Cannes blickt nach Osten

Artikel veröffentlicht am 18. Mai 2006
Artikel veröffentlicht am 18. Mai 2006

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Bei der diesjährigen Ausgabe des prestigeträchtigen Filmfestivals im südfranzösichen Cannes sind auch polnische, rumänische, ungarische, russische und litauische Produktionen vertreten.

Diese wurden überwiegend von einer neuen Generation junger Regisseure gedreht, vielversprechende Talente, die mit aller Macht in Europas Kinosäle drängen. Die in Osteuropa produzierten Filme zeichnen sich durch ihre Intellektualität und ihren Symbolismus aus. Sie nehmen avantgardistische Strömungen und Ideen auf und erzählen meist alltägliche Geschichten aus der Mitte der Gesellschaft. Liebhaber erinnern gerne an die eindrucksvollen Meuterei-Szenen an Bord von Sergej Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin. Ein Meisterwerk, das die Revolutionszeit widerspiegelte und trotz seines Propaganda-Stils den Grundstein für das zeitgenösische Kino legte. Seither ist im osteuropäischen Kino viel geschehen, doch die dort produzierten Filme genießen nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient hätten – nicht zuletzt, weil es ihnen an Geld mangelt.

„Ein gewisser Blick“ nach Osten

Die Welle des osteuropäischen Films hat nun auch Cannes erreicht. Dies zeigt sich schon in der Zusammensetzung der Jury des Kurzfilmfestivals. Ihr sitzt der russische Regisseur Andrej Konchalowski vor, der polnische Komponist Zbigniew Preisner gehört ebenfalls dazu. Auch die Reihe Un certain regard („ein gewisser Blick“) zeugt von der Präsenz des osteuropäischen Kinos. Sie ist ein Alternativprogramm zum offiziellen Wettbewerb, die es jungen Filmschaffenden ermöglicht, ihre Filme im offiziellen Teil zur Uraufführung zu bringen. Dieses Jahr werden dabei 22 Filme aus 20 Ländern gezeigt. Letztes Jahr ging der Preis von Un certain regard an den rumänischen Regisseur Cristi Puiu für seinen dritten Film Der Tod des Herrn Lazarescu.

Dieses Jahr hoffen nun der polnische Film Zodzysku und die rumänische Produktion The Way I Spent the End of the World auf die gleiche Auszeichnung. Dabei gehört der polnische Beitrag des aus Lodz stammenden Regisseurs Sawomir Fabicki zu den Favoriten. Sein Melodram erzählt die Geschichte eines Neunzehnjährigen, der sich in eine illegale Einwanderin verliebt. Sie ist Mutter, um die dreißig Jahre alt und ein Spiegelbild des „Polens der Kontraste“, wie es Fabicki ausdrückt. „Es war das erste Mal, dass ich ohne Drehbuch arbeitete. Ich wollte am Drehort direkt mit den Schauspielern und der Kamera spielen. Wenn irgendwas nicht gut lief, wenn ich meine Notitzen anschaute und die geplanten Themen einfach nicht aufkamen, dann wechselten wir vollständig den Drehort und die Pläne. Ich gab einige Dialoge auf, fügte etwas zur Kulisse hinzu…“ Das klingt vielversprechend.

Platz frei für die neuen Zaren!

Auch das russische Kino vereint eine Vielzahl von Blickwinkeln, sie ist laut Renat Dawletjarow, dem Vorsitzenden der Reihe Tous les cinémas du monde („Das Kino der Welt“) die „experimentierfreudigste Filmwelt“. Außer Russland nehmen auch Israel, Singapur, die Schweiz, Venezuela, Tunesien und Chile an der zweiten Ausgabe dieser Reihe teil, die versucht, die Vielfalt des Weltkinos zu zeigen.

Am 19. und 20. Mai widmet sich Tous les cinémas du monde dem russischen Kino. Es werden drei Langfilme gezeigt, eine vierte Vorstellung wird russischen Kurzfilmen gewidmet sein. Russische Regisseure haben dem Kino in der Vergangenheit wichtige Impulse gegeben. Doch die große Zeit des russischen Films ist laut Renat Dawletjarow vorbei: „Bis vor kurzem hat das russische Kino eine Zeit ohne große Filme erlebt.“ Doch jetzt könnte die Gelegenheit sein, neue Zaren des Films zu entdecken, wie es in ihrer Zeit Eisenstein, Bodrow oder Tarkowski waren. Letzter war absolut unbekannt, als er 1962 in Cannes mit seinem Werk Iwans Kindheit solch renommierte Regisseure wie Jean-Luc Godard, Stanley Kubrick oder Pier Paolo Passolini ausstach und sich damit unter den Meistern des Films einen Namen machte.

Europa bleibt seinem Stil treu

Ob aus dem Osten oder aus dem Westen: Europa ist der große Hauptdarsteller dieser 59. Ausgabe des Festivals. Solch bekannte und vielfach ausgezeichnete Regisseure wie Pedro Almodóvar, Aki Kaurismäki, Ken Loach und Nani Moretti loten aus, wie viel Aufmerksamkeit sie noch auf sich ziehen können. Daran hat auch die Europäische Kommission einen nicht zu unterschätzenden Anteil. Dank des Programms MEDIA konnten 17 Langfilme mit Hilfe von Gemeinschaftsfonds finanziert werden. „Wir werden die Früchte dieser Anstrengungen bald sehen“, sagte die EU-Kommissarin für Medien, Viviane Reding. Doch das europäische Kino weltweiten hat immer noch einen schweren Stand, es hat gerade mal 6,7 Prozent des russischen und 4,6 Prozent des US-amerikanischen Marktes erobert. Europa hat Qualitätsfilme vorzuweisen, die von den Anforderungen des Kinomarktes weit entfernt sind.