Bürokratiehürden: "Staatsbürgerschaft? Heiraten Sie doch einen Italiener!"

Artikel veröffentlicht am 4. Januar 2010
Artikel veröffentlicht am 4. Januar 2010
Im Land, wo die Zitronen blühen zwingt die verkrustete Bürokratie viele Einwanderer, immer wieder die gleichen Verfahren zu durchlaufen, um die Staatsbürgerschaft zu erhalten. Dass vervielfacht die damit verbundenen Schwierigkeiten und Kosten. Die Familie von Ljubomir entschied sich trotzdem, den langen Weg zu gehen.

Ljubomir Belakov ist 23, seit 18 Jahren lebt er in Italien. Er studiert Ingenieurswissenschaften an der polytechnischen Universität in Turin. Erasmus-Student ist er nicht - Ljubomir ist 1991 aus Bulgarien nach Italien gekommen, zusammen mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder. Und er ist der einzige in seiner Familie, der immer noch nicht die Staatsbürgerschaft erhalten hat. Wer sich dazu entschieden hat, in Italien zu leben, kann sich beim Antrag auf Staatsbürgerschaft dank einer unglaublich langsamen Bürokratie und veralteter rechtlicher Verfahren auf eine Odyssee am Rande der Absurdität gefasst machen.

Ljubomir, warum habt ihr euer Land verlassen?

Auch mit 18 Jahren ist Ljubomirs Staatsbürgerschaft noch in der SchwebeMein Vater hat Bulgarien verlassen, um in Italien als Informatikingenieur zu arbeiten. Ein paar Monate später sind dann meine Mutter, mein Bruder und ich nachgekommen.

Seid ihr nach 18 Jahren Studium und Arbeit in diesem Land italienische Staatsbürger?

Meine Mutter und mein Bruder haben die italienische Staatsbürgerschaft Anfang 2005 erhalten, mein Vater ein paar Monate später. Ich habe sie immer noch nicht.

Warum?

Den ersten Antrag stellte meine Mutter für sich selbst und ihre Söhne 2002. Damals hatten wir seit 10 Jahren unseren Hauptwohnsitz in Italien, so verlangt es das italienische Gesetz. Ich war damals noch minderjährig, aber 2005, als das Einbürgerungsverfahren abgeschlossen wurde, war ich gerade seit ein paar Monaten 18. Während mein noch minderjähriger Bruder und meine Mutter die Staatsbürgerschaft problemlos erhielten, musste ich den Antrag erneut stellen.

Und was genau gehört zu einem solchen Antrag?

Außer dem dafür vorgesehenen Formular muss man auch eine ganze Reihe anderer Dokumente und Unterlagen vorlegen, zum Beispiel die Geburtsurkunde, ein polizeiliches Führungszeugnis und eine Familienstandsbescheinigung. Diese müssen im Ursprungsland des Antragsstellers beantragt, übersetzt und beglaubigt werden. In meinem Fall hat sich der Beamte in der Präfektur beim ersten Antrag geweigert, die von meiner Mutter vorgelegten Unterlagen als vollständig zu akzeptieren: Er meinte, es fehlten einige Dokumente wie etwa mein polizeiliches Führungszeugnis und das meines Bruders. Das hat das Antragsverfahren fast ein Jahr lang blockiert. Als meine Mutter dann endlich die neuen Dokumente erhalten hatte und sie in der Präfektur vorlegte, sagte ihr ein anderer Beamter, die seien doch überflüssig, weil ihre Kinder minderjährig und dadurch ihrer Vormundschaft unterworfen seien. Endlich konnte das Verfahren seinen Weg gehen. Es wurde 2005 mit einer weiteren Überraschung abgeschlossen: Ich war in der Zwischenzeit volljährig geworden und konnte dadurch nicht mehr automatisch die Staatsbürgerschaft zusammen mit meiner Mutter erhalten. Es war absurd - als wäre ich, einmal volljährig, nicht mehr das Kind meiner Mutter! Ich musste zurück nach Bulgarien, um dort alle Dokumente für den neuen Antrag zu beschaffen, übersetzen und beglaubigen zu lassen.

Seit 14 Jahren schlägt sich seine Familie mit dem Thema Staatsbürgerschaft herum

Und wo steht der Antrag jetzt nach vier Jahren?

Er liegt immer noch in Rom, das war zumindest die Antwort aus dem Innenministerium. Der Antrag muss in der dem Wohnort am nächsten gelegenen Präfektur gestellt werden. Die Akte wird dann nach Rom geschickt, zum Innenministerium, wo sie ausgewertet wird. Zuletzt wird sie zur italienischen Botschaft im Ursprungsland des Antragsstellers geschickt. Die Akte durchläuft dann den gleichen Weg nochmal, allerdings dieses Mal andersherum. Nachdem sie von der italienischen Botschaft in Bulgarien abgesegnet wurde, hängt meine Akte jetzt in Rom fest und wartet auf ihren Stempel.

Sie ist also quasi eine Geisel des Ministeriums?

Genau. Das Innenministerium ist die Krux dieses ohnehin komplizierten, bürokratischen Mechanismus‘: Dort stauen sich die Anträge auf italienische Staatsbürgerschaft, sie werden sowohl bei Eingang als auch im Ausgang blockiert. All das könnte man verhindern, wenn man ganz einfach Rom auslassen und den Antrag direkt von der Präfektur zu den italienischen Botschaften in den verschiedenen Ländern schicken würde. Aber diese Verkürzung und Vereinfachung des Amtsweges scheint nicht gewünscht zu sein. In der Präfektur hat man mir gesagt, dass ein Antragsverfahren von der Antragsstellung zum endgültigen Verfahrensabschluss im Durchschnitt mindestens vier Jahre dauert. In der offiziellen Verfahrensbeschreibung heißt es, das Verfahren dauere zwei Jahre. Lächerlich. Vor allem, wenn man diese Zeit zu den erforderlichen zehn Jahren offiziellen Hauptwohnsitzes in Italien dazurechnet. Dann kommt man nämlich insgesamt auf 14 Jahre, um die Staatsbürgerschaft zu erhalten. Bestenfalls!

Dein Urteil als Quasi-Experte in Sachen italienische Bürokratie lautet also?

Ich finde, das ist eine unglaubliche Verschwendung öffentlicher Zeit und Gelder. Vor allem, wenn man, wie in meinem Fall, eine Akte aus einem bereits erfolgreich durchlaufenen Antragsverfahren nochmal und völlig unnötig durch alle Instanzen laufen lässt. Aber es sind auch die Umstände, die einen schier zur Weißglut treiben können. Beim ersten Antrag fragte meine Mutter den Beamten in der Präfektur wütend, warum man sie so viel Zeit und Geld verlieren lasse. Darauf antwortete er, da könne man nichts machen - sie solle einfach einen Italiener heiraten, dann ginge das schneller.

Fotos: Riccardo Villani