Captain Europe: Der Umhang fällt

Artikel veröffentlicht am 12. Dezember 2016
Artikel veröffentlicht am 12. Dezember 2016

2006 ist er aufgekreuzt. Zehn Jahre später hat Captain Europe, der einzige europäische Superheld, beschlossen, seinen blauen Umhang und seine Strumpfhose an den Nagel zu hängen. Ein Gespräch mit dem Typen, der unseren Alten Kontinent eine Zeit lang vor seinen alten Dämonen retten wollte. [Porträt.]

Er springt nicht von Gebäude zu Gebäude, rennt die 100 Meter nicht in 5 Sekunden und besitzt noch nicht die Fähigkeit zu sehen, was hinter den Mauern des Parlaments ausgeheckt wird. Seit nunmehr 7 Jahren schleppt Captain Europe seinen Umhang und seinen gelben Slip überall im Brüsseler Europaviertel mit sich herum. Bei einem Kneipenabstecher oder einer öffentlichen Versammlung diskutiert er, spricht Leute an und hält denjenigen stand, die debattieren möchten. Seine Superkräfte? Die europäischen Werte und Verträge, die er in- und auswendig kennt. Um darüber zu reden, wählte er anstelle eines anthrazitfarbenen Anzugs eine Uniform aus Lycra, was eine gewisse Ahnung von der Unerschrockenheit gibt, welche es ihm ermöglichte, die Crème de la Crème Europas und die einflussreichsten Staatschefs des Kontinents zu treffen. Nur, dass der Held nun nicht mehr den Verfechter der Gerechtigkeit für die EU geben wird. Vergangenen Monat hat Captain Europe beschlossen, aufzuhören. Er lässt eine wahrhaft schöne Geschichte sowie das bisschen Spaß, das den Brüsseler Institutionen verbliebenen ist, hinter sich zurück. 

„Warum sollte Europa nicht seinen eigenen Superhelden haben?“

Als er den Raum betritt, richten sich alle Blicke auf ihn. Für seine Abschiedsrunde durch Brüssels Kneipen hat er seiner Verkleidung noch einen draufgesetzt: Von Kopf bis Fuß in einen blauen Lycra-Overall gekleidet, gelingt es ihm, in einem gelben Slip an der Bar entlangzugehen, ohne seinen Stolz allzu sehr aufzugeben. Sein Umhang, seine Maske und sein Cape verleihen ihm letztendlich die Anonymität, welche ihm den Einsatz für die Gerechtigkeit ermöglichte. Die Neugierigen machen ein Foto von ihm, die Mutigen schlagen ihm ein Selfie vor. Captain Europe hat eine recht traditionelle, mit Trappistenbier und guter Stimmung gefüllte Brüsseler Kneipe gewählt, um vom Ende zu erzählen. Von seinem Ende: „Ich habe immer gesagt, dass ich meine Superheldenkarriere mit 40 Jahren beenden werde“, schnauft er. „In der Zwischenzeit wurde im Rahmen einer Reform des europäischen öffentlichen Dienstes das Renteneintrittsalter um 3 Jahre angehoben.“ Der Mann mit der Maske beschloss daher, den Spaß bis zu seinem 43. Lebensjahr fortzuführen.

Die Idee, das Kostüm überzuziehen, ist ihm vor 10 Jahren gekommen. 2006 fand er sich, als Mönch verkleidet, beim Karneval inmitten bekannter amerikanischer Superhelden wieder: Batman, Spiderman, Captain America, ... „Und da habe ich mich dann gefragt, warum Europa noch keinen eigenen Superhelden hat“, erklärt er, den Ellenbogen hebend. Die weitere Geschichte liest sich dann wie ein Marvel-Comic: Der Mann geht nach Hause, beseelt von dem Wunsch, Gutes zu tun. Drei Jahre lang zeichnet er im Verborgenen die Erkennungsmerkmale und das Kostüm, welches sein zukünftiges zweites Ich überziehen wird. Erst 2009 tritt Captain Europe schließlich „beim Tag der offenen Tür der europäischen Institutionen“ in Erscheinung. 

Hier die Antwort von Captain Europe auf die Frage: „Was hat Europa für uns getan?“

Seitdem erblickt man seine Silhouette bei Veranstaltungen in der Euro-Bubble und mitunter im Ausland. „In London und Kopenhagen wurde ich sehr freundlich empfangen, obwohl dies die Hauptstädte zweier als eher euroskeptisch geltender Länder sind“, betont er. Dennoch kann man schwerlich behaupten, dass unser europäischer Kick-Ass von der Statur eines „normalen Helden“ ein Star in den Mitgliedstaaten ist. Geht man nach den sozialen Netzwerken, so versetzt sein gelber Slip lediglich sein Brüsseler Viertel in Aufregung: Seine Facebook-Seite hat etwas mehr als 2000 Fans, 3000 Personen folgen seinen Heldentaten auf Twitter. In der Beliebtheit rangiert er weit hinter seinen amerikanischen Amtskollegen, Captain Europe erschreckt zweifelsohne ein wenig mit seinen föderalistischen Vorstellungen.

  Der „beste schlechteste Moment

Krise der Staatsverschuldung und des Euros, Zunahme von Rechtsextremismus und Populismus, Brexit – die Europäische Union knabbert immer etwas mehr an ihrem Image. Jetzt im Kielwasser des Präsidenten des Europaparlaments Martin Schulz zu gehen, kommt fast einer Flucht gleich. „Es ist nie der richtige Moment“, erwidert der Captain. „Aber ich behaupte nicht und habe nie behauptet, dass die Europäische Union, so wie sie aktuell ist, perfekt ist, da gibt es noch Arbeit.“ Auf die heiklen Vorfälle angesprochen, die den Ruf mehrerer EU-Kommissare ankratzen, äußert er seine „Enttäuschung“ über einige Politiker. „Wenn die Europaabgeordneten und EU-Kommissare sich schlecht benehmen, fällt das auf uns alle zurück.“ Für gewöhnlich bevorzugt der Mann mit dem Umhang, Abstand zu gewinnen, indem er die zahlreichen Krisen aufzählt, welche die EU schon erlebt und überstanden hat. „1960 die Politik des leeren Stuhls von General de Gaulle, in den 70er Jahren die Ölkrise, 2008 die Finanzkrise, der Brexit [...] und Europa gibt es immer noch. Jedes Mal hat es reagiert und standgehalten“, legt der Held los. Ein wenig optimistisch, aber keineswegs naiv, müsse man seiner Meinung nach die europäischen Werte tief verinnerlicht haben, um den Alten Kontinent zu lenken. „Man muss eingehende Kenntnisse der europäischen Werte besitzen [...] und integer sein“, ergänzt er. Das sind auf jeden Fall die Qualitäten, die er sich von seinen Nachfolgern erhofft. Denn ja, Captain Europe führt Gespräche, damit eine Art „europäischer Robin“ seine Arbeit fortführt. „Es wäre schön, wenn dies eine Frau wäre, aber bisher habe ich immer noch keine Bewerberinnen, nur einen Mann“, vertraut er uns seinen Schaum rührend an. „Ein ernst zu nehmender Kandidat“, präzisiert er.

Im Laufe all dieser 7 Jahre hat Captain Europe nie die Maske fallen gelassen. Man weiß nur, dass der Mann sich eines Tages einen Kinnbart wachsen ließ und 6 Sprachen spricht, darunter die französische mit einem ausländischen Akzent. Er soll ein Beamter der Brüsseler Institutionen sein, deren Räderwerk er sehr gut kenne. In einem spannungsvollen Moment verdeutlicht der Erfinder hinter der Maske, dass seine Figur mehr als nur eine Person sei: „Captain Europe ist in gewisser Weise Europa, so wie es sein sollte, das heißt stark, aber nicht zu schwerfällig, und bürgernah.“

Fernab der unaufgeregten Gespräche der Brüsseler Flure ist Captain Europe mehr ein „Ideen-Revoluzzer“ als das Symbol eines hypothetischen europäischen Heldentums. Ein Mann, der Gefallen an der Verkleidung gefunden hat, um Aufmerksamkeit zu erregen, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und manchmal diejenigen, die ihn beobachten, zum Schmunzeln zu bringen. Und wenn sein Abschied nun die wahre schlechte Nachricht des Jahres wäre?