Cameron: Abgang durch die Hintertür

Artikel veröffentlicht am 16. September 2016
Artikel veröffentlicht am 16. September 2016

Nachdem Cameron zuerst das EU-Referendum total versaute und im Juli vom Amt des Premierministers zurücktrat, gab er nun auch seinen Sitz im Parlament auf. Wir werden ihn nicht vermissen. [KOMMENTAR]

“Briten geben nicht auf”, erzählte uns David Cameron am 21. Juni. Drei Tage später sagte er uns, er würde genau das tun – versicherte aber, noch bis zum Herbst an unserer Seite bleiben. Letztendlich hielt er es keine 30 Tage mehr aus. Und nun, nicht einmal zwei Wochen später, erinnert der jüngste Premierminister Großbritanniens seit 1812 an einen Hund, der mit eingezogenem Schwanz Richtung Tür läuft und winselt, er "will nicht ablenken". 

Cameron hätte die Möglichkeit gehabt, sich erfolgreich aus dem Amt zu verabschieden: Er übernahm die Partei der Konservativen, die nach 13 Jahren der Labor-Regierung an Größe verloren hatte, und regierte über zwei Legislaturperioden – zuerst in einer Koalition, und später mit überraschender Mehrheit. Während  seiner Amtszeit ging die Arbeitslosigkeit auf ein Rekordniveau zurück, gleichgeschlechtliche Ehen wurden gesetzlich erlaubt - das ist wahrscheinlich die einzige Sache, die ihm später positive zugutehalten wird. 

Aber während seiner Amtszeit traf er auf viele Situationen, die seiner Reputation hätten schaden können – und es schien, als würde er so ziemlich jede von ihnen wahrnehmen. Die Aufhebung der Steuervergünstigungen für Arbeiterfamilien (die vom House of Lords gestoppt werden musste) und die gnadenlose Beschneidung des Sozialsystems durch den Arbeitsminister Ian Duncan Smith sind nur zwei der offensichtlichsten Beispiele dafür, dass die Regierung Cameron die Sparprogramme komplett missverstanden hatte. Studierende mussten für die Studiengebühren plötzlich dreimal so hohe Schuldenberge bewältigen, und das Nationale Gesundheitssystem kommt den absurden Anforderungen des Gesundheitsministers kaum nach.

Aber alle diese Fehler sind nichts im Vergleich zu seinem größten Vergehen: Brexit. Eine Volksabstimmung, die er den britischen Bürgern anbot, um die nächsten Wahlen zu gewinnen. Die Bürger hatten nicht genug Kenntnisse, um die Entscheidung zu treffen – und er tat nichts, um uns die Entscheidungsfindung zu erleichtern. Damit legitimierte er die ansteigende Welle von Misstrauen, Fremdenhass und Rassismus in Großbritannien, das inzwischen weniger vereint ist als es je war. Und in dem daraus resultierenden Atmosphäre von Chaos und Unsicherheit zieht er sich zurück und behauptet, das seien nicht mehr seine Probleme. 

Nach dem Referendum wird eine der zwei nachfolgenden Dinge geschehen: Großbritannien wird entweder aus der EU ausscheiden, dann geht Cameron als schlechtester Premierminister der Menschheitsgeschichte in die Geschichtsbücher ein. Oder aus dem "Brexit bedeutet Brexit"–Gerede der Premierministerin Theresa May wird nichts und das Land wird eine Spur an Normalität zurück, dann wird man sich kaum noch an ihn erinnern. Für unser aller Wohl: Lasst uns hoffen, es ist das letzere.