Cannes 2010: Drei Streifen und eine Palme

Artikel veröffentlicht am 24. Mai 2010
Artikel veröffentlicht am 24. Mai 2010
Die 63. glamourösen, internationalen Filmfestspiele in Cannes endeten am 23. Mai mit der Verleihung der Goldenen Palme, die dieses Jahr zum ersten Mal nach Thailand ging. Künstlerisch war Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives eindeutig der mutigste Wettbewerbsbeitrag - und sicher auch derjenige mit der stärksten Analogie zu den fantastischen Filmwelten von Jury-Präsident Tim Burton.

Nicht nur machte der thailändische Regisseur Apichatpong Weerasethakul den meisten Journalisten das Leben schwer, die bei der abschließenden Pressekonferenz ihre große Mühe hatten, seinen Namen richtig auszusprechen. Er steuerte dem ansonsten mittelmäßigen Wettbewerb auch den einzigen Film bei, der dem modernen Kino einen komplett neuen künstlerischen Ansatz liefert. In Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives (in etwa: „Onkel Boonmee, der sich an seine vergangenen Leben erinnern kann“) geht es um die Lebensgeschichte eines todkranken Mannes, die der Film in fantastischen, aber oft auch witzigen Episoden erzählt. Dem amerikanischen Jury-Präsidenten Tim Burton, selbst Regisseur eher düsterer oder fantastisch-skurriler Filme wie Alice im Wunderland (2010), Big Fish (2003) und Sleepy Hollow (1999), müssen Weerasethakuls Affenmenschen gut gefallen haben: Die Geisterwelt des Thailänders ist bevölkert von einer Spezies, die wie eine Kreuzung aus Star-Wars-Copilot Wookie Chewbacca und den Morlocks aus H.G. Wells‘ Die Zeitmaschine wirkt.

Weerasethakuls Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives handelt von der Natur und vom Übersinnlichen, von Leben und Tod, von Mondänem und Mystischem - es ist eine kraftvolle Filmkomposition, die es nach dem Festival hoffentlich in einige Kinos mit Kunstanspruch schaffen wird. Direkt nach der Vorführung waren die Reaktionen jedoch sehr unterschiedlich: Der Filmstudent James aus Boston verließ nach 40 Minuten Uncle Boonmee zum ersten Mal in seinem Leben ein Kino, während der Film noch lief. „Es war wirklich der schlechteste Film, den ich je gesehen habe“, sagte er, „viel zu langatmig und ohne Konzept. Der Film nimmt absolut keine Rücksicht darauf, dass man als Zuschauer der Handlung folgen will. Kaum zu glauben, dass er den wichtigsten Preis gewonnen hat.“

Blue Valentine von Derek Cianfrance:Der Geruch gebrochener Blumen

Den Liebhabern von Filmen mit konventioneller Handlung sei das brillante Drama Blue Valentine des vielversprechenden amerikanischen Regietalents Derek Cianfrance ans Herz gelegt. Wohl jeder, der schon einmal eine schmerzhafte Trennung durchgemacht hat, kennt folgenden Ablauf: Zuerst spricht man nicht mehr miteinander, dann streitet man sich über lauter Kleinigkeiten, schließlich kommt es zum großen Knall und man fragt sich, wie die einst so perfekte Beziehung nur in so einem Desaster enden konnte. Dem will Cianfrance nachgehen, indem er die Kamera auf Cindy (Michelle Willams, Ex-Lebensgefährtin von Heath Ledger) und Dean (Ryan Gosling) richtet, die versuchen, ihre scheiternde Ehe zu retten - sei es auch nur für ihre sechsjährige Tochter. Eine Nacht in einem futuristischen Hotel soll die Dinge richten, doch genauso kalt wie das blaue Licht in dem beengenden Hotelzimmer sind auch die Gefühle der beiden Ehepartner füreinander. Ihre Ehe ist längst zermürbt von Angst und Desillusion. Die Szenen im Hotel, fast ausschließlich verstörende Close-Ups, sind so stark, dass man meint, die gegenseitige Abneigung der Protagonisten beinahe selber spüren zu können. Flashbacks, die als Videoausschnitte in die Filmerzählung einfließen, erlauben dem Zuschauer zwischendurch Rückblicke in die glückliche Vergangenheit des Paares. Cianfrance schickt das Publikum auf eine wahre Achterbahnfahrt der Gefühle - Tränen und Freude liegen nah beieinander. Vor allem aber überzeugen die unglaublich starken Dialoge. Williams und Gosling geben dabei ein derart perfektes Paar ab, dass die zahlreichen „Sind-sie-nun-oder-sind-sie-nicht“-Gerüchte in Cannes nicht überraschen.

Rubber von Quentin Dupieux: Der französische Tarantino

Für die Freunde des Grindhouse-Films (Grindhouse ist ein amerikanischer Horror-Thriller von den Regisseuren Robert Rodriguez und Quentin Tarantino) empfiehlt sich der Film Rubber. Seit langem hat es in Cannes wohl keinen Beitrag mit einem derartig bizarren Plot mehr gegeben: Rubber handelt von einem mörderischen Autoreifen, der sich in der kalifornischen Wüste auf Rachefeldzug begibt und alles und jeden umbringt, der sich ihm in den Weg stellt. Der Horrorstreifen, vom Stil vergleichbar mit frühen Filmen Quentin Tarantinos, kommt von dem französischen Regisseur Quentin Dupieux, der unter dem Pseudonym „Mr. Oizo“ auch Musik macht. Von ihm stammen unter anderem die Elektrosounds der bekannten Levi’s-Werbespots mit Flat Eric und auch die Filmmusik für Rubber hat Dupieux selbst komponiert. Für seinen Protagonisten wurde während der Filmpremiere extra ein Platz im Kinosaal reserviert und auch am Strand soll der Mörder-Reifen gesichtet worden sein.

Lily Sometimes von Fabienne Berthaud: Sommer, Sonne, Boderline

Zum Schluss noch ein Hinweis auf Fabienne Berthauds überwältigenden Spielfilm Pieds nus sur les limaces (Engl:„Lily Sometimes“, auf Dt. etwa: “Barfuß über Schnecken“). Die deutsche Schauspielerin Diane Kruger und die Französin Ludivine Sagnier spielen hier zwei ungleiche Schwestern, die, wiedervereint vom Schicksal, in einem Sommerhaus in der Provence aufeinander treffen. Dieser herzzerreißende und trotzdem urkomische Film über eine junge Frau mit Borderline-Syndrom läutete bereits das Ende des Festivals ein und wurde nach der Premiere mit einer zehnminütigen Standing Ovation gefeiert. Lily Sometimes lief außerhalb des Wettbewerbs in der Sparte „Quinzaine des réalisateurs“ („Director’s Fortnight“) und wurde mit dem Art Cinema Award als bester Film ausgezeichnet. Der Kinostart in Frankreich ist für November 2010 geplant - im Anschluss wird Lily Sometimes hoffentlich in weiteren Ländern zu sehen sein.

Videos: 'Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives' ©houdinistudio;  'Blue Valentine' ' ©stereolullaby;  'Pieds nus sur les limaces' ©wunderschonDiane/ Youtube