Camorra - Der Ursprung der organisierten Kriminalität in Italien

Artikel veröffentlicht am 16. Dezember 2008
Artikel veröffentlicht am 16. Dezember 2008
Der italienische Jounalist und Autor Gigi di Fiore erklärt das historische Heranwachsen der kriminellen Strukturen der Camorra in Italien, die damit gedroht hat, den Bestsellerautor Roberto Saviano noch vor Weihnachten töten zu wollen.

„Savianos Buch ist hervorragend, aber wenn die Emotionen, die es weckt, reiner Selbstzweck bleiben und nicht dazu anstacheln, mehr über die historischen Hintergründe herauszufinden, dann wird die Wirkung schnell verpuffen“. Gigi di Fiore ist Korrespondent der italienischen Tageszeitung Il Mattino, Geschichtswissenschaftler, Camorra-Spezialist und Autor des Buchs La Camorra e le sue storie (Die Camorra und ihre Geschichten). Cafebabel.com hat ihn ausfindig gemacht, um mehr über die historischen Wurzeln der Camorra zu erfahren. Nicht nur das europäische Publikum dürfte das interessieren. Auch so mancher Italiener, der glaubt, die Camorra sei schlicht in die Schublade „Verbrechen“ zu stecken, wird gespannt sein.

Wenn Sie einem jungen Europäer die Herkunft der Camorra erklären müssten, wo würden Sie anfangen?

©privatNa, ich würde bei ihren spanischen Wurzeln ansetzen. In der Novelle Rinconete y cortadillo (Ecklein und Schnittel), beschrieb Cervantes eine Verbrecherbande aus Sevilla, die ähnliche Regeln hatte wie die Camorra im 19. Jahrhundert. Die Urbanisierung Neapels und das Elend in der Altstadt haben vom 16. Jahrhundert an viele Kleinkriminelle in die Stadt gezogen, die sich mit Diebstahl über Wasser hielten. Seit dem 19. Jahrhundert können wir schließlich von der Camorra sprechen, einer Organisation, die sich ihrer Macht nach und nach bewusst wurde und der es gelang, aus den Geschäften der armen Leute Profit zu ziehen: Handwerker, Wäscherinnen usw. In den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts verfügte die Camorra bereits über eine richtige Struktur, mit Beitrittsregeln und einer pyramidenartig zentralisierten Organisation.

Aber 1861 kam die Wende, als das Königreich beider Sizilien verschwand und das norditalienische Piemont das Königreich Italien aus der Taufe hob...

Ja, die goldene Zeit der Camorra fällt in die sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts, mit der Umarmung des frisch geeinten Italiens durch die Camorra. So begab es sich beispielsweise, dass der savoyische Innenminister Liborio Romano den berühmten Camorra-Boss Salvatore De Crescenzo beauftragte, in der Stadt für Ordnung zu sorgen, und ihm für diesen Gefallen Straferlass und De Crescenzos Männern Posten bei der Polizei zusicherte. In seinen Memoiren verteidigte Liborio diese Maßnahme, indem er sagte: „In Ausnahmezeiten bedarf es außergewöhnlicher Schritte“. Von da an haben sich viele solcher Entartungen verfestigt und über die Zeit hinweg gerettet. Zwar wurde seit 1863 der Versuch unternommen, dem Phänomen beizukommen, allerdings nur mit mageren Ergebnissen.

Der Widerstand gegen die Autorität des neuen Staates hat nicht nur eine Stärkung der Camorra bewirkt, sondern auch das Brigantentum gefördert, ein Phänomen, das sich von der Camorra völlig unterscheidet…

… weil es hauptsächlich auf dem Lande verbreitet war, im Gegensatz zur Camorra, deren Schwerpunkt urbane Räume waren. Das Brigantentum hat auch durch das 1860 eingeführte Gesetz über die allgemeine Wehrpflicht (fünf Jahre, A.d.R.) einen Schub erhalten. Vor der italienischen Einigung wurden die Wehrpflichtigen im Süden des Landes mit Ausnahme Siziliens, das von der Einberufung ausgenommen war, per Los ermittelt. Es traf daher nur einen Teil der männlichen Bevölkerung. Und so kam es mitunter vor, dass man sich einen Ersatz „kaufte“.

©Wikipedia

Aber die nationale Einigung brache auch Verständigungsprobleme sprachlicher Art mit sich…

Die italienischen Behörden waren auf Übersetzer angewiesen, um die Briganten zu verhören. Die piemontesischen Beamten sprachen Französisch, das ist durch das historische Militäramt dokumentiert. 1880 gab es die ersten italienisch-neapolitanischen Wörterbücher. Die offizielle Sprache der Diplomaten war Französisch. Das gilt auch für die Beziehungen unter den italienischen Staaten vor der nationalen Einigung.

Hätte es eine Kriegserklärung des Piemont an das Königreich beider Sizilien gegeben, wäre die somit auf Französisch gewesen…

Wahrscheinlich schon. Wie dem auch sei, eine solche Kriegserklärung hat es nie gegeben. Im Übrigen fiel das savoyische Heer am 10. Oktober 1880 ins Königreich beider Sizilien ein, während die Volksabstimmung am 21. Oktober stattfand.

Aber lehren die Geschichtsbücher nicht, dass die Einigung den Segen des Volkes hatte?

Italien ist von nur 2 Prozent der Italiener gemacht worden. An den ersten Parlamentswahlen haben 400.000 von 21 Millionen Einwohnern teilgenommen. Die Einigung ist den Italienern von oben aufgedrückt worden. Und das hat dazu geführt, dass der Staat im Süden als ein Fremdkörper gesehen wird. Nur 0,2 Prozent der Freiwilligen im Zweiten Unabhängigkeitskrieg - der so genannten Alpenjäger - kamen 1859 aus dem Königreich beider Sizilien. Benedetto Croce (ein italienischer Philosoph und Humanist, A.d.R.) sagte 1922, dass Garibaldis Ankunft im Süden eine passive Revolution war: Die Menschen warteten ab, sie nahmen nicht aktiv teil. Garibaldi selbst hat sich darüber übrigens beschwert.

Welche historische Begebenheit illustriert die Misstaten der Einigung am besten?

Mit Sicherheit das Blutbad von Pontelandolfo vom 14. August 1861. Da wurde ein gesamtes Dorf dem Erdboden gleichgemacht, eine Vergeltungsmaßnahme der italienischen Armee wegen 41 in der Gegend getöteten Soldaten, eine Repressalie gegenüber jenen, die ja eigentlich Italiener sein sollten. Zu dem Zeitpunkt war kein Krieg.

Und wie erklärt man den wirtschaftlichen Niedergang des Königreichs beider Sizilien? Man kann sich heutzutage kaum vorstellen, dass die erste Eisenbahnlinie Italiens dort gebaut, die ersten archäologischen Ausgrabungen weltweit dort stattgefunden haben…

Das erste Budget des italienischen Staats wies im Jahr 1861 bereits ein Minus von 500 Millionen damaliger Lire auf. Eine Dukate, die im Süden verbreitete Währung, kostete vier Lire: der Kaufwert war höher. Im Reich Beider Sizilien gab es fünf verschiedene Steuern. Im Piemont waren es zwanzig! Die Bank von Neapel garantierte die Konvertibilität sämtlicher Währungen in Gold, dank beträchtlicher Goldreserven, ganz im Gegensatz zu den piemontesischen Banken. Nun muss man wissen, dass die Wirtschaft in Sizilien zwar dank eines protektionistischen Systems funktionieren konnte, für den freien Wettbewerb aber nicht gerüstet war. Die Schiffswerften von Pietrarsa schlossen, die Stahlhütten des Südens hatten das Nachsehen gegenüber denen des Nordens und auch die kalabrischen Eisenwerke mussten zumachen. Das konnte auch deshalb passieren, weil die norditalienischen Firmen politisch bevorzugt wurden.

Kann das Scheitern der Einigungsbewegung helfen, die Camorra zu erklären?

Erklären ja, rechtfertigen nein. Andernfalls wäre das ein Alibi für den Immobilismus.

Gibt es im Rest Europas Erscheinungen, die mit der Camorra vergleichbar sind?

Manchmal werden Parallelen mit Marseille gezogen. In den achtziger Jahren ist viel über den Clan der Marseiller gesprochen worden, die nach Neapel gekommen sind, um dort - erfolglos - den Zigarettenschmuggel unter ihren Einfluss zu bringen. Wo Häfen sind und Meer, da entsteht für kriminelle Organisationen die Möglichkeit, den Handel illegal auszunutzen. Aber die Camorra hat ihre ganz eigenen Kennzeichen und Funktionsmechanismen. In anderen Gegenden Europas fehlen die dafür nötigen Grundbedingen. Paradoxerweise gibt es gerade in Spanien, wo die Wurzeln der Camorra zu suchen sind, keine vergleichbaren Organisationen.

Vielleicht weil die spanische Einigung anders zustande gekommen ist…

Das mag sein. Was ein rein kriminelles Phänomen hätte sein können, ist zu einem sozialen Phänomen gemacht worden, das heute in einigen gesellschaftlichen Schichten über weite Sympathien verfügt. Für einige neapolitanische Soziologen ist die Camorra ein sozialer Stoßdämpfer. Die Unruhen der Pariser Banlieues hätten hier nicht stattfinden können, da die organisierte Kriminalität die soziale Gewalt zu dämpfen vermag, die Unzufriedenheit, die diffuse Angst. Auch dank des massiven Drogenhandels.