Camden Cares: Kicken statt Ausgrenzen

Artikel veröffentlicht am 27. Juni 2016
Artikel veröffentlicht am 27. Juni 2016

"Camden Cares" bringt seit Anfang 2016 junge Flüchtlinge mit Londoner Jugendlichen zusammen, und zwar auf dem Bolzplatz. Fünf Studenten der SOAS University haben das Projekt gegründet, jetzt soll es auf die ganze Stadt ausgeweitet werden.

Raphael GregorianMounir HaddadEmmanuel EtuhNazgol Kafai und Ramie Farag haben besonders eins gemeinsam. Sie alle haben ausländische Wurzeln und in London ihr neues Zuhause gefunden. Aber die fünf jungen Studenten an der London's School of Oriental and African Studies (SOAS) wissen auch, dass Integration nicht von alleine passiert, auch nicht in einer multi-kulturellen Stadt wie London. Deshalb gründeten sie im November 2015 das Projekt Camden Cares (Camden kümmert sich). Ihr Konzept? Gemeinsam Kicken gegen Ausgrenzung. Auf dem Bolzplatz sollen Kinder und Jugendliche von Flüchtlingsfamilien so im Londoner Bezirk Camden heimisch werden.

Die Projektgründer, alle Anfang zwanzig, lernten sich bei ParliaMentors kennen– einem von der UN ausgezeichneten Programm, das von der britischen NGO 3 Faiths Forum (3FF) ins Leben gerufen wurde. Das 2007 gegründete Leadership-Programm zielt darauf ab, Vielfalt und Toleranz in Großbritannien durch soziale Aktionen zu unterstützen. Diese Aktionen werden von Studenten in der Nähe ihres Campus' organisiert und von politischen Abgeordneten begleitet.

Ich treffe Raphael und Nazgol im Atrium Café des President Hotels am Russel Square, im Herzen von Camden. Es ist mit seiner „Goldenen Zwanziger“- Atmosphäre ein Lieblingsplatz für SOAS Studenten. Über Tee und Scones erzählen mir von der allerersten Initiative ihres ehrgeizigen Projekts: Ein Fußballspiel für junge Flüchtlinge, gemeinsam mit dem Arsenal Football Club im Stadion des Teams. Ihr Enthusiasmus für das Projekt ist ansteckend und es fällt mir schwer, mich länger der ruhigen Stimmung des Cafés anzupassen.

„Bis zum letzten Moment dachten wir, dass niemand kommen würde“, sagt Raphael, „aber am Ende waren es erstaunlich viele: 25 Jugendliche kamen allein zum ersten Spiel. Menschen aus EritreaAfghanistanKurdistan und anderen Ländern. Sie waren total begeistert. Einige konnten kaum Englisch sprechen, aber sobald sie die Namen von allen Jugendlichen kannten, ging das Spiel richtig los. Es war wirklich herzlich.“

Holpriger Start

Warum die anfänglichen Zweifel? „Camden Cares“ war eigentlich nur an die zwanzig Familien gerichtet, die im Jahr 2016 offiziell aus Syrien in das Viertel aufgenommen wurden. Zwei Wochen vor dem ersten Spiel kündigte das Innenministerium allerdings an, dass es anstatt zwanzig nur vier dieser Familien aufnehmen würde. Dadurch gab es plötzlich zu wenig Menschen, die in die Zielgruppe des Projekts fielen: Teenager.

Was zuerst nach einem Hindernis aussah, verwandelte sich schnell in eine Gelegenheit für noch größeren Ehrgeiz. Die fünf Studenten beschlossen, die Zielgruppe des Projekts auf alle Flüchtlinge in der gesamten Hauptstadt auszuweiten. In Zusammenarbeit mit anderen NGOs gewannen sie viele neue Teilnehmer. Mittlerweile kontaktieren britische Jugendliche, die bei der Initiative mitmachen möchten, sie sogar direkt.

„Ich war überrascht, wie viele Emails wir von britischen Teenagern bekommen, die keinen Zugang zu ähnlichen Events haben“, sagt Nazgol. „Es ist großartig, weil wir sie jetzt mit Flüchtlingen zusammenbringen können. Mit den Geldern, die wir bereits erhalten haben, können alle gemeinsam einen schönen Tag verbringen, weit weg vom Alltag.“ „Und es werden echte Freundschaften geschlossen“, fügt Raphael hinzu.

Mittlerweile ist das Projekt so groß, dass die Gruppe sich jede Woche trifft, um weitere Aktionen für die Zukunft zu besprechen. Das letzte Meeting konzentrierte sich auf die Nachhaltigkeit des Projekts nach den geplanten Veranstaltungen in diesem Jahr. „Jetzt, wo wir wissen, wie man verschiedene Geldquellen sichern kann, wie man Politiker anspricht, werden wir vielleicht mehr anbieten können als andere NGOs“, sagt Raphael.

„Zu westlich für den Osten, zu östlich für den Westen“

Ihr eigener Migrationshintergrund war ein Grund, diese Initiative ins Leben zu rufen - in London fremd zu sein ist nichts Neues für sie. Nazgols Familie zog in die Stadt, als sie ein Jahr alt war. Raphael wurde hier geboren, hat aber zypriotische und armenische Wurzeln. Emmanuel kommt aus Nigeria, Muneer aus dem Libanon und Rami ist Ägypter, der auch in der Hauptstadt geboren wurde.

„In der Oberstufe war ich das einzige Mädchen in meiner Klasse, das nicht aus England kam, und die anderen ließen mich das fühlen“, erzählt Nazgol. „Als ich zur Uni ging, behielt ich das Klischee im Kopf: Ich bin zu westlich für den Osten und zu östlich für den Westen. Aber wie kann jemand, der hier lebt und aufgewachsen ist, sich so weit von seinen Mitmenschen entfernt fühlen? Oder besser gesagt: Warum erlaubt die Gesellschaft es diesen Kindern nicht, sich wie ein Teil von ihr zu fühlen?“

Nazgol erklärt, dass dieses Problem nichts Neues ist. Integrationsprobleme gab es schon, bevor ihre Eltern herzogen: „Wenn es für mich mit 15 Jahren schon schwer war, mich als Teil des Ganzen zu fühlen, obwohl ich hier aufgewachsen bin, dann muss es zehnmal schwerer für jemanden sein, der gerade erst hergezogen ist. Wir wollen diesen jungen Menschen, die gerade nach London gekommen sind, helfen, sich zu Hause zu fühlen – aber auch genauso ihre eigene kulturelle Identität zu behalten.“

Trotz mancher Einbürgerungsprobleme, ist Raphael vom Leben in London begeistert: „Ich liebe das Leben hier, weil es so einzigartig ist. Es gibt zwar verschiedene Gruppen, die in bestimmten Vierteln wohnen, aber trotzdem machen alle gemeinsam den ganz besondern Vibe der Stadt aus. Wir wollen, dass das so bleibt. Als ich in New Orleans war, habe ich etwas ganz anderes kennengelernt. Die Stadt ist dermaßen zwischen ihren Ethnien gespalten, dass es sich für mich wie verschiedene Länder innerhalb einer Stadt angefühlt hat. Es war echt gruselig.“

Auf gute Nachbarschaft

Deshalb ist eins der positiven Ergebnisse von Camden Cares die Tatsache, dass es sich auf eine Art entwickelt, die dem Bezirk Camden helfen kann, „zusammen multikulturell zu werden, und nicht nur eine Sammlung abgetrennter Nachbarschaften.“

Zusätzlich zur Startfinanzierung vom 3 Faiths ForumSOAS und der Arsenal Stiftung hat die Gruppe nun auch Ressourcen von O2 Think Big erhalten - 3.000 Pfund. „Unser Traum ist es, das Projekt auf ganz London auszuweiten“, sagt Raphael. Was Camden Cares mit begrenztem Budget schon erreicht hat, spricht für die jungen  Aktivisten.

Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.