Bulgarien ist hoffnungsvoll, aber vorsichtig

Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2006
Artikel veröffentlicht am 15. Mai 2006

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84 Prozent der Bulgaren wünschen sich den EU-Beitritt. Sie erhoffen sich einen Lebensstandard wie in Westeuropa, haben aber Angst, dass sie ihre eigene Identität aufgeben müssen.

Boyko Borisov, der neue Bürgermeister von Sofia, hat eine Kampagne gestartet, um die bulgarische Hauptstadt herauszuputzen. Unermüdlich arbeiten die Maschinen an der Ausbesserung der Straßenlöcher, die den Verkehr erschweren. Offizielle Werbetafeln erinnern die Fußgänger daran, dass die Arbeiten allen zugute kommt. „Sofia verwandelt sich in eine europäische Stadt“, feiern die Zeitungen die Aktion. „Europäisch“ steht in Bulgarien für gute Qualität. Wenn der Besitzer eines Bauernhofs moderne Technologie einführt, sagen alle, dass er „europäische Landwirtschaft“ entwickelt. Und das ist nicht alles: Als die Mannschaft des Sofioter Fußballvereins Levski sich beim UEFA-Cup tapfer schlug und bis ins Viertelfinale vordrang, urteilten die Kommentatoren, das Team habe „europäischen Fußball“ gespielt.

Hoffnung Europa

Es erstaunt deshalb nicht, das Bulgarien dem jüngsten Eurobarameter zufolge zu den Ländern gehört, in denen die Bürger ein positives Bild von Europa haben. Knapp 60 Prozent der Bulgaren befürworten die EU, nur noch Irland (70%), Rumänien (64%) und die Türkei (60%) sind europhiler. Durch den Beitritt kann Bulgarien das Kapitel des Kommunismus endgültig zuschlagen. „Es scheint so, als hätten wir endlich unseren Minderwertigkeitskomplex überwunden, der sehr tief in der bulgarischen Mentalität verwurzelt ist. Viele dachten, dagegen, wir wären niemals bereit für die EU“, sagt eine 20-jährige Bulgarin.

84 Prozent der Bulgaren wünschen sich, dass ihr Land der EU beitritt. Damit verbindet sich die Hoffnung auf eine Verbesserung des Lebensstandards und einen Rückgang der Korruption. „Sie werden die Kriminellen ins Gefängnis stecken und mit den Schießereien im Zentrum von Sofia wird Schluss sein“, meint ein Geschäftsmann aus der bulgarischen Hauptstadt. Viele Studenten erhoffen sich leichteren Zugang zu europäischen Universitäten und vor allem, dass die bulgarischen Universitätsabschlüsse in ganz Europa offiziell anerkannt werden.

Viele Bulgaren träumen vom Urlaub im Ausland, aber bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 140 Euro ist das Reisen den Reichen vorbehalten. „Wenn ich in die EU reisen möchte, brauche ich entweder eine formelle Einladung oder muss an der Grenze eine große Summe Geld vorzeigen, um zu beweisen, dass ich es nicht nötig habe, zu stehlen“, sagt Elena. Die Bulgarin schreibt derzeit in Paris an ihrer Doktorarbeit. Die meisten Bulgaren wollen langfristig soviel wie die Menschen in Westeuropa verdienen, damit sie sich Reisen nach Rom oder London leisten können – ohne drei Jahre sparen zu müssen.

Glühbirnenwechsel nach EU-Norm

In der Wirtschaft gibt es unterschiedliche Meinungen. Zwar sind einige Weinhersteller überzeugt, dass sie die technischen Standards für „europäische Qualität“ erfüllen und sich auf dem europäischen Markt etablieren werden. Doch der Kleinhandel fürchtet, von der Konkurrenz der multinationalen Konzerne überrollt zu werden.

Auch die Landwirte sind beunruhigt. Auf dem Land besitzen viele Familien ein Grundstück mit Hühnerhof und Gemüsegarten. Ab nächstem Jahr werden aber nur wenige die Richtlinien der EU erfüllen, um sich für eine Wirtschaftstätigkeit registrieren lassen zu können. Manche sind verbittert, dass die EU die Hausdestillation des traditionellen bulgarischen Raki verbietet. Manch einer lästert, dass man bald eine spezialisierte Firma „auf europäischem Qualitätsstandard“ beauftragen muss, um eine Glühbirne zu wechseln oder um die Fenster zu putzen.

Aber die Hauptsorge der Bulgaren und Rumänen ist, dass ab 2007 die Preise in den Himmel schnellen – mit radikalen Folgen für den Lebensstil. Die Mehrheit der Bulgaren und Rumänen lebt in einem Eigenheim. Aber wenn die Preise auf mittleres europäisches Niveau ansteigen, muss man für ein eigenes Haus ein Darlehen bei einer Bank aufnehmen. Diese Option, die noch als riskant und unsicher gilt, wird sich nach und nach durchsetzen.

Die Alten sind enttäuscht

Nicht alle sind in der Lage, diese Veränderungen auf sich zu nehmen. „Es gibt eine Klasse von älteren Menschen in der Arbeitslosigkeit, die ihren Platz in der heutigen Gesellschaft nicht gefunden haben. Sie vermissen die Sowjetzeit und hätten es lieber, wenn sich Bulgarien an Russland orientieren würde“, erklärt der 22-jährige Borislav Todorov aus Sofia. Enttäuscht von der schlechten Bilanz der sozialistischen Regierungspartei BSP, haben sie sich in die Arme der ultranationalistischen Partei Attaka geworfen. Bei den letzten Parlamentswahlen vom 25. Juni 2005 erreichte Attaka 9 Prozent der Stimmen. Die Partei vertritt die Ansicht, dass „ein bulgarischer Investor, Unternehmer oder Hersteller Vorteile gegenüber Ausländern haben sollte, bis der Lebensstandard in Bulgarien europäischen Durchschnitt erreicht hat“. Das Programm dieser populistischen Partei gilt jedoch als rassistisch und stößt bei der Mehrheit der Bevölkerung nicht auf viel Begeisterung. Denn mit Blick auf die wirtschaftliche Entwicklung, die Länder wie Irland oder Spanien nach ihrem Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft genommen haben, ist die Aussicht, bald in der EU zu sein, für die meisten Bulgaren äußerst verlockend.

Unter Mitarbeit von Denitsa Velcheva aus Sofia