Çarshia: Unterwegs in Skopjes albanischem Viertel

Artikel veröffentlicht am 1. September 2011
Artikel veröffentlicht am 1. September 2011
Es gibt bedeutende Spuren der Geschichte zwischen Albaniern und Mazedoniern, Zeichen des Überlebens und Wiederauflebens nach den Balkankriegen. Eine Spurensuche in Skopjes albanischem Viertel Çarshia.

Auf der anderen Seite der Steinbrücke über den Fluss Vardar, der Skopje in zwei Teile spaltet, geht man in Richtung Çarshia e Vjetër (Alter Basar). Dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Es gibt Läden an jeder Ecke der Pflastersteingassen. Traditionelle, von albanischen Frauen handgewebte Teppiche hängen vor den Läden. Der Klang einer çifteli (albanisches Musikintrument) gibt die Hintergrundmusik eines Rapsoden (albanischer Folksänger). Eine Gasse führt ins Innere der Çarshia. Und genau dort werden die Geschichten einer traditionellen Lebensweise, die heutzutage vor allem bei ausländischen Besuchern in Skopje gut ankommen, erzählt. Die Herstellung von Produkten und Kunstobjekten, mit denen sich die Bewohner Mazedoniens einstmals ihr Leben verdienten, sind heute kaum mehr als Spuren der Vergangenheit und Touristenmagnet.

Der Klang von Hammer und Amboss ist verstummt

Die Çarshia entstand als ein frühes Handlungszentrum zwischen dem elften und zwölften Jahrhundert. Als Skopje 1392 unter osmanische Herrschaft fiel, wurde das Viertel Çarshia e Vjetër unter den sachkundigen Türken zu neuem Leben erweckt. Seit Ankunft der ersten Eroberer wurde der Bau und die Modernisierung der Çarshia durch bedeutende Handelsgebäude vorangetrieben, dabei entstand unter anderem der überdachte Markt - Bezisten. Seine architektonische Struktur symbolisiert den islamischen Dreier-Kodex: Moschee, Hammam (muslimisches Bad) und Han (Gasthaus). Noch heute befindet sich in der Nachbarschaft die Murat Pascha Moschee, das Çifte Hammam und der Suli Han neben zwei Kirchen im alten Basarviertel, das ebenfalls die städtische Kunstakademie beherbergt.

Çarshia ist riesig. Dort gibt es alles - von Teesalons und Restaurants, über Cafés bis hin zu verschiedenen Läden, in denen meist aus der Türkei importiertes Gold angeboten wird; Handwerker, die sich auf filigranen Silberschmuck spezialisiert haben, findet man hingegen nur selten. Familien leben nur wenige in diesem Viertel, in dem man noch immer einen Blick in die Häuser, in denen einst die Handwerker wohnten, werfen kann. Der Wunsch nach einem moderneren Leben scheint sie aus dieser Ecke Skopjes vertrieben zu haben. Der Schuhmacher Darçe Mitrevski ist einer der letzten Handwerker, die beschlossen, die Familientradition aufrecht zu erhalten. Der Laden, in dem er handgemachte Produkte verkauft, war bereits in Besitz seines Urgroßvaters. Doch niemand ist bereit den Laden nach ihm zu übernehmen. Darçe verbrachte jeden Tag seines Lebens in diesem Laden - seit er fünf war. Seine Söhne jedoch entschieden sich eigenen Berufen nachzugehen.

Staatliche Unterstützung

Viele der alten Handwerkskünste, die einstmals so charakteristisch für die Çarshia waren, sind dabei sich in Luft aufzulösen. Es gibt selbst in den traditionsreicheren Läden keine Ausbildungsangebote für den Nachwuchs mehr. Es wird zunehmend schwieriger nachzuvollziehen, wie traditionelle Schuhe aus dem Leder der Kühe der Region hergestellt werden, ebenso wie die gefärbten Wollteppiche oder Motive, die auf Decken, Kupfergefäßen und Pfeifen Zeugnis der Tradition des Landes ablegen. Seladin Jaiu, ein albanischer Handwerker, der in Çarshia aufwuchs, gesteht, dass das Leben im Laufe der Jahre schwieriger geworden sei. „Handwerkskunst ist seltener. Fast die komplette Herstellung wurde eingestellt, da sich die Jüngeren immer stärker von den Familienbetrieben distanzieren.“ Er zeigt auf einen Laden, der chinesische Produkte verkauft. „Diese Produkte können nicht mit der hiesigen Handwerkskunst verglichen werden, jeder kann sie für einen Euro kaufen, wohingegen unsere Produkte weitaus teurer sind.“

Auch von der Regierung kommt wenig Unterstützung für lokales Kunsthandwerk. Obwohl die Çarshia als kulturelles Erbe von besonderem Rang ausgerufen und sogar Kommissionen für die Erarbeitung verschiedener Revitalisierungsprogramme einberufen wurden, sind die einzigen neuen Läden in der Nachbarschaft Restaurants. Die Çarshia wurde in eine andere Art Geschäftsviertel umgewandelt, hat dadurch aber einiges an Charakter einbüßen müssen. „Nur drei der ursprünglich 50 Schmiede sind in der Çarshia geblieben,“ erklärt Ibrahim Zekiri. So wie es aussieht, wird auch weiterhin täglich ein Geschäft schließen müssen.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Orient Express Reporter 2010/ 2011 auf dem Balkan und in der Türkei.

Fotos: Homepage (cc)Panoramas/flickr; Im Text ©Nela Lazarevic für cafebabel.com Orient Express Reporter in Skopje