnte Russland nicht den Sirenen der Kirche folgen und im Handumdrehen ein Gesetz verabschieden, welches die Blasphemie unter Strafe stellt. 2011 verabschiedet, verurteilt der Gesetzestext jede Person, "die mit dem Ziel, die Gefühle einer Glaubensgemeinschaft zu verletzen, Respektlosigkeit gegenüber der Gesellschaft zeigt" zu Strafen bis zu 11 500 Euro. Und wo wir schonmal dabei sind, in Charlies Welt könnte man in Moskau ein JeSuisCharlie-Poster hochhalten, ohne gleich festgenommen zu werden.

Charlie und die bösen Gottlosen

In Charlies Welt, soweit habt ihrs mitbekommen, sind alle lieb und gottlos. In Charlies Welt, um es mit anderen Worten zu sagen, müssten die Gesetze zur Gotteslästerung ja dann eigentlich an den Nagel gehängt worden sein. Doch sie existieren weiterhin in acht der 28 europäischen Mitgliedstaaten, darunter Holland, Dänemark, Polen, Deutschland und Griechenland. Die teilweise ordentlich angestaubten Paragrafen werden jedoch nur selten angewandt. Warum kann man sie also (in Charlies Welt) nicht einfach streichen?

In Deutschland geht der letzte Fall auf das Jahr 2012 zurück. Damals hatte das Satiremagazin Titanic einen Titel über Papst Benedikt gebracht, der sich gerade die Soutane (vorn und hinten) 'befleckt' hatte. Dieser hatte daraufhin Anklage gegen die Zeitschrift in Berufung auf den Blasphemie-Paragrafen 166 des Grundgesetzes erhoben, zog diese jedoch wieder zurück, als der Chefredakteur Sonneborn drohte, den Fall vor Gericht zu bringen. Ende der Geschichte. 

Das Problem ist, dass diese Gesetzestexte in großen Teilen Nordafrikas und im Mittleren Orient weiterhin Gotteslästerung und Apostasie kriminalisieren. Die 'Schuldigen' werden, im besten der Fälle, ausgepeitscht. Und trotzdem gibt es dort Menschen, die sich die Freiheit nehmen zu provozieren. Gut so! Denn je wahnsinniger desto witziger, das gilt sowohl in Charlies Welt als auch in unserer.