Cannabis in Wien: grasgrünes Abkommen zwischen Handel und Bevölkerung

Artikel veröffentlicht am 27. Juli 2011
Artikel veröffentlicht am 27. Juli 2011
In Wien kommt auf 100.000 Einwohner ein Headshop. Ausreichend für die Liebhaber von Cannabis. Zudem verzeichnen die Shops ordentliche Erfolge und das in völliger Legalität. Das Rauchen eines Joints scheint in den Köpfen der Menschen angekommen zu sein.
Für eine bessere Qualitätskontrolle und um illegalem Handel entgegenzuwirken, plädieren in Wien verschiedene Betroffene für die vollständige Legalisierung der 'grünen Droge'.

Genau sechzehn Minuten. Keine Sekunde länger. Kaum hat der 'City Airport Train' (CAT) den Wiener Flughafen verlassen, setzt er einen auch schon mitten im Stadtzentrum ab. Völlig problemlos. Mit der gleichen Leichtigkeit, genauso schnell und ohne Hintergedanken landet ein Tourist, der auf der Mariahilfer Straße, Wiens größter Einkaufsmeile, flaniert, mitten im 'City Grow'. Wer die 400 m²-große Verkaufsfläche betrifft, steht plötzlich, am Puls der österreichischen Hauptstadt, im größten Geschäft für Cannabis-Pflanzen. Beeindruckend. Aber am südlichen Stadtrand wartet in Sachen Größe noch eine ganz andere Überraschung: Mit einer Fläche von 2000 m² präsentiert sich dort das gigantische Lager 'Grow City' ganz legal - als größtes 'Grow Center' des europäischen Kontinents.

"Wenn Sie zu Hause mehrere hundert Pflanzen haben und in der Lage sind zu erklären warum, dann ist alles in Ordnung"

Von nun an sind wir mittendrin statt nur dabei in der fabelhaften Welt der Hanfpflanzen. Willkommen in den Räumlichkeiten von Bushplanet. 1997 in Wien gegründet, bietet die Firma bereits seit 14 Jahren das perfekte Arsenal für Cannabisliebhaber. Homebox, elektrische Bauelemente, Glühbirnen mit hohem und niedrigen Energieverbrauch, Reflektoren, Kontrollschalter und Beleuchtungssysteme, Spiegelfolie, Ventilatoren, Filter aus Aktivkohle, Schalldämpfer, Geruchsneutralisierer, Luftbefeuchter, Gewächshäuser, Töpfe, Bewässerungssysteme, Gartengeräte, Stutzscheren, Blumenerde, Nährstoffe, Zusatz- und Düngemittel – alles ist in einem 55 Seiten starken Katalog aufgelistet. Das allerneuste Material, keine Frage, aber eben keine Drogen.

Man darf sich nicht täuschen lassen: Wien ist nicht plötzlich das neue Amsterdam. Wir sollten die bekannten Coffee Shops in den Niederlanden nicht mit den österreichischen Head & Growshops verwechseln. Bei Bushplanet findet man das nötige Zubehör und eben Cannabispflanzen, aber ganz sicher keine Blüten – und genau da liegt die Feinsinnigkeit. „Wenn Sie in Österreich planen, Drogen herzustellen, ist das völlig illegal“, bestätigen uns zugleich die Angestellten. „Aber wenn Sie zu Hause mehrere hundert Pflanzen haben und in der Lage sind zu erklären warum, dann ist alles in Ordnung. Es ist nicht unbedingt einfach, eine geeignete Begründung zu finden, die im Einklang mit den österreichischen Gesetzen steht. Aber die bloße Tatsache, dass Sie zu Hause Pflanzen besitzen hat an sich noch nichts Illegales. Wenn Sie dem Richter beweisen können, dass Sie die Pflanzen nur besitzen, aber keinesfalls die Absicht haben, sie zu rauchen, gibt es nichts zu fürchten.“

Rund zwanzig solche Geschäfte gibt es in Wien. In der Zwei-Millionen-Einwohnerstadt dürfte der Markt bald gesättigt sein. „Wenn Sie heute ein Geschäft aufmachen, brauchen Sie eine kreative Idee“, fährt unser Gesprächspartner fort. Um sich vom Wettbewerb abzuheben, muss man sich anstrengen und mutig sein. Nicht jeder ist der Herausforderung gewachsen, ein solches Geschäft aufzuziehen.“

Und wie sehen die Beziehungen zu den Ordnungskräften aus? „Anfangs hat sich die Polizei viele Fragen gestellt: häufige Kontrollen, Zerstörungen der Pflanzen, Anklagen vor Gericht, es war wirklich nicht einfach. Heute arbeiten wir viel effizienter zusammen. Die Polizisten haben verstanden, dass unsere Geschäfte nicht illegal sind und wir haben ihnen bewiesen, dass wir eine verantwortungsbewusste Firma sind. Nehmen wir zum Beispiel „Spice“, ein synthetisches Gras. Vor einigen Jahren haben wir uns geweigert, dieses Produkt in unseren Geschäften zu verkaufen und viele Kunden haben diesen Schritt nicht verstanden. Die Zukunft hat uns aber schließlich recht gegeben; denn mittlerweile ist das Produkt illegal. Wir sind nicht nur da, um Geld zu verdienen. Unsere Aktivitäten sind wohl überlegt. Unsere Geschäfte werden weiter wachsen, solange wir es nicht übertreiben.“

Betrachten wir nun die Tatsache, dass die Wiener alles, was es für den Cannabis-Anbau braucht, in Reichweite haben. Da kommen uns zwei Fragen in den Sinn. Ist es einfach, Cannabis mitten auf der Straße zu finden? Und wie leicht lässt sich das Profil eines typischen Marihuana-Konsumenten skizzieren? Die Antwort auf letztere Frage liegt auf der Zunge. „Ich kann Ihnen versichern: Seitdem ich bei Bushplanet arbeite, ist es für mich noch schwieriger, den typischen Konsumenten zu beschreiben“, gesteht ein Verkäufer um die Zwanzig und lächelt dabei verlegen. „Zu unserem großen Erstaunen kamen neulich drei Omas, die auf dem Balkon und im Garten Cannabis anbauen wollten. Sie waren sehr interessiert an unseren Produkten und haben nicht den Eindruck gemacht, dass sie die Einkäufe stellvertretend für ihre Enkel erledigen. Vielleicht waren es Hippies aus den 1960ern? Wer weiß. Zu uns kommen auch häufig Geschäftsleute. Unsere Kunden sind keine Dealer sondern einfache Konsumenten, die das was sie brauchen anbauen und kontrollieren.“

Auf dem Weg zur Legalisierung?

Mais la drogue en tant que telle est interdite à la venteUnsere verschiedenen Gesprächspartner sprechen sich natürlich einstimmig für die Legalisierung von Cannabis aus. Zunächst, um den Menschen ein kleines Stück Freiheit zurückzugeben. Dabei sei ihrer Meinung nach nicht mit einem Anstieg des Konsums zu rechnen; vielmehr würde sich dieser mit der Zeit stabilisieren. Darüber hinaus hätte man die Möglichkeit, die Qualität des verfügbaren Cannabis legal zu kontrollieren. Aber vor allem wäre der Handelsproblematik, die mit Cannabis einhergeht, endlich ein Ende gesetzt. „Die gegenwärtige Situation erlaubt es einer kleinen Gruppe an Einzelpersonen und Firmen, sich eine goldene Nase zu verdienen“, bekräftigen die verschiedenen Interviewpartner. „Sowohl für die Ordnungshüter als auch die Händler würde eine völlige Legalisierung enorme finanzielle Einbußen bedeuten. Deshalb rechnen wir leider in Österreich und noch weniger in Europa mit einem Gesetzeswandel.“

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Green Europe on the ground 2010/ 2011.

Fotos:  Homepage (cc)San Diego Shooter/flickr; Im Text © Frédéric Lambert