Bukarest-Chisinau: Wodka, Yoga und Löwen

Artikel veröffentlicht am 12. Dezember 2012
Artikel veröffentlicht am 12. Dezember 2012
Wer durch Osteuropa reist, sollte nicht mit allzu viel Komfort rechnen - vorausgesetzt, er steigt nicht nur in Luxushotels für lüsterne Geschäftsmänner und Escortgirls ab. Indem man sich unter die Bevölkerung mischt, kann man eine fremde Realität besser kennenlernen. Dies gilt auch für Rumänien und die Republik Moldau.
Ein Belgier erzählt von seiner Fahrt im Nachtzug von Bukarest nach Chisinau in Gesellschaft eines kriminellen Yogalehrers.

"Alles einsteigen, der Zug fährt jetzt ab", schreit eine Angestellte der rumänischen Bahn aus vollem Hals. Sie zückt ihre Pfeife, erklimmt die erste Stufe und bläst in ihr Instrument. Ein Nachzügler hetzt mit Koffern, die fast ebenso groß wie seine beeindruckende Wampe sind, über den Bahnsteig. Sie lässt ihn nicht einsteigen - er muss noch ein wenig länger in Bukarest bleiben. Die Türen schließen sich und die altersschwache Masse aus Stahl und Holz reißt sich mühsam von den rostigen Gleisen los.

Zugfahren wie mit Mutti

Jeder Waggon hat seinen "Chef". In Wahrheit müsste man eher von einer "Mutter" sprechen. Sie weist die Schlafplätze zu, verteilt Decken, vergewissert sich, dass man es bequem hat und weckt den Reisenden an seinem Zielbahnhof. Meine "Mama" freut sich über meinen französischen Akzent im Rumänischen. Sie möchte mir einen besonderen Gefallen tun und steckt mich mit einem Dreißigjährigen ins Abteil. "Meiner Meinung nach ist er von allen Reisenden hier der Sauberste. Er wird dir nicht seine alten Socken neben dein Sandwich oder aufs Kopfkissen legen." Danke "Mama".

Mit einem Taxi durch Chisinau

"Hallo, ich bin Tomas. Ich fahre nach Iasi zu meiner Geliebten. Oh verflixt, jetzt ruft meine Frau an. Mach bitte so viel Krach wie möglich, damit sie nicht hört, dass ich im Zug bin!" Ich schüttle meinen Koffer und schlage mit ihm gegen die Wände. Dann huste ich.

Tomas legt auf. Er legt das Headset ab, von dem er sich nie trennt. "Ich habe deinen Akzent bemerkt. Du bist bestimmt ein Exilrumäne. Sicher weißt du, dass die Menschen hier verkommen und korrupt sind. Deswegen benutze ich ein Headset. So kann mich niemand ausspionieren."

Yoga, Wodka und Löwen

Unter Ceaucescu war Yoga verboten. Leute, die Yoga praktizieren, gelten in Rumänien noch heute fast als Terroristen.

Ich öffne das Fenster. Die Luft im Abteil riecht nach dem Käse und der Salami, die in meiner Tasche vor sich hin gammeln. Die heiße Luft macht die Sache nicht besser. Der "sauberste Mensch im ganzen Zug" hat kein Glück - er muss mit dem größten Stinker zusammen schlafen. "Warum hast du Angst, ausspioniert zu werden?", frage ich, neugierig geworden. "Die Sache ist ganz einfach; ich bin ein Mensch mit zwei Gesichtern. Ich arbeite in der Werbung, meine Aufgabe ist es, den Verbrauchern Müll zu verkaufen. Aber ich bin auch Yogalehrer. Unter Ceaucescu war Yoga verboten, es galt als subversiv. Leute, die Yoga praktizieren, gelten in Rumänien noch heute fast als Terroristen. "Ich hole meinen Wodka und meine Wurst hervor.

"Weißt du, an den meisten Problemen in Rumänien sind die Zigeuner schuld." Ich stürze einige Tropfen Wodka herunter. Diese Leier habe ich schon tausende Male gehört. Sie ermüdet mich. Tomas fährt im selben Tonfall fort. "Ich möchte dir zwei Anekdoten erzählen. Die erste hat sich abgespielt, als ich beim Sonderkommando der Bukarester Polizei für die Logistik zuständig war. Einmal sollten wir einen Sondereinsatz bei einem der übelsten Zigeunerfürsten der Hauptstadt durchführen. Aus Neugier habe ich den Einsatztrupp begleitet. Wir wollten über die Mauern auf sein riesiges Grundstück klettern. Aber dann haben wir doch an der Tür geklingelt. Weißt du, was der Typ da gesagt hat? Ja, warten Sie, ich binde die Löwen an! Ich mache keine Witze, der hatte wirklich zwei Löwen im Garten! Als wir in den Salon kamen, sahen wir dort einen offenen Koffer auf dem Tisch. Der Inhalt war mehrere Millionen Lei wert. Wir haben uns Blicke zugeworfen und dann alle ihn angeschaut. Er ist ganz weiß geworden, weil er begriffen hatte, was wir dachten. Es wäre ganz einfach gewesen, wir hätten es wie einen Unfall aussehen lassen. Aber dann haben wir ihn nur mitgenommen und das Geld sichergestellt. Wie die Idioten. Wir haben das Geld der Mafia einer anderen Mafia überlassen - dem Staat.

"Ich kippe mir noch einen hinter die Binde. Tomas' Worte machen mich sprachlos. Das Mundwerk dieses selbstsicheren Playboys will nicht stillstehen. "Die zweite Geschichte hat sich auf dem Land zugetragen. Meine Frau und ich fuhren ganz ruhig durch ein Dorf. Da rast plötzlich ein Pferd über die Straße und ein paar Zigeuner hinterher. Aus Angst ist es über mein Auto gesprungen und hat es übel zugerichtet."

De Bucarest, c'est très loin.

Unsere Pflegemama steckt den Kopf durch die Abteiltür und fragt, ob alles in Ordnung ist. Tomas sagt, es würde ihm besser gehen, wenn sie die Nacht über bei ihm bliebe. Sie lacht und geht weiter. "Wo war ich? Ach, genau! Ich bin ausgestiegen und habe den Zigeunern gesagt, dass ich die Polizei rufen würde, was man ja in solchen Fällen tut. Sie haben sich über mich lustig gemacht und gesagt, die Polizei habe Angst vor ihnen. Dann sind sie weggegangen. Da hat mich die Wut gepackt. Ich habe ihnen gesagt, dass ich sie alle töten würde, wenn sie noch einen Schritt tun würden. Sie haben nicht auf mich gehört. Da bin ich wieder in mein Auto gestiegen und habe Gas gegeben.

"Fast ersticke ich an einem Stück Wurst. "Du hast sie überfahren?" "Klar, was hätte ich denn sonst tun sollen? Sie hatten mein Auto ruiniert!" Ich schenke mir noch einmal ein. "Aber es ist niemand gestorben. Das Problem war, dass eine der Zigeunerinnen ein Baby auf dem Arm hatte. Es ist heruntergefallen und hat sich leicht am Kopf verletzt. Die anderen haben sich ein paar Gliedmaßen gebrochen, nichts Ernstes. Aber ich musste schnell abhauen, sonst hätten andere Zigeuner mich verfolgt und getötet. Ich hatte kein gutes Gefühl."

Ich frage ihn, ob er kein schlechtes Gewissen hatte, nachdem er mehrere Menschen fast getötet hätte. "Quatsch, bist du bekloppt?! Ich wäre ins Gefängnis gekommen." Ich hätte es mir denken können. "Es hat sich dann alles geregelt. Der Hauptkommissar der Gemeinde war ein Cousin meiner Frau. Ich habe ihm einen dicken Umschlag rübergereicht und die Anklagen sind versickert. So läuft das hier."

Illustrationen: Teaserbild (cc)Dustin Diaz/flickr; Im Text: moldawischer Zug (cc)Juan Ribón/flickr, Bahnhof von Chisinau (cc)Savinov Alexandru/flickr