CERNs Robert Aymar und der europäische Mini-Urknall

Artikel veröffentlicht am 10. September 2008
Artikel veröffentlicht am 10. September 2008

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Am 10. September beginnt die Europäische Organisation für Kernforschung in Genf das größte Experiment in der Wissenschaftsgeschichte der EU. Es wird von 20 Mitgliedstaaten einschließlich Großbritannien gesponsert und soll die Zustände des Urknalls nachahmen. Zeitgleich wird gegen CERN eine Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht.
Interview mit Generaldirektor Robert Aymar.

8 Milliarden Dollar, 17 Jahre. Das sind die Rekordsumme und die Zeit, die es CERN (Europäische Organisation für Kernforschung) gekostet hat, um das 'Large Hadron Collider' bzw. das 'Großer Hadronen-Speicherring'-Experiment (LHC) auf den Weg zu bringen. Am 10. September werden Physiker nun versuchen, die Geheimnisse des 14 Milliarden Jahre alten Universums zu lüften. Technisch gesprochen - der große LHC Akzelerator wird Teilchen (Quarks) mit Detektoren ('ATLAS', 'ALICE', 'CMS' und 'LHCb') zusammenprallen lassen. Das Experiment verläuft in 10.000 bis 12.700 Metern Tiefe in einem 27 Kilometer langen Tunnel, in dem Millionen von Teilchenkollisionen an der Grenze zur Lichtgeschwindigkeit beobachtet werden können. CERN-Physiker nennen diese Kollisionen 'Mini Urknalle'. 

Wissenschaftstourismus

©aranmanoth/flickrIch schließe mich 50.000 Besuchern auf der ganzen Welt beim Tag der offenen Tür von CERN am 6. April an. Es werden Helme und Sauerstoffröhrengürtel verteilt. Niemand prüft meinen türkischen Reisepass als ich die Grenze zum zweiten Posten des Experimentierzentrums passiere, das sich über 27 Kilometer zwischen Frankreich und der Schweiz erstreckt. 

Die Europäische Organisation für Kernforschung ist vielen ein Begriff. Der britische Erfinder des World Wide Web, Tim Berners-Lee, arbeitete jahrelang für CERN. Und in Dan Browns Mystery-Roman Illuminati aus dem Jahr 2000 kämpft der Held, ein ehemaliger Priester und CERN-Wissenschaftler namens Leonardo Vetra, gegen den Vatikan. Die Antimaterie, die Vetra geschaffen hat, könnte den Tag des Jüngsten Gerichts herbeiführen, sollte sie in Kontakt mit Luft geraten.

In der Realität hat CERN tatsächlich die Antimaterie geschaffen. Allerdings ist sie weitaus weniger gefährlich als in Browns Roman. Nichtsdestotrotz wurde am 1. September am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte Klage gegen eines der Experimente eingereicht. Einige Wissenschaftler behaupten, dass Schwarze Löcher entstehen und innerhalb von vier Jahren den 'Tag des Jüngsten Gerichts' verursachen könnten. Eine Reaktion des CERN-Generaldirektors Robert Aymar.

Am 21. März haben zwei Wissenschaftler am Bezirksgericht von Hawaii aus Angst vor einer Art Apokalypse gegen das CERN-Experiment geklagt. Wie haben Sie reagiert?

Ich war überrascht. Es ist immer riskant, ein internationales Organ wie die CERN mit einzubeziehen. Aber es kümmert uns eigentlich recht wenig.

Will man mit der Klage mehr Aufmerksamkeit für das Projekt erreichen?

Zumindest hat es den Anschein, als ob diese Leute ein wenig Propaganda für sich machen wollten. Auch gegen zwei andere Experimente des amerikanischen Physik-Zentrums Fermilab wurde bereits Anklage erhoben. Lächerlich. Aber was ist schon Honolulu, sein Gericht - das ist doch ein absolut unbekannter Teil der Erde.

Englische Zeitungen haben das LHC Experiment als Forschung in 'Gottes Angelegenheit' beschrieben.

Sie nehmen damit Bezug auf das Higgs- bzw. schöpferische Teilchen. Es ist ein Name, den der Physik-Nobelpreisträger von 1988, Leon Lederman, geprägt hat. Der Amerikaner hatte ursprünglich einen ansprechenden Titel für sein Physikbuch gesucht (englische Ausgabe: 'The God Particle: If the Universe Is the Answer, What Is the Question?', 2006). Enttäuscht darüber, dass er das Higgs-Teilchen jahrelang nicht finden konnte, hat er es als das 'gottverdammte Teilchen' bezeichnet. Sein Verleger fand aber, 'Gottes-Teilchen' wäre ansprechender.

Suchen Sie nach der Hauptmaterie?

Ja, das wäre nett. Peter Higgs (britischer Physiker, der den Higgs-Mechanismus prägte und die Existenz des letzten fehlenden Elementarteilchens vorhersagte; A.d.R.) wäre sicher hocherfreut! Wenn nicht, werden wir uns das Teilchen auf eine andere Art und Weise beschaffen. Vielleicht bekommen wir ja den Nobelpreis.

Was ist die größte Entdeckung, die LHC machen könnte?

©ellengwallace/flickrIch habe immer gesagt, dass wir die letzten dreißig Jahre in der Disziplin der Elementarteilchen einen unglaublich großen Schritt nach vorn gemacht haben. Unsere ganze Arbeit baut darauf auf. Und wir können sehr zufrieden sein, weil gerade sie dazu beigetragen hat, dass wir über die Jahre so viele Nobelpreisträger hervorgebracht haben. Allerdings haben wir immer noch nicht verstanden, was hinter dieser Energie steht. Und dafür gibt es keinen besseren Weg als den fehlenden Baustein durch ein Experiment hinzuzufügen.

Wenn Sie jedoch fragen, welches der Teilchen für unser Wissen elementar ist, können wir nicht sagen, woher diese Masse stammt oder wie viele verschiedene Teilchen es gibt mit wie vielen entsprechenden Massen. Wir wissen nicht, warum ein Liter Milch eine andere Masse als ein Liter Wasser hat. Das älteste Modell stammt aus dem Jahre 1963. Wir versuchen herauszukriegen, ob dieses Modell falsch ist und ein anderes zutrifft, ob es sich beispielsweise um eine Frage der Antimaterie handelt. Nach der Entstehung des Universums war die Dichte hoch genug, um Strahlung und Teilchen im Gleichgewicht zu halten. Das heißt, dass Strahlung nicht entweichen kann, was die Teilchen absorbiert etc.

Was inspiriert Wissenschaftler bei CERN, um Tag und Nacht die Geheimnisse des Universums zu lüften? (CERN zählt 2500 Angestellte und 8000 Gastwissenschaftler, die aus 580 Universitäten und 85 Nationen stammen)

Wie das Universum entstand ist vage. Wir sollten über das Universum regieren - das ist unsere wahrhaftige Aufgabe. Der Umgangston unter CERN-Mitarbeitern ist sehr offen. Wir versammeln Wissenschaftler aus der ganzen Welt und sind froh, auf Leute zu treffen, die anders sind, obwohl wir nicht immer die Sprache verstehen.