Bulgariens syrische Flüchtlingskrise

Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2014
Artikel veröffentlicht am 20. Januar 2014

Im Moment kommen so viele Flüchtlinge wie noch nie aus Syrien nach Bulgarien. Doch das Land scheint darauf nicht vorbereitet zu sein und wird von seinen Nachbarn allein gelassen. Die syrischen Flüchtlinge kommen damit von einem Krisengebiet ins nächste. In Bulgarien finden sich die Flüchtlinge inmitten einer europäischen humanitären Krise wieder.  

„Wir haben uns ent­schie­den nach Bul­ga­ri­en zu kom­men, ob­wohl wir nichts über das Land wuss­ten. Wir wuss­ten nicht, dass es selbst für Bul­ga­ren keine Jobs gibt und was hier über Aus­län­der ge­sagt wird“, er­zählt Ami (20), ein Syrer mit kur­di­schem Hin­ter­grund, der nicht sei­nen ech­ten Namen nen­nen möch­te.

Ami und seine Fa­mi­lie sind in Vraz­debna un­ter­ge­bracht, einem zen­tra­len Flücht­lings­la­ger in der Haupt­stadt Sofia. Ob­wohl in dem Camp nur 310 Men­schen un­ter­ge­bracht wer­den kön­nen, sind es der­zeit 400.

Amis Mut­ter macht um die Ecke einen Tee und be­grüßt mich mit einem ein­la­den­den Lä­cheln. 20 Men­schen schla­fen in die­sem Raum, zwei in jedem Bett. In der Ecke gibt es einen Platz zum Ko­chen. Vor der Tür sind die Schu­he auf­ge­reiht. Die Tür wird nur mit einer Schnur zu­ge­hal­ten. 

Bul­ga­ri­en ist eines der ärms­ten Mit­glieds­staa­ten in der EU und hat bis­her noch nicht viele Flücht­lin­ge auf­ge­nom­men. Aber in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten kamen mehr Flücht­lin­ge als je­mals zuvor. Die Mehr­heit der Flücht­lin­ge kommt über die tür­ki­sche Gren­ze nach Sy­ri­en

Das Land hat Pro­ble­me mit dem Flücht­lings­pro­blem um­zu­ge­hen. Viele Flücht­lin­ge leben unter arm­se­li­gen Be­din­gun­gen und be­kom­men nicht ein­mal genug zu essen und leben im Win­ter ohne Hei­zung. Auch die ärzt­li­che Be­hand­lung ist oft un­zu­rei­chend. 

Ami und seine Fa­mi­lie leben be­reits seit Sep­tem­ber in Bul­ga­ri­en. Die tür­kisch-bul­ga­ri­sche Gren­ze haben sie in der Nacht über­quert, weil die Ein­rei­se ei­gent­lich ver­bo­ten war. Ami ist mit ihren El­tern, ihren sechs Brü­dern und Schwes­tern und ihrer 70-jäh­ri­gen Groß­mut­ter nach Bul­ga­ri­en ge­kom­men. Wäh­rend der Reise durch den „dunk­len Wald“, hatte Ami Angst, dass seine Groß­mut­ter es nicht schaf­fen würde. 

Ami lebte im nord­öst­li­chen Sy­ri­en in der Stadt Qa­mish­li, wo sie geo­lo­gi­sches In­ge­nieur­we­sen stu­dier­te. Seine Schwes­ter, die mit einem Buch in der Hand in der Ecke sitzt, stu­dier­te In­for­ma­ti­ons­tech­nik, Amis Bru­der eng­li­sche Phi­lo­lo­gie. „Wir wol­len alle unser Stu­di­um fort­set­zen.“ Er sagt, dass er nicht daran ge­wöhnt ist, so sel­ten die Du­sche zu be­nut­zen, wie hier. Hier gibt es nur eine Hand voll Heiz­kes­sel im Ge­bäu­de, die für mehr als hun­dert Men­schen rei­chen müs­sen. Ami hat an­ge­fan­gen Bul­ga­risch zu ler­nen. Als ich ihn frage „wie geht’s?“, ant­wor­tet er mit einem Lä­cheln im Ge­sicht auf Bul­ga­risch: „nicht so gut!“ 

La­ti­fa (24) ist eine Haus­frau aus Da­mas­cus. „Jeder liebt mich hier“, er­zählt die gute Laune und Güte aus­strah­len­de Frau. La­ti­fa ist mit ihren Zwil­lin­gen und ihrem Mann ge­kom­men. Sie kam hier durch den­sel­ben Wald wie Ami mit drei an­de­ren Fa­mi­li­en. Sie be­zahl­ten 450 Dol­lar pro Per­son.  

Wenn sie nicht auf ihre ei­ge­ne Kin­der auf­passt, ver­bringt La­ti­fa jede Mi­nu­te damit auf das eine Woche alte Baby einer an­de­ren Mut­ter auf­zu­pas­sen. Das Baby, das ganz in der Nähe in einem Kran­ken­haus zur Welt kam, schläft in einer Kin­der­ta­ges­stät­te, die hier den ein­zi­gen Kon­trast zu den grau­en Räu­men bie­tet. Die Ta­ges­stät­te leuch­tet in hel­len Far­ben der Spiel­zeu­ge auf den Re­ga­len. In bul­ga­ri­schen Flücht­lings­la­gern be­fin­den sich der­zeit 2135 Kin­der. Viele davon sind Wai­sen. 

In den meis­ten La­gern gibt es keine re­gel­mä­ßi­gen Es­sens­lie­fe­run­gen ohne die Hilfe der Frei­wil­li­gen. Die Flücht­lin­ge sind daher auf Spen­den an­ge­wie­sen und auf eine staat­li­che Un­ter­stüt­zung von 33 Euro im Monat. Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen wie das Rote Kreuz or­ga­ni­sie­ren ein Netz­werk mit hun­der­ten von Vo­lon­tä­ren. 

„Es ist hart, denn die Un­ter­künf­te sind nicht ge­eig­net für so viele Men­schen und ihre Ka­pa­zi­tät ist längst über­schrit­ten“, er­zähl­te Sab­ri­na Trad, eine Frei­wil­li­ge, die für Hu­ma­ni­ta­ri­an Help for Re­fu­gees ar­bei­tet. „Man­che Maß­nah­men haben die Si­tua­ti­on schon ein biss­chen ver­bes­sert, aber die Camps sind schon voll.“

Bul­ga­ri­en hat nie­mals so eine hu­ma­ni­tä­re Krise er­lebt

Sab­ri­na, die halb Bul­ga­rin, halb Sy­re­rin ist, er­zählt, dass die Lager in der Pro­vinz das größ­te Pro­blem dar­stel­len. Eines davon be­fin­det sich auf einer bis­he­ri­gen Mi­li­tär­ba­sis, in der süd­öst­li­chen Stadt Harm­an­li. Im No­vem­ber hat­ten hier 100 von den 1000 Flücht­lin­gen an­ge­kün­digt, in den Hun­ger­streik zu tre­ten. 

Neu­lich hat Ni­ko­lay Chir­pan­liev, Chef der Na­tio­na­len Flücht­lings­agen­tur schnel­le Hilfe ver­spro­chen. Er kann 817.320 Euro So­fort­hil­fe der bul­ga­ri­schen Re­gie­rung be­reit­stel­len. Dazu kommt noch­mal un­ge­fähr der­sel­be Be­trag von der EU. Eine Mil­lio­nen Euro von der Tsche­chi­schen Re­pu­blik und 3,6 Mil­lio­nen vom Flücht­lings­kom­mis­sa­ri­at der EU. Damit hat Chir­pan­liev ver­spro­chen, die Si­tua­ti­on so schnell wie mög­lich zu ver­bes­sern. 

Sab­ri­nas Bru­der, Rus­lan Trad, ist ein bul­ga­ri­scher Jour­na­list. „Es ist wich­tig auf die an­hal­ten­de Krise zu ant­wor­ten“, sagt Rus­lan. „Es wer­den mehr Flücht­lin­ge kom­men. Und es gibt keine pas­sen­den Orte, an denen man hier an­stän­dig leben kann. Es kann noch viel schlim­mer kom­men.“

Na­tio­na­lis­ti­sche Be­we­gun­gen pro­fi­tie­ren von die­ser Si­tua­ti­on. Im No­vem­ber hat Volen Si­de­rov von der na­tio­na­len Par­tei ge­for­dert, die Flücht­lin­ge aus­zu­wei­sen.

Die Stim­mung ist nicht ein­deu­tig

Rus­lan Trad er­zählt, dass die Stim­mung ge­gen­über Flücht­lin­gen nicht ein­deu­tig ist. Er er­zählt, dass wohl die Mehr­heit der Bul­ga­ren ne­ga­tiv ge­gen­über Flücht­lin­gen ein­ge­stellt seien. Trotz­dem mach­ten die vie­len Frei­wil­li­gen Hoff­nung.

Amis Fa­mi­lie er­war­tet eine Ent­schei­dung über seine Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung in den nächs­ten Mo­na­ten. Er weiß nicht, ob je­mand aus dem Flücht­lings­la­ger bis­her schon Asyl be­kom­men hat. Nie­mand möch­te hier dar­über spre­chen.

Die Flücht­lin­ge füh­len sich hier ge­fan­gen. „Jeder Monat ver­geht wie sonst ein Jahr. Die Zeit ver­geht lang­sam“, sagt Ami. „Wir wol­len auch nicht nach Hause zu­rück.“ Wenn man La­ti­fa nach ihren Wün­schen fragt, dann sagt sie, dass sie ein „gutes Leben“ haben möch­te. Ami wird hier keine Per­spek­ti­ve fin­den und La­ti­fa auch kein „gutes Leben“, wenn die EU nicht end­lich ak­ti­ver wird.

Die­ser Ar­ti­kel er­scheint in einer Reihe über den sy­ri­schen Bürgerkrieg und seine Auswirkungen.