Bundestagswahlen: Die Pragmatiker der Generation Y

Artikel veröffentlicht am 27. September 2017
Artikel veröffentlicht am 27. September 2017

Sie sind im Zuge des Mauerfalls oder kurz danach geboren. Sie sind politisch engagiert, als lokale Abgeordnete, Aktivisten, Kandidaten kleiner Parteien oder Mitglieder der Zivilgesellschaft. Cafebabel hat sie zur Jugend von heute und dem Deutschland von morgen befragt.

Überqualifiziert oder fast an der Armutsgrenze, kosmopolitisch oder patriotisch, europhil oder euroskeptisch - unterscheiden sich die jungen Deutschen bedeutend von ihren europäischen Nachbarn? Welche Zukunft wünschen sie sich nach den Bundestagswahlen für ihr Land? Es ist in der Tat nicht einfach, seinen Platz in einem Land mit einer derart alternden Demographie zu finden. Die Generation der 18 bis 30-Jährigen repräsentiert nur einen kleineren Teil der Wählerschaft (15%) gegenüber den Älteren - die über 70-Jährigen machten 2017 die größte Wählergruppe aus (20%). Doch die Politik, die heute gewählt wird, wird die Basis der Gesellschaft von morgen sein.

Am 15. September hatte eine Bürgerinitiative eine vorgezogene Wahl für Minderjährige organisiert. Alle Kinder und Jugendlichen des Landes waren eingeladen, ihre politische Meinung über ein symbolisches Votum zu äußern. Ganz vorn lagen nach dem Geschmack der deutschen Jugend die CDU (Partei von Angela Merkel), gefolgt von den Sozialdemokraten (SPD) und den Grünen. Die Initiative hatte sich zum Ziel gesetzt, die oft und gern als politikverdrossen bezeichnete Jugend für Politik zu begeistern.

Das Argument kommt nicht von ungefähr: Oftmals ist die Enthaltung in dieser Altersgruppe besonders hoch. „Ich denke nicht, dass sich junge Menschen nicht für Politik interessieren. Ganz im Gegenteil. Wenn man es schafft, echte Diskussionen mit ihnen zu führen, kommt man schnell dahinter, dass sie zu vielen Dingen eine Meinung haben“, analysiert Paulina Fröhlich. Die 26-jährige Kölnerin ist Teil der Aktion 'Willst Du mit mir wählen gehen?', die sich gegen die starke Enthaltung der Jugend bei Wahlen einsetzt. „Junge Leute sind ja sehr connected und informieren sich viel. Auf YouTube zum Beispiel. Und haben dann natürlich Meinungen zu den Dingen, die für sie wichtig sind: Graffiti oder das Recht, in der Schule ein Handy benutzen zu dürfen. Auch das ist politisch, darf und sollte debattiert werden. Wir alle haben das doch erlebt, als wir jünger waren: alles, was sie wollen, ist, ernst genommen zu werden“, fügt sie hinzu.

Nicht selten kommt es vor, dass es junge aktive Menschen gibt, die sich mehr engagieren wollen, als alle 18 Monate einen Wahlzettel in die Urne zu werfen. So zum Beispiel auch Diana Kinnert. Die 26-Jährige, deren Allerkennungsmerkmal ihr Basecap ist, hat ein Buch geschrieben, in dem sie konservative Werte beschwört. Seitdem ist sie sowas wie das junge Gesicht der CDU geworden. Victoria Meneses machte ihrerseits in Berlin Kampagne und spekuliert mit ihren 30 Jahren auf einen Platz als Abgeordnete für das Bündnis Grundeinkommen. Dennis Hohloch ist 28 Jahre alt und bereits ein alter Hase in der Politik. Er war Gemeinderat für die AfD in Potsdam. Seit 2014 ist er auch Landeschef der Jungen Alternative für Deutschland (kurz JA) in Brandenburg.

Prakmatiker statt Revoluzzer

Die Umbruchsjahre der Wiedervereinigung haben sie meistens nicht aktiv miterlebt. Politisch haben sie in ihrem Erwachsenenleben kein anderes Regierungsoberhaupt als Angela Merkel erlebt. Im Allgemeinen haben die vier Nachwuchspolitiker ein recht positives Bild ihrer Generation, sehen aber nicht die gleichen Problemlagen und Herausforderungen für die Zukunft des Landes.

Auch wenn sie sich politisch interessieren, sind die unter 30-Jährigen in Deutschland eher Pragmatiker als Revoluzzer. Wie auch aus der letzten Shell-Studie aus dem Jahr 2015 ersichtlich wird, legen sie viel Wert auf Familie, Freundschaft, den Respekt des Gesetzes und Umweltschutz. „Wir leben in bewegten Zeiten und junge Menschen suchen nach Stabilität”, verteidigt Diana Kinnert, die sich an der Seite von Merkel ablichten ließ und (laut dem Focus) als Vertreterin eines neuen 'Coolservatismus' gilt.

Dennis Hohloch geht seinerseits strenger mit der eigenen Generation ins Gericht, die er als „Weicheier-Generation” sieht. Bereits auf dem Gymnasium hatte er sich in der SPD engagiert, kurz nach der Gründung der AfD, hat er dann 2015 gewechselt. Mit 25 Jahren saß er im Potsdamer Gemeinderat. „Wir sind eine Generation, die sich nicht entscheiden will, die ewig lange studiert, die überall hin verreist und vom Herzen der Nation entfernt bleibt.” Paulina Fröhlich von der Online-Kampagne Kleiner Fünf, die sich im Zuge der Bundestagswahlen für eine AfD unter 5% engagierte, reagiert auf die Kritik. Die Zeiten haben sich geändert, sagt sie. „Meine Eltern sagen immer, sie finden unsere Generation nicht besonders engagiert. Sie seien ja damals noch auf die Straße gegangen, um zu demonstrieren. Wir machen das jetzt im Netz. Das ist vielleicht nicht so sichtbar, aber es heißt eben auch nicht, dass wir tatenlos rumsitzen.”

Auch Victoria Meneses will sich im Alltag engagieren. Bereits seit ihrem Studium hat sie sich für sozialen Zusammenhalt und Entwicklung interessiert. „Ich passe auf, was ich kaufe, ethische Kleidung, vegetarische und Bio-Produkte.” Damit ist sie nicht allein. Viele junge Deutsche hegen Umfragen zufolge zunehmend Interesse an umweltfreundlichem und ethischem Konsumverhalten.

Unauffällige Idealisten

Seit mehr als 10 Jahren begleitet Klaus Hurrelmann die Shell-Studie, eine groß angelegte Umfrage zur Jugend in Deutschland. Er erklärt, dass „die Jungen auch sehen, dass sich Deutschlands Rolle verändert hat. Sie sind sich darüber bewusst und finden diesen Wechsel gut. Selbst ein schüchternes Selbstvertrauen entsteht neben einer großen Öffnung und mehr Toleranz.”

„Was ich an meinem Land mag, ist die Möglichkeit, etwas wie Kleiner Fünf auf die Beine stellen zu können”, sagt Paulina. Die junge Frau ist weitgereist, hat in Ägypten und im Mittleren Orient gelebt. „Ich weiß, dass das nicht in jedem Land möglich wäre. Wir haben die Chance, in einem demokratischen Land zu leben, in dem man uns Mut zuspricht, unsere Ideale durchzusetzen.”

Dennis ist Geografie- und Geschichtslehrer und unterstreicht: „Was ich in unserem Land gut finde ist, dass wir alle die gleichen Chancen haben uns zu entfalten, egal woher wir kommen. Der Staat zahlt für unsere Ausbildung. Aber ich finde es andererseits nicht gut, dass viele davon profitieren und bis 30 studieren. Dass sie bis dahin natürlich auch nicht arbeiten und gleichzeitig nicht erkennen, wie privilegiert sie eigentlich sind.” Victoria Meneses widerspricht. Sie stipuliert, dass das aktuelle System zu viele Menschen auf der Strecke lasse. „Diejenigen, die dieser rasant schnellen Modernisierung nicht mehr folgen können und ausgeschlossen werden und sich schuldig fühlen.”

Meneses findet, der Staat solle noch viel weiter gehen und ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen. Wenn man die Menschen von der Angst befreie, für sich aufkommen zu müssen, „dann hätten wir vielleicht auch mehr Zeit, um an uns und unserer Welt zu werkeln. Ich fände es toll, wenn wir uns darüber bewusst würden, dass wir weder isoliert voneinander noch von der Natur leben.”

Wenig patriotisch, aber trotzdem nicht offen genug

Klaus Hurrelman analysiert, dass „sich die meisten jungen Menschen über die schwierige Geschichte Deutschlands bewusst sind, aber trotzdem erklären, dass sie stolz sind, deutsch zu sein.” Eine andere Studie vom Sinus-Institut aus dem Jahr 2016 unterstreicht zudem, dass sie wenig an patriotischer Symbolik wie Fahne oder Hymne hängen.

Dennis von der jungen Alternative für Deutschland lehnt dieses Konzept jedoch ab. „Unsere Generation ist nicht patriotisch genug. Ich finde es schlimm, dass keiner mehr den Militärdienst absolvieren will. Das heißt ja auch nicht gleich, dass man in den Kampf ziehen und auf Menschen schießen muss. Aber in anderen Ländern ist es ganz normal.” Dennis setzt sich außerdem für mehr Grenzkontrollen und überhaupt undurchlässigere Grenzen innerhalb Europas ein.

Diana Kinnert und Paulina Fröhlich sehen das Manko in Deutschland in seiner mangelnden Offenheit. „Es gibt zu viel Fremdenfeindlichkeit hierzulande”, bedauert Paulina, die von syrischen oder türkischen Freunden erzählt, die zwar gut integriert aber oftmals Opfer von Rassismus seien. Auch in der Politik fehle es laut Kinnert an Vielfalt. Sie selbst sieht sich als junge lesbische Frau mit Migrationshintergrund als echte Ausnahme. „Eine bessere Repräsentation im Bundestag wäre die beste Garantie für eine Politik, die auf Gemeinwohl basiert”, sagt die Aktivistin, die innerhalb der CDU in Reformkommissionen mitarbeitet.

Der Journalist Maximilian Probst hat in einem Artikel bei Zeit Campus zudem bemerkt, wie sehr sich die Jugend aus der Wahlkampagne herausgehalten hat. „Politisch herrscht die Gerontokratie. So lautet das immer gleiche Endergebnis demokratischer Wahlen in der westlichen Welt. Es sind die Alten, die England aus der EU gekegelt haben, es sind die Alten, die Trump in den Sattel gehoben haben, es sind die Alten, die an Merkels Unsterblichkeit werkeln!”, argumentiert er. „Ich hätte gern, dass wir, die Jugend, uns in Zukunft noch mehr engagieren, aber auch, dass wir unseren Argumenten noch besser Ausdruck verleihen”, sagt Viktoria. „Wir müssen auch unsere Interessen verteidigen, denn wir werden mit den Konsequenzen der sozialen Entscheidungen von heute sehr lange leben müssen.”

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Dieser Artikel ist mit Unterstützung des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW - OFAJ) entstanden.

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