Casale Podere Rosa: grünes Versuchslabor der Römer Vorstadt

Artikel veröffentlicht am 14. April 2011
Artikel veröffentlicht am 14. April 2011
In der römischen Peripherie, die von einem grassierenden Urbanismus geprägt ist, kämpfen die Aktivisten des Kulturzentrums Casale Podere Rosa seit mehr als 20 Jahren für einen neuen Lebensstil im Namen des Umweltschutzes. Ihre Waffen?
Besetzte Häuser, Bio-Märkte, Filmvorführungen und Solarzellen… Um zu vermeiden, dass das grüne Marketing den Sinn erneuerbarer Entwicklung verfremdet, haben sich die Aktivisten auch auf dem Feld der Gedächtnispolitik engagiert.

Der Eingang des KulturzentrumsAm Rande einer Autobahn reihen sich Wohntürme monoton aneinander. Nur ein paar Benzinpumpen und Supermärkte, deren Farbspiele für einen kurzen Moment ins Auge fallen, lenken von der ansonsten uniformisierten, urbanen Einöde ab. Die römische Peripherie wurde ohne reelle städtebauliche Grundlage aus dem Boden gestampft, frei nach einer willkürlichen Expansionspolitik, die einzig den Regeln der Immobilienspekulanten zu gehorchen scheint. Deshalb offenbart die Vorstadt bis heute ein wenig geselliges Gesicht, das mit den atemberaubenden Bauten der römischen Innenstadt nichts gemein hat. Es gibt sogar ein Wort im römischen Dialekt, das die Abwesenheit des städtebaulichen Konzepts perfekt beschreibt: « I pallazinari » (in etwa: Palast-Spekulanten; A.d.R.). „Bei der Konstruktion dieser Gebäude hat man weder an Parks noch Grünflächen gedacht, und noch weniger an gemeinschaftliche Transportmittel. Am Wochenende fahren die Anwohner mit dem Auto in die Einkaufszentren. Es gibt keine Infrastruktur, die dafür sorgen würde, dass sich Nachbarn in der Nähe ihrer Wohnorte treffen. Und trotz alledem leben in den römischen Vorstädten fast 90% der Bewohner der italienischen Hauptstadt“, stellt Francesca, eine der Gründerinnen des Casale Podere Rosa, eines Sozialzentrums in der nordöstlichen Peripherie Roms, fest.

Legales Squat und lokaler Anbau

Nicht weit vom Naturpark Aguzzano, grünes Herz in grauem Umfeld, entfernt, kämpft dieses wahrhaftige Labor von Umweltaktivisten seit 1993 einen langen, friedlichen Kampf gegen das Pallazinari-Modell. Dazu gehören beispielsweise Filmvorführungen, Konferenzen oder auch so genannte « biosteria » (Bio-Tavernen): Der Vorsatz ist dabei immer der gleiche. Es gilt zu zeigen, dass ein anderer Lebensstil, der Umwelt und Menschen mit Respekt behandelt, möglich ist. Eines der ersten Kultur- und Sozialzentren, die Solarzellen installiert haben„Wir waren das erste soziale Zentrum in Rom, das offen angesprochen hat, dass Umweltprobleme eng mit sozio-ökonomischen Problemen verknüpft sind und zusammen gedacht werden müssen“, erklärt Francesca weiter. Die Gründer des Casale Podere Rosa verurteilen die Verschwendung und konsumeristische Einstellung der kapitalistischen Gesellschaft sowie die Ausnutzung der Arbeitskräfte und Ressourcen aus dem Süden im Namen eines unsozialen und entfremdeten Wirtschaftsmodells. Aber sie gehen auch zu Taten über und üben Druck auf die lokalen Autoritäten aus, indem sie illegal ein altes, verlassenes Landgut besetzten, in dem sich bis heute ihr Projekt befindet. „Dank unserer Aktion hat die Gemeinde 1994 ein Gesetz verabschiedet, welches die Besetzung leerstehender Gebäude in Rom durch Kultur- und Sozialzentren legalisiert.“Als Pionier eines „grünen Aktivismus“ ist das Casale Podere Rosa eines der ersten Sozialzentren, das Coca Cola verbannt, Solarzellen installiert und ein solidarisches Bio-Food-Projekt lanciert hat. Produkte kommen selbstverständlich nur von Biobauern aus dem Umkreis der italienischen Hauptstadt. „Als wir das Projekt vor 10 Jahren gestartet haben, gab es nur 6 oder 7 Familien“, erinnert sich Barbara, eine weitere Volontärin. „Heute sind es über 70, ein Zeichen dafür, dass sich die Mentalitäten ändern!“ Die Initiative stieß auf großes allgemeines Interesse, so dass die Familien schlussendlich sogar entschieden haben, ein gemeinsames Projekt zu finanzieren, in dessen Rahmen ein Job kreiert werden konnte. Seit kurzer Zeit findet auch ein Mal monatlich ein Bio-Markt im hauseigenen Garten statt. Und mehr und mehr Leute aus dem Umkreis stoßen dazu: „Die Leute kommen hierher, um miteinander zu plaudern oder Apfelsorten zu probieren, die schon längst vergessen waren. Auch wenn nicht alle von ihnen mit Konzepten wie Bio-Anbau oder Locavores bekannt sind, so verbringen sie ihren Samstag zumindest nicht im Supermarkt“, erfreut sich Francesca der kleinen Siege ihrer Struktur.

Nichts für’s Kurzzeitgedächtnis

Die Freiwilligen des Casale Podere Rosa plagt eigentlich nur eine Angst: Dass ihre Ideen durch den Triumph der grünen Wirtschaft verfälscht werden. „Man spricht ja jetzt überall von grünen Energien, doch nirgendwo wird das System an sich in Frage gestellt, ein System, das die Umwelt zerstört und zu sozialen Ungleichheiten führt“, gibt sich Barbara beunruhigt. Und um diesen Aspekt ihres kritischen Denkens auch an zukünftige Generationen weiterzugeben, spielt sich ihr Kampf seit einigen Jahren auch auf dem Feld der Gedächtnispolitik ab. Mit der Unterstützung der lokalen Autoritäten wurde 2002 das Centro di Cultura Ecologica ins Leben gerufen, um daran zu erinnern, dass „die italienische Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur die eines ökologischen Desasters ist, sondern auch die eines zunehmend kritischen Bewusstseins.“

Das Zentrum engagiert sich auch in der Gedächtnispolitik in puncto Umweltthemen in Italien

Auf einem verlassenen Bauernhof, 10 Minuten zu Fuß von Casale Podere Rosa entfernt, wird eine wahrhaftige Archivarbeit betrieben. So gut wie alle Schnipsel und Meilensteine der Geschichte des umweltbewussten Denkens in Italien der letzten Jahre werden hier aufbewahrt. Das Zentrum hat beispielsweise einen Online-Datensatz über grüne Universitäten parat, die seit den 1980er Jahren in allen Ecken Italiens entstanden sind. „Die Unis befinden sich an der Basis des umweltbewussten Denkens in Italien“, erklärt Francesca. „Es gibt mehr als hundert davon im Land, die meistens im Rahmen von Vereinsaktivitäten oder in Sozialzentren abgehalten werden. Es werden Seminare und Konferenzen vorgeschlagen, die Themen wie Wirtschaft und Umwelt zu vereinen suchen. Zu dieser Zeit kümmerten sich normale Universitäten nicht die Bohne um diese Themen.“

Kurzatmiges Engagement?

In der Bibliothek des Centro di Cultura Ecologica sitzt eine Gruppe Jugendlicher - mucksmäuschenstill! Werden sie den Staffelstab übernehmen und die Aktivistengeschichte weiterschreiben? Marco, ein junger Angestellter des Zentrums, hat da so seine Zweifel. „In diesem Viertel von über 500.000 Bewohnern gibt es nur 3 Bibliotheken. Die Jugendlichen kommen hierher, um in Ruhe arbeiten zu können, aber nicht, weil sie sich für Umweltprobleme interessieren.“ Die Freiwilligen des Casale Podere warten ihrerseits ungeduldig auf den Nachwuchs. Von den 30 Freiwilligen der ersten Stunde sind sie heute nur noch 6 oder 7, die den Laden am Laufen halten. Die Luft scheint ein bisschen raus zu sein. Für die grünen Zentren der römischen Vorstadt ist der Kampf noch längst nicht beendet.

Dieser Artikel ist Teil unseres Reportageprojekts 2010-2011 Green Europe on the ground!

Fotos: Homepage (cc)sergis blog/flickr ; Text: ©Amélie Mouton