Budapest: Brutkasten für Start-ups

Artikel veröffentlicht am 27. Juni 2016
Artikel veröffentlicht am 27. Juni 2016

In den Neunzigern war ein Unternehmer in Budapest ein zwielichtiger Typ mit Aktentasche in einem schwarzen Mercedes, der nur Geschäfte machen konnte, weil er „die richtigen Leute“ kannte. Heute gibt es viele junge Menschen, die in Budapest leben und arbeiten und sich selbst Unternehmer nennen è sie geben dem Wort eine neue Bedeutung.

Wähle das Leben. Wähle, keinen Job zu haben. Wähle, ein Mitbegründer, Manager, Designer, Sales Manager, Kundenservicemitarbeiter - oder all das gleichzeitig zu sein. Wähle nicht Familie und Freunde, wenigstens nicht in den nächsten paar Jahren. Wähle früh aufstehen und spät schlafen, Abendessen in Plastikverpackungen und einen Schreibtisch in einem umweltfreundlichen Büro. Wähle Motivationsposter, ein Eingangrad und einen „Mach was Du liebst!“ - Kaffeebecher.

Wähle, auf jeder einzelnen Party über Marketing, Bootstrapping, kollaboratives Arbeiten und Risikokapital zu reden. Wähle, in ein Gründerzentrum statt auf die Party zu gehen. Wähle einen Investor. Wähle Risiko. Wähle die richtige App, um deinen Stress zu messen.

Wähle keinen Beruf, sondern ein Start-up. Bakó Zsolt ist Mitbegründer von Colabs, einem Co-Working Space in Budapest. Hier arbeiten mehr als 120 Menschen für über ein Dutzend Start-ups.

„Ich habe Wirtschaft studiert, aber ziemlich schnell gemerkt, dass das nicht das Richtige für mich war. Ich wollte etwas Neues und Cooles aufbauen, also bin ich gegangen, noch bevor ich mein Diplom in der Tasche hatte. In den nächsten paar Jahren schrieb ich mich für alle möglichen Unikurse ein, aber in Wahrheit habe ich eigentlich nichts gemacht. Das Studentenleben war billig, weil ich immer noch in einem Studentenwohnheim lebte und experimentieren konnte.“

2008 verbrachte Bakó 6 Wochen in den USA, er besuchte San Diego und New York. Dort entdeckte er Start-ups und die Arbeit im Großraumbüro. „Die Energie, das Tempo, mit dem alles passierte und die Tatsache, dass alle so aufgeschlossen waren - das alles hat mich stark beeindruckt.“ Bei seiner Rückkehr nach Budapest gründete Bakó zunächst ein soziales Netzwerk und fing an, Treffen mit Leuten aus der Industrie zu organisieren. Dabei traf er die Partner, mit denen er später Colabs aufbaute.

„Wir kündigten an, dass wir eine Wohnung mieten würden. Wir hatten uns ausgerechnet, dass jeder nur einen kleinen Mitgliedsbeitrag zahlen müsste, wenn wir genug Leute zusammenkriegen würden. So könnten wir alle zusammen arbeiten und voneinander lernen. Wir brachten 15 Leute zusammen und mieteten ein 120 m²-Apartement. Jetzt, etliche Jahre später, haben wir eine Warteliste für Leute, die bei Colabs mitmachen wollen und ich bin zur Zeit auf der Suche nach einem 6000 m²-Gebäude, wo wir unser drittes Büro einrichten können.“

Einer der Hauptgründe hinter Colabs Erfolg ist die Tatsache, dass in den letzten paar Jahren mehrere ungarische Start-ups, wie Ustream, Prezi und LogMeIn, mit erfolgreichen Produkten auf den internationalen Markt gekommen sind. Gleichzeitig erregen sie die Aufmerksamkeit von Investoren im Ausland. Zur Zeit ist die Start-up Szene in Budapest eine der aktivsten in Europa, auf einem Level mit Berlin und London.

David Ottlik entwickelt mit seiner Start-up Synetiq Software im Bereich des Neuromarketing: sie versuchen zu analysieren und zu verstehen, was Menschen fühlen, wenn sie Werbespots, Fernsehsendungen und Filme sehen. Die Firma ist im zweiten Colabs-Gebäude untergebracht - einem Bauwerk aus dem 19. Jahrhundert mit roten Backsteinen im Zentrum von Budapest, nur ein paar Meter von der Donau entfernt. Das Gebäude ist tatsächlich eine ganz normale Schule, deren oberste zwei Stockwerke Start-ups zur Verfügung gestellt wurden. Pinke und gelbe Poster erinnern: „Jetzt ist die richtige Zeit, deine Firma zu gründen!“ Wenn die Schulglocke läutet, strömen Kinder in schwarzen und weißen Uniformen lärmend auf die Korridore.

David hat sich während seines Architekturstudiums in Paris für Neurotechnologien begeistern lassen. Eines Tages besuchte er einen Workshop für Neuromarketing und nach fünf Minuten war ihm klar, dass das das Feld war, in dem er arbeiten wollte. Obwohl er ein Stipendium für einen Architektur-Master in Barcelona in der Tasche hatte und Flüge und Unterkunft schon gebucht waren, warf er alles über den Haufen. Jetzt steckt er mitten in seiner vierten Firmengründung. „Start-ups lernt man am Besten kennen, indem man selbst eins macht! Deshalb habe ich Firmen gegründet, seit ich 14 war“, sagt David.

Auch Orsolya Forster, Projektmanagerin bei Kitchen Budapest, hat sich darauf spezialisiert, Firmen aus dem Nichts aufzubauen. Kitchen Budapest, oder kurz KIBU, ist seit 2007 ein Gründerzentrum und wird komplett von der ungarischen Telekom gesponsort. Hier wurde das beliebteste ungarische Start-up Prezi aufgebaut, das Präsentationssoftware anbietet, die zur Zeit von 66 Millionen Nutzern in der ganzen Welt verwendet wird. Orsolyas Rolle ist es, mehrere talentierte Start-ups pro Jahr auszuwählen, die dann Finanzierung in der Größenordnung von 20.000 Euro bekommen. Dazu einen Platz in KIBUs Großraumbüro, Zugang zu Mentoren und 6 Monate, um ihre Idee in ein funktionierendes Unternehmen zu verwandeln. 

„Man muss Exhibitionist sein“, sagt Orsolya, als wir sie fragen, welche Schlüsseleigenschaft man für ein erfolgreiches Start-up braucht. „Außerdem ist es unglaublich wichtig, Opfer zu bringen - Privatleben, Geld, Beziehungen. Ich kenne viele erfolgreiche Leute, die vor ihrem Erfolg ständig gearbeitet haben, 24/7. Stell dir vor, deine Freunde für ein halbes Jahr und länger nicht zu sehen, weil du damit beschäftigt bist, einen Code zu schreiben oder eine Unternehmensstrategie zu entwerfen.“

Die Medien neigen allerdings dazu, nur eine Seite der Medaille zu zeigen, weshalb wir ständig Geschichten lesen, von dem 19-Jährigen, der das neue Facebook oder das neue Airbnb erfunden hat und über Nacht Millionär wurde. Bakó von Colabs sagt aber, das sei nur die Spitze des Eisbergs. Jedes Jahr sieht er, wie die restlichen 99% es nicht schaffen, aber keiner erzählt ihre Geschichte, weil sie einfach nicht so interessant ist. „Jeder will das neue Google erschaffen, aber in Wahrheit kann nur eine begrenzte Anzahl an Firmen so groß werden. Aber das ist nicht so schlimm - auch wenn man keine Millionen scheffelt, kann man trotzdem sein eigenes Ding aufbauen und Sinn in der eigenen Arbeit finden.“

So wie Abe Han: der Softwareentwickler kommt ursprünglich aus Kanada und wohnt seit 10 Jahren in Budapest. Er ist der Schöpfer des Online-Künstlerportfolios works.io. Die Idee kam ihm, als er eine Webseite für seine Frau erstellte. Sie musste als Künstlerin ständig neue Bilder hochladen und Abe - der parallel den Code erweitern musste - beschloss, einen Raum zu entwickeln, wo das schnell und einfach gehen würde. Obwohl Abe sich works.io als das LinkdIn für die Welt der Kunst vorstellt, ist sein Start-up für ihn viel mehr als einfach eine weitere Erfolgsgeschichte und ein Weg, über die Runden zu kommen: „Mein Start-up gibt mir ein Gefühl der Erfüllung. Es gibt mir das Gefühl, dass ich ein Teil von etwas Wertvollem bin, weil meine Arbeit Künstlern hilft. Ich bringe nicht nur mehr kommerziellen Müll auf den Markt.“

Alle diese jungen Unternehmer haben gemeinsam, dass sie an ihre Ideen glauben und sie teilen. Sie glauben an sich selbst und daran, dass Versuchen und Scheitern zum Spiel dazugehören. Ja, sie arbeiten kollaborativ, finanzieren sich selbst und sind Teil eines Hypes, den viele Menschen wegen seiner abgehobenen Sprache und extravaganten Veranstaltungen nervig finden. Aber in Wirklichkeit tun sie etwas viel Wichtigeres. „Die Situation in unserer Industrie ist die gleiche wie in jeder anderen“, fässt Orsolya zusammen, „es gibt Leute, die über Start-ups reden, und Leute, die Start-ups machen. Wir sind in der zweiten Kategorie.“

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.