CAMERA in Turin: mehr Fotografie, weniger Selfies

Artikel veröffentlicht am 19. November 2015
Artikel veröffentlicht am 19. November 2015

Es ist kein Museum und auch keine Ausstellung jener bekannten Aufnahmen, die man in Zeitschriften oder in der Werbung findet. CAMERA, das Italienische Zentrum für Fotografie, hat sich zum Ziel gesetzt, der Fotografie mehr Bedeutung beizumessen und sie durch didaktische Aktivitäten, Workshops, Begegnungen und Ausstellungen zu fördern. Wie z.B. Ukraine von Boris Mikhailov, die wir besucht haben.

Das Kameraobjektiv ist ein privilegierter Blickwinkel, um die Welt zu beobachten und über sie zu berichten. Künstlerische Bilder, Fotoreportagen und Amateur-Aufnahmen bilden den roten Faden, der unterschiedlichste, weit voneinander entfernten Ausschnitte und Ereignisse verbindet. Sie verleihen den flüchtigen Augenblicken Gestalt und verewigen mit einem Klick eine Geschichte, oft auch Die Geschichte. In einer Zeit, in der die Fotografie der Beruf von jedermann zu werden scheint und in der jeder für wenig Geld die Rolle des Fotografen einnehmen kann - und sei es nur mit dem Smartphone - hat im Oktober CAMERA eröffnet, das Italienische Zentrum für Fotografie in Turin. Hier soll die italienische Fotografie in einem internationalen Rahmen gefördert werden. Man braucht nur die wunderschönen Räumlichkeiten von CAMERA in der Turiner Innenstadt betreten – in der Via delle Rosine, genau dort, wo die erste öffentliche Schule Italiens ihren Sitz hatte – um der Diktatur der Selfies zu entkommen. Hier beobachtet das Kameraobjektiv wieder die Welt und weniger sich selbst.

Nennt es nicht „Museum”

Um Art und Funktion von CAMERA zu beschreiben, sollte man ein grundsätzliches Missverständnis vermeiden: es handelt sich nicht um ein neues Museum. Das Italienische Zentrum für Fotografie beabsichtigt, die Rolle einer Dienstleistung einzunehmen und verfügt deshalb auch nicht über eine permanente Ausstellung, sondern fördert die Fotografie durch zahlreiche Projekte. Allen voran die Didaktik: um das Erlernen der Fotografie zu unterstützen, werden Workshops für Jugendliche und Kinder organisiert. Viel Raum nehmen auch die thematischen Workshops zu Fotografie-Techniken ein, darunter Street Photography, das Porträt, die Natur, die Industrielle Architektur und die Anthropologische Forschung. Das Workshop-Programm, das in Zusammenarbeit mit der Leica Akademie Italy organisiert wird, findet an verschiedenen Orten statt und bietet die Möglichkeit, mit der Arbeit der großen Magnum-Fotografen in Kontakt zu treten. Nach dem ersten Termin Anfang Oktober in Rom (Jérome Sessini - Die Dokumentarfotografie und die richtige Distanz), stehen im November zwei weitere Initiativen auf dem Programm: Jonas Bendiksen: Fotografie und Erzählung (15.11. in Turin) und Cristina Garcìa Rodero: Der kreative Prozess einer Reporterin (21. - 22.11. in Lucca). Ein weiterer Aspekt, auf den sich die Arbeit von CAMERA stützt, ist die Förderung der italienischen Fotografie-Archive durch spezielle Studien, Ausstellungen und Publikationen. Auch Begegnungen, Konferenzen und natürlich Ausstellungen werden nicht fehlen. So wie die erste, derzeit noch laufende Ausstellung Boris Mikhailov: Ukraine.

Mehr als der Maidan. So haben wir die Ukraine noch nie gesehen

 „Ich kann mir keinen schlimmeren Ort zum Leben vorstellen”. So der lautgedachte, spontane Kommentar einer Besucherin nach dem Verlassen der Ausstellung. Eine vielleicht etwas übertriebene Anmerkung, die unter dem Eindruck des Moments steht. Aber die romantische Idee der Revolution, die man hegt, wenn man immer in Wohlstand und Sicherheit gelebt hat, findet tatsächlich keinen Raum in den Fotos von Boris Mikhailov. Menschen in den Fängen des Alkohols, verbrauchte Körper und trostlose Orte sind einige der Hauptgegenstände der Momentaufnahmen, die dem Betrachter die Kälte und den beißenden Gestank verbrannter Autoreifen direkt zu vermitteln scheinen. Der Maidan des ukrainischen Künstlers hat nichts Poetisches. Flatternde Fahnen, dicht zusammengedrängte Menschen. Einige lächeln, aber sie können die düstere Stimmung um sie herum nicht verdrängen. Die Ausstellung beschäftigt sich nicht nur mit den jüngsten Phasen der ukrainischen Revolution, sondern lässt die letzten fünfzig Jahre der Geschichte des Landes Revue passieren - von den Jahren der Sowjetunion und des Kommunismus bis zur Gegenwart. Die Aufnahmen erzählen Alltagsszenen, folkloristische und kuriose Aspekte sowie Menschen, die den Weg des Fotografen gekreuzt haben, wie seine Geliebten. Durch den Blick des Goslarer Kaiserringpreisträgers Boris Mikhailov tauchen wir in die Geschichte einer gequälten und komplexen Nation ein, in deren Erzählung auch die traurigen Details nicht ausgespart werden. Es scheint eine Anklage zu sein - mit Sicherheit ist es ein Zeugnis, das nicht gleichgültig lässt.