Buda-Sex

Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2008
Artikel veröffentlicht am 27. Mai 2008
Pornographie, Sex-Tourismus und Prostitution: Budapest hat den Ruf, eine der 'heißesten' Hauptstädte Europas zu sein.

"Die ungarischen Darstellerinnen sind die besten", so , alias Kovi - Besitzer der größten Porno-Produktionsfirma Ungarns: Luxx. Pornofilme bezeichnet er lieber als 'Erwachsenenfilme'. "Filme werden zwar oft in anderen Ländern wie der Tschechischen Republik gedreht, aber die Darstellerinnen werden oftmals aus Ungarn mitgebracht. Sie sind einfach die besten." Laut Kovács ist dieser 'Porn-Export' einer der Hauptgründe, weshalb Budapest zu einem europaweiten Zentrum für Erotikfilme geworden ist. Natürlich zählen auch wirtschaftliche Kriterien: "In Ungarn zu filmen und zu produzieren ist einfach kostengünstiger. Dieses Land bietet die perfekte Infrastruktur für Porno-Drehs."

Die Pornoindustrie beschäftigt in Ungarn eine Vielzahl von Menschen. Eine exakte Zahl zu beziffern ist schwer, da viele nur sporadisch in dieser Branche drehen. Kovács schätzt, dass es in Ungarn knapp hundert weibliche Darstellerinnen gibt. Männliche Darsteller hingegen seien weitaus rarer, zwischen 30 und 40 schätzt der Produzent. Was die Zukunft der Sexfilm-Industrie anbelangt, zeigt er sich jedoch besorgt: "Das Internet ist ein großes Problem für uns, außerdem werden mehr Filme produziert als verkauft werden können. Dies führt zu beträchtlichen Verlusten. Und aus diesem Grund werden immer extremere Pornos gedreht." Trotzdem scheint diese Film-Sparte ein äußerst lukratives Geschäft zu sein: In Ungarn setzt die Pornoindustrie jährlich fast eine Milliarde Dollar um - 0,5 Prozent des Bruttoinlandproduktes des Landes.

©Gonzalo Ovejero

Bewegte Bilder gegen Bares

©Sandra's ModelsPorno-Darstellerin  ist aufgrund von Geldsorgen in das Geschäft eingestiegen: "Ich stamme aus einem kleinem Dorf und ich wollte raus aus der Armut und meine Geschwister und meine Mutter finanziell unterstützen." Geldengpässe, stellt Mya eindeutig klar, seien ein Kriterium in der Sexindustrie. "Die Darstellerinnen aus dem Osten sind weltweit unter den besten. Aus Angst alles zu verlieren, tun sie das Nötige, um so lange wie möglich im Geschäft zu bleiben."

"Es genügt dabei nicht, nur eine gute Figur zu haben, man muss auch Klasse besitzen, um ein Porno-Star zu sein", erklärt Kovács und wedelt mit den Bewerbungsfotos eines Mädchens.

Sie ist heiß, aber sie bewegte sich wie ein Holzklotz!

"Was haltet ihr von ihr? Sie sieht gut aus. Sie ist heiß, aber sie bewegte sich wie ein Holzklotz!", kommentiert der frühere Foto-Reporter, der nach einem schweren Unfall in diese Branche umsattelte und so zum Porno-Magnaten wurde.

Märchen für Erwachsene

"Der Porno ist ein Märchen für Erwachsene. Bis man die Volljährigkeit erreicht hat, ist es gesetzlich verboten, sich Sexfilme anzusehen. Und danach hat man schon ausreichend Erfahrungen gesammelt. Der Porno bestimme also nicht die Sexualität und das geistige Wohlbefinden der Menschen, hält Kovács den Porno-Kritikern wie Vilmos Szilágyi entgegen. Der 69-jährige ungarische Psychologe und Sexologe hat über 26 wissenschaftliche Bücher zum Thema geschrieben. Darüberhinaus hat er eine Homepage ins Leben gerufen, deren Inhalte sich mit Fragen und Themen der Sexualpsychologie auseinandersetzen. Szilágyi empfängt uns in seiner Wohnung auf der Buda-Seite im Norden der Stadt. Por-No lautet sein Credo: "Die Pornographie hat nichts mit sexueller Kultur oder Erotik zu tun. Gezeigt werden lediglich Techniken." In den fünfzig Jahren, in denen er seinen Beruf ausübt, hat er herausgefunden, dass zahlreiche Krankheitsbilder in Verbindung zur Pornographie stehen - allen voran die Sucht nach Pornographie. Das Geschäft übe einen negativen Einfluss auf die Darsteller aus: Es mindere ihr Selbstwertgefühl und führe zu einer Banalisierung des Sex'.

Die ungarische Bevölkerung distanziert sich vom 'heißen' Ruf der Hauptstadt. Hajnalka Györi ist ein junger Budapester Journalist, der in Brüssel für das Netzwerk European Youth Press arbeitet. Auf die Frage hin, welches Image Budapest nach außen transportiert, winkt Györi ab: Er würde zwar akzeptieren, dass Ungarn in dieser Hinsicht bekannt sei, gleichzeitig bedaure er jedoch, dass andere kulturelle Aspekte seines Landes dabei in den Hintergrund treten.

Ihre Schwiegereltern dachten, dass sie ihren Sohn nur des Geldes wegen heiraten wollte und dass sie in Wirklichkeit eine Porno-Darstellerin sei. Nur weil sie Ungarin ist!

Der Ruf, der seiner Stadt nacheilt, habe sogar Einfluss auf sein Privatleben: "Manchmal denken die Menschen, dass ich als Ungar 'manchen Dingen gegenüber offen' sein müsste." Eine seiner Bekannten sei wegen des Klischees der 'ungarischen Offenheit' sogar in Konflikt mit der Familie ihres Ehemannes geraten. "Ihre Schwiegereltern dachten, dass sie ihren Sohn nur des Geldes wegen heiraten wollte und dass sie in Wirklichkeit eine Porno-Darstellerin sei. Nur weil sie Ungarin ist!"

Gratwanderung Prostitution

Ágnes Földi - Vorsitzende des Verbandes der Prosituierten Ungarns, bemängelt ihrerseits den schleichenden Übergang zwischen Porno und Prostitution. "Die Produzenten suchen Prostituierte für ihre Drehs und die Darstellerin findet in der Prostitution eine weitere Einnahmequelle." Ungarn sei zudem ein Eldorado für Sextourismus geworden. "Es gibt viele Menschen, die eben aus diesem Grund nach Ungarn reisen. An Weihnachten zum Beispiel kommen mehr Italiener. Die Formel 1 bringt viele Deutsche. Wir nutzen dieses Ereignis auch, um die Generalversammlung unseres Verbandes zu veranstalten", sagt Ágnes Földi mit einer natürlichen Selbstverständlichkeit.

Die Aktivistin setzt sich für mehr Rechte der Prostituierten in Ungarn ein. Die Regulierung der Prostitution in Ungarn sei konfus. Einerseits wird sie als legales Gewerbe angesehen. Ihre praktische Ausübung ist jedoch streng geregelt. Bordelle sind beispielsweise gänzlich verboten. Dafür gibt es immer mehr Privatwohnungen, in denen Frauen ihre Freier empfangen. 1999 existierten lediglich drei dieser Etablissements, während es heute bereits 150 in Budapest sind. In der ungarischen Hauptstadt arbeiten zwischen 7.000 und 9.000 Prostituierte. Die Anzahl der männlichen Prostituierten nimmt beständig zu.

Ware Sex - Ware Mensch?

Menschenhandel stehe in Ungarn zu 90 Prozent in Verbindung mit Zwangsprostitution, berichtet ©Pedro Picon. Pornographie sei zwar kein direkter Auslöser für Menschenhandel, es bestehe jedoch ein Zusammenhang zwischen beiden. Pöltl schildert den Fall R. Tamás: "Diese Person hatte eine Scheinfirma, lud Frauen zu Dreharbeiten ein und zwang sie dann zur Prostitution." Allein in Ungarn gebe es 450 offene Fälle dieser Art.

Der EU-Beitritt Ungarns zieht, so Pöltl, sowohl positive als auch negative Konsequenzen nach sich. Einerseits werden die Außengrenzen der EU stärker bewacht und sind weniger durchlässig, andererseits fallen jedoch mit der Öffnung der EU-internen Grenzen die Binnenkontrollen weg. So haben Menschenhändler 'intra muros' uneingeschränkte Bewegungsfreiheit.

Mit Hilfe und Dank an Lóránt Havas