Cédric Klapisch: "Meine Trilogie erzählt die Geschichte der Globalisierung"

Artikel veröffentlicht am 4. Dezember 2013
Artikel veröffentlicht am 4. Dezember 2013

Müsste man einen wirklich europäischen Regisseur zitieren - dann wäre es sicherlich der Franzose Cédric Kla­pisch. Zum Film­start des letz­ten Strei­ches in sei­ner Erasmus-Tri­lo­gie – Cas­se-tête chi­nois – plau­dert der Re­gis­seur über Zau­ber­wür­fel, das Äl­ter­wer­den und wie sei es auch sonst: über Eu­ro­pa. 

cafébabel: Ein cas­se-tête chi­nois auf Fran­zö­sisch, Titel Ihres neuen Films, was genau ist das?

Cédric Kla­pisch: Der Aus­druck ist ziem­lich bi­zarr im Fran­zö­si­schen [wort­wört­lich: chi­ne­si­sches Kopf­zer­bre­chen, im über­tra­ge­nen Sinne: Ge­dulds­spiel].  Es han­delt sich um so etwas wie ein Puz­zle, eine Art Rät­sel, das ge­löst wer­den muss. Viel­leicht ist es aber auch eine pe­ni­ble Sache, durch die man durch muss, so wie die Lö­sung des Zau­ber­wür­fels.

cafébabel: Den Titel ihres Films haben Sie ziem­lich früh ge­fun­den, gleich nach den Poupées Rus­ses (Au­ber­ge es­pa­gn­o­le - Wie­der­se­hen in St. Pe­ters­burg, AdR). Was genau ver­birgt sich hin­ter dem Kon­zept? 

Cédric Kla­pisch: Es geht um den Fakt, dass das Leben sich mit den Jah­ren nicht wirk­lich ein­fa­cher ge­stal­tet. Und ich spre­che vom wah­ren Leben da drau­ßen. Von dem Leben, das ex­po­nen­ti­ell kom­ple­xer und an­spruchs­vol­ler wird. Ich finde das aber nicht pro­ble­ma­tisch, das ist doch eher etwas Po­si­ti­ves: Alles Le­ben­di­ge ent­wi­ckelt sich gut wei­ter, weil es kom­ple­xer wird. Ur­sprüng­lich hatte ich den Ver­dacht – und er hat sich als wahr her­aus­ge­stellt – dass die­ses Ge­dulds­spiel im Leben von Xa­vier (Ro­main Duris; AdR) auch das ist, was ihn im End­ef­fekt zum Han­deln zwingt, ihn zu neuen Lö­sun­gen treibt. Es ist ein Motor, der ihm eine er­füll­tes Leben mög­lich macht.

cafébabel: Trotz­dem haben Sie am drit­ten Teil am längs­ten ge­bas­telt. Warum? 

Cédric Kla­pisch: Ei­gent­lich kann­te ich die Cha­rak­te­re in- und aus­wen­dig. Also dach­te ich, das sei ein Kin­der­spiel. Aber als ich den Faden der Ge­schich­te dann men­tal aus­ge­rollt hatte, wurde mir aber klar, dass ei­ni­ge Ele­men­te ent­täu­schend of­fen­sicht­lich sind. Des­halb muss­te ich wei­ter gra­ben, ver­tie­fen und Zeit ver­brin­gen, um die Zu­schau­er über­ra­schen zu kön­nen. Und mich selbst na­tür­lich auch.

cafébabel: Die­ser drit­te Teil wurde in Frank­reich er­war­tet, hat das nicht mäch­tig Druck auf­ge­baut?

Cédric Kla­pisch: Ja. Und das hat gleich­zei­tig das Schrei­ben schwe­rer ge­macht. Ich habe die­ses Be­dürf­nis ver­spürt, nicht un­be­dingt bes­ser aber zu­min­dest nicht schlech­ter als beim letz­ten Mal zu sein. Und das war ziem­lich lange sehr bängs­ti­gend für mich.

cafébabel: Gleich von Be­ginn des Films an hat man das Ge­fühl, die Prot­ago­nis­ten wie­der dort ab­zu­ho­len, wo man sie das letz­te Mal zu­rück­ge­las­sen hat. Dabei lie­gen zehn Jahre zwi­schen Cas­se-tête chi­nois und den Poupées Rus­ses. Wir haben Sie ihre Cha­rak­te­re wei­ter­ent­wi­ckelt?

Cédric Kla­pisch: Es war not­wen­dig, wie­der zu brin­gen, was man von Xa­vier aus der Ver­gan­gen­heit kann­te. Und gleich­zei­tig muss­te er sich aber auch ver­än­dern und wei­ter­ent­wi­ckeln. Das war kom­pli­ziert für mich und für Ro­main (Duris). Er ist jetzt vier­zig und kann nicht mehr so toll­pat­schig un­ter­wegs sein, nicht mehr so un­reif sein wie vor­her. Ich woll­te zei­gen, wie er er­wach­sen ge­wor­den ist, wie er 'Mann' ge­wor­den ist.

cafébabel: Man hat aber trotz­dem den Ein­druck, dass Xa­vier immer noch ganz schön chao­tisch ist, dass er stän­dig hin­ter ir­gend etwas her läuft.

Cédric Kla­pisch: Ich finde, er über­nimmt mehr Ver­ant­wor­tung, aber er über­nimmt sie nicht auf ex­trem ­kon­ven­tio­nel­le Art. Er könn­te ja auch ein­fach in Paris blei­ben, ohne seine Kin­der. Doch er ent­schei­det sich dafür, ein Leben zu leben, das er so nicht un­be­dingt woll­te. Na­tür­lich be­hält er auch seine kind­li­che Seite, zum Bei­spiel, wenn er über das Äl­ter­wer­den spricht. Mein ei­ge­ner Vater, der den Film ge­se­hen hat, hat mir ge­sagt: 'Was sind denn das für Leute, die ge­ra­de vier­zig sind und glau­ben, sie seien alt?' Und ich finde, er hat recht: Wenn man vier­zig ist, ist man nicht alt. Un­se­re Ge­sell­schaft übt sich der­art maß­los in Ju­gend­wahn, dass man mit vier­zig plötz­lich das Ge­fühlt hat, das Leben sei nun vor­bei. Dabei ist das Ge­gen­teil der Fall. Es ist ein an­de­res Leben, das da be­ginnt. Ich denke, der Film er­zählt auch ge­ra­de davon, von die­ser Art neuem Leben, das be­ginnt, wenn man in der Mitte an­ge­langt ist und be­ginnt, erste Bi­lan­zen zu zie­hen.

 

cafébabel: Die­ses neue Leben fin­det in Ihrem Drei­tei­ler schluss­end­lich au­ßer­halb von Eu­ro­pa statt. Steht Eu­ro­pa nicht ganz schön alt da?

Cédric Kla­pisch:  Eu­ro­pa ist ein to­ta­ler Wa­ckel­kan­di­dat ge­wor­den. Be­son­ders im Ge­gen­satz zu dem Eu­ro­pa, das ich zu Zei­ten von Au­ber­ge Es­pa­gn­o­le [2001] ge­filmt habe, wo es eine ge­wis­se Hoff­nung und Öff­nung gab und wo man sich sagte - "Wir sind alle Brü­der". Heute sind wir da wo ganz an­ders.

cafébabel: Was ist da pas­siert in den letz­ten zehn Jah­ren?

Cédric Kla­pisch: Es wur­den Feh­ler ge­macht. Schaut man sich die ge­gen­sätz­li­chen Po­si­tio­nen von Spa­ni­ern und Ka­ta­la­nen, von Wal­lo­nen und Fla­men, von Grie­chen und Deut­schen, von rei­chen und armen Län­dern an, dann lau­tet das Motto heute eher 'jeder auf sei­nen ei­ge­nen Mist'. Auf jeden Fall war die Krise von 2008 eine or­dent­li­che Brem­se, veil­leicht sogar ein wahr­haf­ti­ger Bau­stopp für die eu­ro­päi­sche Er­wei­te­rung. Und trotz­dem habe ich das Ge­fühl, dass die­ses Eu­ro­pa re­sis­tent ist. Viel­leicht bin ich ein dum­mer Op­ti­mist, aber man kann auch eine ge­wis­se So­li­da­ri­tät in Kri­sen­zei­ten be­ob­ach­ten. In die­sem drit­ten Teil woll­te ich aber auch gar nicht mehr un­be­dingt von Eu­ro­pa spre­chen, son­dern von der Glo­ba­li­sie­rung. Die Tri­lo­gie er­zählt schluss­end­lich die Glo­ba­li­sie­rung, der wir seit 20 Jah­ren bei­woh­nen.

cafébabel: Xa­vier ist ein Re­prä­sen­tant des Alten Kon­ti­nents, in­wie­fern gehen Eu­ro­pa oder die USA un­ter­schied­lich an die Glo­ba­li­sie­rung heran?

Cédric Kla­pisch: Die Leute ma­chen sich auf den Weg nach Ka­na­da oder in die Staa­ten, Län­der, die die Krise wahr­schein­lich sogar hef­ti­ger er­lebt haben als wir. Aber sie kamen ir­gend­wie bes­ser damit klar, das ist wirk­lich un­glaub­lich! Dort gibt es einen ge­wis­sen En­thu­si­as­mus, wäh­rend wir in Eu­ro­pa die große De­pres­si­on leben, be­son­ders in Frank­reich. Wir sind total de­pri­miert.

 

(Of­fi­zi­el­ler Trai­ler: Cas­se-tête chi­nois - mit deut­schen Un­ter­ti­teln)

cafébabel: Vor einem Jahr haben Sie eine Ko­lum­ne über Eras­mus ver­fasst. Sehen Sie sich wei­ter­hin als Bot­schaf­ter des Aus­tausch­pro­gramms?

Cédric Kla­pisch: Auf jeden Fall, ich denke, das ist die beste Sache, die Eu­ro­pa je pas­siert ist. Man kann ein­fach nicht ver­nei­nen, dass Eras­mus ein ab­so­lu­ter Er­folg ist. Ich habe mit Men­schen ge­spro­chen, die das Pro­gramm in Brüs­sel lan­ciert haben. Zehn Jahre lang haben sie ver­sucht, Leu­ten, die einen Brain-Drain fürch­te­ten, diese neue Idee zu ver­kau­fen. Am Ende ist genau das Ge­gen­teil ein­ge­tre­ten. Wir haben so etwas wie die Selbst­be­haup­tung der eu­ro­päi­schen Iden­ti­tät mit­er­lebt.

cafébabel: Wir sind mit Ihren Fil­men 'groß' ge­wor­den. Wie schaf­fen Sie es, den Zeit­geist der Ge­ne­ra­ti­on Y immer wie­der ein­zu­fan­gen?

Cédric Kla­pisch: Ich achte sehr auf die Sa­chen, die um mich herum ge­sche­hen. L’Au­ber­ge Es­pa­gn­o­le hat das Leben ei­ni­ger Men­schen ver­än­dert, nur weil sie mei­nen Film ge­se­hen haben. Dar­auf bin ich stolz.

Das In­ter­view führ­ten Ka­tha­ri­na Kloss & Mat­t­hieu Amaré.

'Cas­se-tête chi­nois' von Cédric Kla­pisch, Deut­scher Ki­no­start: 2. Ja­nu­ar 2014