Buuuh-tin-Premiere: Wladimir Putin öffentlich ausgepfiffen

Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2011
Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2011
Beeindruckende 61% der russischen Bevölkerung sprechen sich für ihn aus. Dennoch ist das Leben des Noch-Regierungschef und erneuten Präsidentschaftskandidaten Wladimir Putin nicht immer rosig. Der Favorit für die russischen Präsidentschaftswahlen im März 2012 wurde am 20. November zum ersten Mal öffentlich ausgebuht.
Gibt es für alles ein erstes Mal oder waren es - wie absurderweise behauptet - nur Rufe von Zuhörern, die dringend zur Toilette mussten?

Der Kampf ist gewonnen, ein Athlet steht siegreich in Pose und die Menge erwartet die Ankunft des politischen Oberhauptes im Ring. Er ist eine kleine, kommandierende Gestalt: Er steht vor den Menschen, um eine Rede zu halten. Nun ist ehrfürchtige Stille. Als er seinen ersten Satz äußert, stört plötzlich ein Geräusch, das ihn in den Schatten stellt. Es beginnt leise in einer Ecke. Der Politiker erschrickt, gewinnt seine Fassung jedoch schnell wieder und hebt seine Stimme, um die Geräuschkulisse zu übertönen. Doch schon bald breitet es sich wie ein Lauffeuer unter den Zuhörern aus. Kann es sein, dass das Publikum es wagt ihn auszubuhen?

Buuuh-tin?

Die Szene stammt nicht etwa aus dem antiken Kolosseum. Sie hat am 20. November 2011 genauso in Moskau stattgefunden: Bei dem Politiker handelt es sich um den russischen Regierungschef Wladimir Putin, der zum ersten Mal in seiner Karriere öffentlich von einem hauptsächlich russischen Publikum ausgepfiffen wurde. Und um die Kränkung noch perfekt zu machen: Putin befand sich bei einem Kampfsport-Wettkampf, um den Sport zu preisen, in dem er selbst eine ganze Menge auf sich hält. Wagt es Russland endlich, sich gegen den Politiker aufzulehnen, dessen Kritiker häufig ein unerfreuliches Ende nahmen?

Das ist es, was die oppositionelle Presse in Russland und Nachrichtenagenturen überall auf der Welt gerne verkünden würden. Der Vorfall wurde von vielen als kritischer Wendepunkt in der Unterstützung Putins und seiner Partei, Vereintes Russland, bezeichnet. Der russische Blogger Alexei Nawalny, einer der prominentesten Anti-Kreml Stimmen in der Blogosphäre, sagte, dass das Ausbuhen das Ende einer Ära eingeläutet habe. Es sei von großer Bedeutung, weil es „jedem im Land bekannt ist: von jung bis alt.“

Und in der Tat wurde der unzensierte Youtube-Clip über diesen Zwischenfall zu einem Virus. Am nächsten Morgen hatten bereits 500.000 User geklickt. 'Putin wird ausgebuht' wurde zum Selbstläufer und gelangte an die Spitze der meist gesuchten Dinge in russischen Suchmaschinen. In den letzten Monaten wurde das anonyme und zensurfreie Internet eine populäre Plattform für die Kritik am Kreml. Das Ausbuhen während des Kampfes ist bisher die direkteste Attacke, mit der Putin von seinen Kritikern angegriffen wurde.

Währenddessen bewegten sich die Erklärungen von Putins Anhängern von 'Täuschungsmanöver' bis hin zu 'Dummheit'. Während einige behaupten, dass das Publikum eigentlich den abgeschlagenen amerikanischen Kämpfer Jeff Monson auspfiff, schrieb eine prominente Vertreterin der pro-Kreml Jugendgruppe nashi auf ihrer Seite, dass die Menschen lediglich lautstark forderten auf die Toilette gehen zu dürfen.

Im russischen Fernsehen wurde das Ausbuhen aus den Clips herausgeschnitten. Solch eine eklatante Ablehnung ähnelt den Bestrebungen Seianus, einem engen Freund des Imperators Tiberius, der sicherstellte, dass Meinungsverschiedenheiten nicht den alternden Tyrannen erreichten. Während Russland nicht das gleiche zähe Ende wie das antike Rom nehmen wird (Seianus wurde schließlich verhaftet, exekutiert und sein Körper die Treppen hinuntergestoßen), kann man dennoch eine wertvolle Geschichtslektion aus dem Vorfall ziehen: die Stimme des Volkes darf nicht überhört werden.

Illustration: (cc)Osipovva/flickr