Budapest Pride: "Nicht wir sind das eigentliche Tabu, sondern AIDS"

Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2012
Artikel veröffentlicht am 5. Juni 2012
Die Situation der LGBT-Community von Budapest scheint von Tag zu Tag heikler zu werden. Die rechtsextreme Jobbik-Partei hat den Entwurf eines Gesetzes vorgebracht, nach dem öffentlich gezeigte Homosexualität zur Straftat wird.
Aber zwischen Zusammenstößen bei der Gay Pride und nächtlichen Partys im Kellergeschoss ist das wahre Verhängnis für Homosexuelle in der Hauptstadt noch immer die Immunschwächekrankheit, von der man nach wie vor nicht weiß, wie weit sie tatsächlich verbreitet ist.

Der Airbus 380 nach Budapest ist voll und ich finde einen Platz neben dem Notausstieg. Von diesem Moment an könnte das Leben von fast 300 Passagieren von mir abhängen, wie mich die Stewardessen sofort wissen lassen. Ich werde wach genug, um zu bemerken, dass neben mir ein schwules Paar aus Frankreich sitzt, das Urlaub macht. "Wir wissen, dass die Situation angespannt ist, aber wir sind ohne Vorurteile aufgebrochen", vertraut mir Olivier an. "Wir werden dorthin gehen, wo es uns gefällt, ohne Angst."

Offen homosexuell? Lieber nicht!

Die Situation in Ungarn wirkt nicht nur angespannt, sondern kann auch gefährlich werden. Vor zwei Wochen hat die rechtsextreme Parlamentspartei Jobbik den Entwurf eines Gesetzes vorgebracht, nach dem öffentlich gezeigte Homosexualität mit einem Bußgeld oder bis zu 8 Jahren Haft bestraft wird. Die Gay Pride wurde von der Polizei abgesagt, was von der Präfektur widerrufen wurde. Seit 5 Jahren wird die Demonstration von gewalttätigen Extremisten angegriffen. Schlussendlich wird die Budapest Pride dieses Jahr aber trotzdem im Rahmen der Eurogames 2012 [ein schwul-lesbisches Sportevent] vom 1.-8. Juli in der ungarischen Hauptstadt stattfinden.

"In diesen Zeiten kann öffentlich gezeigte Homosexualität als Provokation empfunden werden", sagt Richard Zahoranschi, der Leiter von Radio Pink, dem einzigen schwulen Internetradio in Ungarn, das jeden Tag Pop und Dance sowie Reportagen sendet. Bei dem Radiosender sind 28 Freiwillige beschäftigt, davon ein gutes Drittel "Tolerante", und bis zur letzten Woche hatte sie nie jemand bedroht. "Sie haben in unserem Chat ein "Memorandum für einen Homosexuellen-Holocaust" veröffentlicht", erzählt Richard. "Das alles ist paradox: Wenn sie Schwule hassen, warum hören sie uns dann zu? Aber unser größtes Problem sind nicht die Drohungen, sondern die Finanzierung. Unternehmen wollen nichts mit einem Medium wie unserem zu tun haben, weil sie Angst haben, ihre Kunden zu verlieren."

Das zweistöckige Restaurant ist von mittags bis Mitternacht geöffnetDas Eklektika in der Nagymezo utca bietet Platz für 100 Personen und war eins der ersten schwulenfreundlichen Lokale in Budapest. Die Vermutung, dass die Situation der Homosexuellen in Budapest nicht völlig den Nachrichten entspricht, die durch die westeuropäische Presse gehen, wird von einem der Kellner, einem Heterosexuellen, bestätigt. Er erinnert sich: "Während der Zusammenstöße bei der letzten Gay Pride haben einige bekannte Jobbik-Aktivisten bei uns zu Mittag gegessen, inmitten der homosexuellen Kundschaft, ohne uns in irgendeiner Weise zu belästigen."

In der Nähe des "Eklektika" treffe ich Tamás, einen 23-jährigen Ungarn: "Ich habe Angst, an der Gay Pride teilzunehmen, das ist hier wirklich ein Kampf", erzählt er. "Die jungen Leute akzeptieren uns ohne Probleme, sie gehen in unsere Bars. Meine Schwester und meine Freunde wissen alles über mich; aber meinen Eltern kann ich es nicht sagen. Die ältere Generation ist überzeugt, dass wir unsere Nächte im Nèpliget verbringen, wo wir uns prostituieren." Der im Südosten gelegene Nèpliget-Park ist zu jeder Tageszeit die beliebteste Cruising-Location der Hauptstadt. Aber für heute Abend hat Tamás andere Pläne.

"Auf jeden Fall nehme ich an der Gay Pride teil. Ich habe keine Angst. Beim letzten Mal hat uns die Polizei beschützt."

Er will ins Puschkin-Kino, wo eine Diskussion zum Thema 'Coming-out' stattfindet. Ehrengast ist ein Psychologe. Die ungarische Journalistin, die mich begleitet, dolmetscht gemeinsam mit einem jungen Mann, Bálint Török, 24 Jahre alt, der Ende Juni als Freiwilliger die Eurogames unterstützen wird. "In Ungarn heißt es immer, dass man sein Privatleben von seinem öffentlichen Leben getrennt halten muss", sagt er. "Aber ich habe keine Angst, ich arbeite in einem internationalen Unternehmen und habe bereits versucht, mich zu outen, wenn auch mit Vorsicht."

Schwulenfreundliche Viertel in Europa

Im Gespräch mit anderen jungen Leuten, die ich dem Psychologen kurz "entführe", merke ich, dass ich an der falschen Stelle suche. Die schwule Community von Budapest macht sich nicht allzu viele Gedanken über die neuesten Einfälle der Jobbik-Partei, die "von Natur aus gegen alle Minderheiten etwas hat", wie mir Richard bereits erklärt hatte.

Das homosexuelle Nachtleben ist vielfältig und beschränkt sich nicht auf die Lokale, die in schwulen Stadtführern beworben werden, z.B. das Alter Ego und das Cappella. Ich brauche nur um ein Uhr nachts ins Kellergeschoss der Fabrik, eines Lokals in Gozdu Udvar, hinabzusteigen, um mich in einem Dschungel aus ineinander verschlungenen Menschen und verschwitzten T-Shirts wiederzufinden, die sich zu Techno-Rhythmen aneinander reiben. Nur zwei oder drei Mädchen sind darunter, die von allen ignoriert werden.

Niemand weiß über die tatsächliche Verbreitung von AIDS Bescheid

"Diskriminierung gibt es in Ungarn vor allem im Bereich der Politik. Alle Politiker, die versucht haben, sich als schwul zu outen, haben ihr Amt verloren", erzählt mir Támas Dombos von der NGO Háttér, die sich seit 20 Jahren mit den Rechten Homosexueller befasst. Vollständige gesellschaftliche Anerkennung ist eine Utopie, "nur 17% der Homosexuellen outen sich am Arbeitsplatz", aber was rechtlich bereits erreicht wurde, ist erhalten geblieben: Seit 1996 können Homosexuelle eine Partnerschaft eingehen, seit 2009 ist eine eingetragene Lebenspartnerschaft möglich.

"Das eigentliche Tabu in Ungarn", erklärt sein Kollege Andras, "ist noch immer AIDS: Seit der letzten Präventionskampagne der Regierung sind über zehn Jahre vergangen und das einzige Krankenhaus, das für Behandlungen ausgestattet ist, ist Szént László in Budapest, wo es nur drei Ärzte gibt." Háttér bietet eine spezielle telefonische Beratung zum Thema Prävention an und die Anrufer sind "zu 90%" Heterosexuelle, die völlig uninformiert sind. "Ein HIV-positiver Mann, der in Begleitung seiner Frau ins Krankenhaus kam, wäre fast gestorben, weil niemand glaubte, dass ein Heterosexueller infiziert sein könnte."

Hier werden in etwa 3500 Tests pro Monat durchgeführt.

AIDS, die "Schwulenseuche": Dieses Vorurteil hält sich im Land der Magyaren hartnäckig. Um sich testen zu lassen, geht die Mehrheit der Menschen zu "Anonym Aids" in einem trostlosen Vorort westlich von Buda. "Seit die Krankheit 1985 erstmals aufgetreten ist, wurden nur 2.115 Fälle gemeldet", erklärt mir ein Mitarbeiter, der sich beeilt uns einzuschließen, damit während des Interviews niemand anders hereinkommt. "Optimistischen Schätzungen zufolge muss es mindestens viermal so viele Infizierte geben, auch unter Heterosexuellen. Am stärksten ist Budapest betroffen, aber auf dem Land gibt es keine einzige spezialisierte Einrichtung. Wir versuchen, hier eine freundliche Atmosphäre zu schaffen. Vier Wochen nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr können Menschen in die Praxis kommen und sich testen lassen."

Am Flughafen treffe ich erneut auf Olivier und seinen Partner. Sie sind guter Dinge, kaufen im Duty-free-Shop ein und halten sich im Arm - nach ihrem 'völlig entspannten' Wochenende in Budapest.

Dieser Artikel ist Teil der cafebabel.com Reportagereihe Orient Express Reporter II, ein von der Europäischen Kommission und der Allianz Kulturstiftung finanziertes Projekt. Ein besonderer Dank geht an cafebabel.com Budapest, vor allem an Vivien Szalai-Krausz und Linda Krajcsò.

Illustrationen: Teaserbild (cc)jiuck/flickr; Im Text ©Jacopo Franchi für Orient Express Reporter II, Budapest 2012