Budapester Offspaces: Knochenjob Kunst

Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2014
Artikel veröffentlicht am 2. Dezember 2014

Das Künstler-Dasein ist bekanntlich oft beschwerlich, besonders wenn das politische Klima rau ist. Ein Besuch der Gründerszenen für Kunst und Kultur wie Juranyi, Muszi, Budapest Art Factory oder Paloma in Budapest zeigt, dass es auch anders geht. In der Einheit liegt die Kraft.

Zum Thema Budapest zeigt Google News unweigerlich das politische und gesellschaftliche Leben der Magyaren. Die auschlaggebende Wende durch den Wahlsieg des Nationalisten Viktor Orban, der Erfolg der rechtsextremen Jobbik-Partei, starke soziale Spannungen und vor allem die steigende Tendenz zur Intoleranz gegenüber den Minderheiten in einem Land, das am Scheideweg zwischen ethnischen Gruppen und Kulturen steht, sind bei der Suchmaschine ganz vorn mit dabei.

Doch an der Stelle, wo die Donau die Stadtteile Buda und Pest voneinander trennt, wird nicht nur über Politik berichtet. Auch schon ein kurzer Aufenthalt kann herrschende Vorurteile über diese Stadt verändern. Denn Budapest ist eine Kunst- und Kulturhauptstadt.

Bei meinem Spaziergang durch die eleganten Boulevards in ihrer kaiserlichen Pracht und imperialen Größe, begleitet von den Klängen Franz Liszts oder einfach von George Ezras „Budapest“, hat man immer ein bisschen das Gefühl an einem Scheideweg zwischen Kulturellem und Ethnischen zu stehen. Budapest ist in der Lage, seine Kunsträume und Konzepte zu modernisieren. Und das trotz der aktuellen Wirtschaftskrise, die sich auch an der Donau niederschlägt. Eine Mischung aus Finanzmitteln, Ideen und Künstlern ist die Antwort auf die ständige Suche nach der eignen Identität in der modernen Gesellschaft.

Auch wenn Art Factory, Juranyi, Muszi, Paloma, Art Quartet oder Trafò House of Contemporary Arts zu den ersten unabhängigen Kunstzentren Budapests gehören und sehr unterschiedliche Orte sind, haben sie dennoch eines gemein: Sie fördern Budapester Kunst und Kultur.

Freiheit oder ich fress' dich

An einem heißen Junimorgen befinde ich mich in einem industriellen Gebäudekomplex im 13. Bezirk auf der Pester Seite, wo es an Kunst-Aktivitäten nur so brummt. Zwischen den üblichen Lagerhallen eines Industriegebäudes hat sich hier ein Ort eingenistet, an dem alles andere als Fließbandarbeit ausgeübt wird. Die Budapest Art Factory ist eine Werkstatt, in der vier ungarische Künstler ihr Unwesen treiben. Zwei von ihnen, Sandor Zsasz und Marta Kuksora, führen durch das Gebäude, das als ein offenes Studio, ein Ausstellungsraum oder besser gesagt als ein großer Wohnsitz für zeitgenössische Kunst daherkommt.

Marta, die Inspiration für ihre Arbeiten aus der Natur schöpft, erzählt mir, die Budapest Art Factory wurde im Jahr 2006 von der Amerikanerin Diane C. Brown gegründet und betont dabei ihre Unabhängikeit: „Die Fabrik wird zum Teil von Spendengeldern, privaten Stiftungen und von uns selbst finanziert.“ Trotz des jüngsten Finanzierungsantrags an das Kultusministerium, betont Sandor noch einmal die politische und institutionelle Freiheit ihrer Einrichtung. „Wir haben beschlossen, unsere Aufmerksamkeit vor allem auf internationale Künstler zu lenken. Unser Residency Programme bietet internationalen Künstlern Atelierräume, in denen sie arbeiten und wohnen können.

Schnell wird klar: Die ungarische Gesellschaft ist von sozialen Spannungen und Konflikten zwischen der Kunst-und Kulturwelt und der politischen Macht geschüttelt. Das zeigen zum Beispiel die Rechtsstreitigkeiten um die Absetzung des ehemaligen Theater-Direktors Istvan Marta oder um den international angesehenen Orchester-Dirigenten Ivan Fischer. Sandor ist längst nicht der Einzige, der diese Streitigkeiten als typisch im heutigen Ungarn bezeichnet. Die Arbeiten des aus Siebenbürgen stammenden Künstlers erzählen Geschichten und soziale Konflikte in einer dramatischen Spannung, um Gefühle und Erinnerungen, die eng mit seinem Heimatland und dessen Vergangenheit verbunden sind, darzustellen.

Kunstzentrum trotz Hürden

Auf der anderen Seite des Flusses, in Buda, treffen wir Danko, vom Kunstzentrum Jurányi ArtZunächst war das Ganze nur ein Projektsentwurf aus dem Jahr 2011. Doch die NGO FÜGE hat das Kunstzentrum 2012 in die Tat umgesetzt, um freiberuflichen Künstler zu helfen bürokratische Hürden zu überwinden.

Das gigantische Gebäude (6500 qm) scheint wie ein Labyrinth. Die luminösen Fenster der obersten Etagen eröffnen ein Panorama auf die Pracht der kaiserlichen Residenzstadt. Auf der einen Seite liegt die Burg von Buda, auf der anderen das riesige Parlament, welches als Schauplatz einiger entscheidender und tragischer Ereignisse in die europäische Geschichte einging.

Im Inneren zurück stößt der Besucher auf diverse Arten von Installationen, Bühnen und sogar Küchen. Die bunten Linien auf dem Boden des Raumes weisen auf die Vielfalt der verschiedenen Arbeitsbereiche im Juranyi hin. Von Tanz und Theater, Design, Kostümdesign, Malerei, Bildhauerei bis zur Fotografie - die Künstler hier können in unbegrenzter Unabhängigkeit und Synergie arbeiten. Das Gebäude bietet zusätzlich einen eigenen Raum für Ausstellungen und Performances.

Bei FÜGE, dessen Mitglieder hauptsächlich Künstler und Unternehmer zählen, will man junge Talente fördern. „Es fehlt uns an Finanzierungsmöglichkeiten“, sagt Danko und erklärt die ambivalente Beziehung zwischen FÜGE und den Ämtern. Eigentlich pflegt das Jurányi ein gutes Verhältnis zum Landkreis der Stadt Budapest, auf der anderen Seite stößt der Verein jedoch immer wieder auf Ablehnung seitens des Kultusministeriums, was den freiberuflichen Künstlern und der Gemeinschaft weitere administrativen Hürden stellt und die Unabhängigkeit erschwert.

Szenenwechsel: Der Palast Paloma befindet sich im Zentrum der Lajos Kossuth Avenue und war einst ein Einkaufzentrum. Heute beheimatet der Ort lokale Künstler, insbesondere Designer und ihre Werkstätten, die gleichzeitig als Konzeptläden, Art Gallery und Veranstaltungsräume genutzt werden können.

Zsuzsi Kárpáti, Paloma-Gründerin und Leiterin erklärt, wie solch ein unabhängiges Projekt trotz mangelnder Unterstützung vom Staat zustande kommen konnte. Anhand des Beispiels von Paloma wird das angespannte Verhältnis zwischen Regierung und Kulturszene abermals deutlich. Und trotzdem: Die Innenhöfe, die knapp 15 Jahre leer standen, beherbergen heute kreative Werkstätten, Kunstgalerien und kleine Läden.

MusZi: Ein zu Hause für junge Künstler

Unsere Reise in den Underground der Budapester Kunstwelt endet nicht ohne einen Besuch im Müszi. Das Haus für junge Künstler liegt im Herzen der Stadt, unweit von der Rakoczi Ut, einer der Hauptverkehrsadern von Pest, die von West nach Ost, zwischen dem 7. und 8. Bezirk verläuft.

Junge Menschen strömen aus einer schmalen Tür, die zwischen den Fastfood-Ketten ringsum beinahe untergeht. Der dritte Stock des Gebäudes eröffnet sich zu einer kleinen Bar und einer Bühne, welche an die berühmten Ruin-Pubs erinnert. Auf dem 2800 Quadratmeter großen Areal befinden sich zahlreiche Räume für Workshops und Performance-Kunst, sogar ein Gewächshaus gibt es. Hier treffe ich die junge Künstlerin Lilla, die zusammen mit einem Freund gerade eine Ausstellung eröffnet.

Lilla erklärt uns die Schwierigkeiten, als junge Künstlerin Fuß zu fassen. „Es ist nicht leicht, sich in Budapest als Künstler zu etablieren, vor allem für Anfänger. Du musst unbedingt gute Kontakte haben“. Lilla und ihr Kollege, beide aus der Provinz, sind von Müszi begeistert: „Es ist eine fantastische Idee, die Menschen mit der Kunst verbindet und jungen Künstlern Möglichkeiten gibt, ihren Ideen und Arbeiten nachzugehen“.

Budapest hat seine eigene kreative Formel gefunden, an all diesen Orten der Kunst. Einheit bedeutet Kraft, auch wenn es die Behörden manchmal sehr schwer machen. Hier gilt das Motto frei nach Dumas: "Einer für all, alle für einen".

DIESER ARTIKEL IST TEIL UNSERER CAFEBABEL-REPORTAGEREIHE EU IN MOTION, MIT UNTERSTÜTZUNG DES EUROPAPARLAMENTS UND DER FONDATION HIPPOCRÈNE.

. | Adrien Le Coarer

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