Buraka Som Sistema: "Keinen Afrika-Stempel für unsere Musik"

Artikel veröffentlicht am 20. Oktober 2009
Artikel veröffentlicht am 20. Oktober 2009
Als vier Mann aus Lissabon und Luanda angolische Antirhythmen mit Breakbeat mischen, zerreißt die europäische Presse ihre Musik. Wir haben die Band trotzdem in Paris getroffen.

"Keiner von uns weiß so richtig, wie man eigentlich dazu tanzen soll!", sagen Buraka Som Sistema über ihre Musik. Musik, die sich anhört, wie atlantischer Breakbeat versetzt mit hektischen Krimi-Passagen, das Ganze gut durchgeschüttelt mit lokalen afrikanischen Klängen. "Du machst einfach, was du machen musst, um zu überleben!", scherzt Produzent João Barbosa alias Li'l John. MC Kalaf Ângelo zeigt auf seinen Co-Texter - für Insider 'Conductor' - auch bekannt als Andro Carvalho. Ein rundlicher Mann mit scharfen Moves. "Ich imitiere ihn einfach."

Buraka - die Band

Eine Frau auf einem Miniroller fährt uns in der Nähe des Pariser Maison de la Radio fasst über den Haufen, als 'Conductor' gerade offen zugibt: "Wir sind todmüde. Wir streiten nicht viel über irgendwelche Fragen." Ein Mann - ein Wort. Auf dem Weg zum Sofa, wo ein behutet und bebrillter Kalaf sich gentlemenlike einen Platz reserviert hat und Joao es sich in der anderen Ecke bequem macht, haben wir ihn und Rui verloren. DJ Johnny - "der Typ, der jeden jedem vorstellt und dann einfach verschwindet" - hatte Joao und Rui Pité ('DJ Riot'), zwei alte Schulfreunde aus Amadora, Kalaf vorgestellt. "Er ist zu schüchtern. Eigentlich hätte er viel mehr Respekt dafür verdient", sagt Joao.

Conductor ist der Neuzugang der Gruppe. Er brachte "eine Art größere und stärkere Bindung in die Band, die uns in neue Richtungen führen kann." Als hauptsächlicher Loop Digger, ist es Konduktor, der die Idee zu diesem neuen komischen Beat hatte, zusammen mit diesen Dingern aus den 1960ern und 70ern. Technikfreak DJ Riot setzt das Ganze dann um. Er kann Stunden damit verbringen, etwas mit Synthesizer und Plug-In auszuprobieren. "Wir alle geben nach 20 Minuten auf und er bleibt alleine." "Eich echter Geek", wirft Kalaf ein. "Ich denke immer darüber nach, welches Element am besten mit welchem Element funktionieren würde", sagt Joao. "Ich stelle ein Album in meinem Kopf zusammen, bevor ich es dem Rest der Band vorstelle." Joao ist laut Bandkollegen zudem Meister der Kategorie 'Wer-gibt-die-komischsten-Antworten-in-Interviews'. Meine Frage nach den guten Englischkenntnissen der Band tat er einfach ab.

Schwankende Stereotypen

Von Produktions- und Studiostunden ausgenommen, ist es Kalaf, der am besten mit Konzepten umgehen kann. "Er geht immer ein bisschen weiter. Die Ideen - inbegriffen das Debütalbum Black Diamond - kommen meist beim Abendbrot. Dann spricht die Gruppe auch darüber, was sie vermeiden will. "Diesen exotischen Afrika-Stempel wollten wir eigentlich nie für unsere Musik", sagt Kalaf. Sowohl er als auch Konduktor wuchsen in Angola auf. Letzterer hörte jedoch mehr afrikanische Musik, während Kalaf andere Einflüsse hatte, als er zum Studium 2006 nach Lissabon ging. "Wir spielen mit dem Symbol der Afrikaflagge. Die Skandinavier zum Beispiel haben es begriffen. Sie haben ganz einfach Spaß", unterbricht Joao. "Sie tun, was eben zu tun ist und versuchen nicht uns mit traditionellen afrikanischen Trommeln in Verbindung zu bringen. Das hat sicherlich auch etwas mit der eigenen Landesgeschichte zu tun. Frankreich beispielsweise hat eine engere Beziehung zu Afrika. Kap Verdische Musik kam zunächst über Frankreich nach Portugal." "Die Leute versuchen diese afrikanische Sache zu verstehen", spottet Kalaf. "Sie sollten sich einfach betrinken und sich dann auf die Musik einlassen", ergänzt Joao lachend.

Einige mögen Burakas Musik für das Echo der Trommeln des Angolakrieges 2002 halten. Aber die Gruppe bezieht sich mit ihrem einzigartigen Genre nicht auf die Geschichte. "Der Kuduro [angolische Musikrichtung; A.d.R.] kam nach dem Krieg in den 1970ern und 80ern, als Angola die portugiesische Diktatur 1974 stürzte. Deshalb kann man eventuell von einer Reflektion unsererseits sprechen, die jedoch keineswegs beabsichtigt ist. Als wir uns trafen, hatten wir die Idee den Rhythmus des Kuduro aufzugreifen und unseren eigenen Nachtklub damit aufzumachen." Der Lux Club in Lissabon ist heute international bekannt. Die Zusammenarbeit mit Größen wie dem amerikanischen DJ Diplo und der britischen Künstlerin MIA drücken dem Club schon seit langem den Mainstream-Stempel auf. Ihr berühmtester Hit ist wohl "One drop" von MIA. Konduktor liefert mehr als nur die klassische Analyse, als er hinter dem Sofa herumschleicht. "Musik bewegt sich in Kreisläufen - wenn du jemanden in seinem Kreislauf triffst, dann machst du genau das Richtige zum richtigen Zeitpunkt." "Seelenverwandte", wirft eines der Bandmitglieder spontan ein. "Wir sind verbunden wie Sternenpositionen am Himmel", witzelt Kalaf. "Myspace", bricht Joao bedenkenlos hervor.

Winkende Fahnen

"Wer lädt Musik herunter und wer kauft sie legal?" Diese Frage stellt die Band immer wieder bei ihren Gigs. "Es stört uns nicht wirklich", sagt Joao. "Wir würden es einfach nur gerne wissen!" "Etwas herunterladen ist Teil der heutigen Kultur", sagt Kalaf und Rui ergänzt: "Das ist wie eine Umfrage, mit der du herausfindest, welche Art von Publikum du eigentlich hast", führt Geschäftsmann Konduktor an. Und wie sieht der typische Buraka-Fan aus? "Leute, die Musik herunterladen", sagt Kalaf. Schallendes Gelächter. "Es sind meistens Mädels", ergänzt Konduktor, "sehr gute Tänzerinnen", murmelt Kalaf. "Frauen, die Männer anziehen, die Raver anziehen. Und dann sind immer auch 20 Portugiesen mit portugiesischen Flaggen dabei, die immer auf der rechten Seite im Publikum stehen", erklärt Joao. "Ja stimmt, warum eigentlich?!", wirft Konduktor ein. "Sie schreien und wollen, dass wir auf der Bühne Portugiesisch sprechen. Alle Lieder sind auf Portugiesisch", sagt Kalaf. "Wir stehen vor insgesamt 1000 Menschen. Sie sind gerade einmal 50 und wollen, dass wir mit ihnen Portugiesisch anstatt mit den anderen 950 sprechen. Abgesehen davon, ist es bekannt, dass portugiesische Fans sich nicht wirklich von BSS repräsentiert fühlen. Wir stehen für etwas Neues", erklärt Kalaf. "Sie verstehen es nicht, weil es noch zu neu ist." Vielleicht erscheint BBS den Europäern als exotisch - bekannt geworden durch Auftritte bei großen Festivals wie Glastenbury, Roskilde und Exit. "Unglaublich!", wiederholt Konduktor dreimal hintereinander, bevor die anderen sich halb totlachen.

Burakas drei Tipps für

Eine Nacht in Lissabon - "Beginnt in Bairo Alto. Dann um zwei Uhr morgens nach Kasudre, bis vier Uhr ins Musicbox und danach geht es ins Lux." (Kalaf)

MIA - "Wir hatten nur sechs Stunden im Studio mit ihr. Dann gingen wir mit den Aufnahmen nach Hause, um zu überlegen, was wir damit anstellen können."

Weitere portugiesische Musik - "Galadrop - ein experimenteller portugiesischer Sound" (João)

Buraka Som Sistema spielen demnächst live in Caen (22. Oktober), Rotterdam (23. Oktober), Gent (24. Oktober) und Manchester (28. November).