Brüssel schiebt Nachtschichten

Artikel veröffentlicht am 2. Juni 2009
Artikel veröffentlicht am 2. Juni 2009
Über Brüssel geht die Sonne unter. Während tausende Beamte ihre Büros verlassen, beginnen andere Arbeitnehmer ihre Nachtschicht. 20 Prozent der jungen europäischen Arbeitnehmer arbeiten nach Sonnenuntergang. Eine Entdeckungsreise ins nächtliche Brüssel.

Virginia am Empfang in der Jugendherberge

©Eduardo Sánchez GarcésDer gewittrige Himmel, der über der Stadt hängt, kündigt dauerhafte Regenfälle während des ganzen doch so frühlingshaften Wochenendes an. Im Foyer der Jugendherberge Van Gogh herrscht reges Treiben. Man kann sich in dieser Kakophonie der Sprachen kaum verständigen. Eine einheimische Rockband beginnt, die Stimmung für ein Publikum anzuheizen, das hauptsächlich aus Rucksacktouristen, Urlaubern und Jugendlichen besteht, die sich, mit einem EU-Stipendium ausgestattet, dazu entschieden haben, ihr Domizil vorerst in Brüssel aufzuschlagen.

Auf dem Tresen der Rezeption zeigen Uhren die Uhrzeit der fünf Kontinente an, natürlich auch die örtliche. Virginia Deschamps, eine 26-jährige Belgierin, die gute Seele des Hauses, die nie ihr herzliches Lächeln missen lässt, bemüht sich, alle an sie gerichteten Anliegen und Fragen zu beantworten. Sie arbeitet so flink, dass einem schwindlig wird. Seit fünf Jahren schon hat diese charmante, mehrsprachige junge Frau den Posten als Empfangsdame inne und arbeitet 15 Nächte pro Monat. Bei der Gelegenheit vertraut sie uns lächelnd auf Spanisch an, „dass sie ihren Beruf sehr liebt, sowohl wegen der Leute, die sie dadurch kennen lernt, als auch wegen der Arbeitszeiten“. Die fast magische Macht der Nacht ist keineswegs eine Legende. Es stimmt wirklich: „Nachts ist es einfacher, Bekanntschaften zu machen als tagsüber“. Trotz allem stellt Virginia dabei fest, dass „Drogen vor allem zu dieser Tageszeit im Umlauf sind“. Aber dieses Thema betrifft sie nicht.

Anna - schnelle Pizza für den kleinen Hunger

Es hat zu regnen begonnen. Wir vertreiben uns derweil die Zeit in einem dieser Schnellrestaurants, die Pizzas nach Gewicht anbieten. Hinter der Theke steht Anna Mazurra, ihre müden Gesichtszüge verraten, wie anstrengend die Arbeit am Pizzaofen heute gewesen sein muss. Die 23-jährige Italienerin, „die langsam die Nase voll hat von diesem Tag“, gibt sich trotz allem weiter offen und sympathisch. Sie ist ein Jahr nach Brüssel gekommen und erklärt uns, dass sie so spät noch arbeitet, „weil ich mit meinem bisschen Französisch schwerlich einen anderen Job finde“.

Brüssel muss nun nicht mehr neidvoll auf das sprudelnde London blicken.

Trotz der Müdigkeit durch ihre langen Arbeitstage gibt Anna zu, dass sie nach Ladenschluss trotzdem der Versuchung nicht widerstehen kann auszugehen. Obwohl die Arbeitslosenrate der aktiven Bevölkerung in der belgischen Stadt bei 22 Prozent liegt, und in der Altersstufe der Jobeinsteiger 35 Prozent erreicht, strömt eine große Anzahl junger Leute aus ganz Europa in die europäische Metropole, um hier Berufserfahrungen zu sammeln, andere Sprachen zu praktizieren, sich zu amüsieren, einen Traum wahr zu machen oder einfach aus Abenteuerlust und Entdeckerfreude. Brüssel muss nun nicht mehr neidvoll auf das sprudelnde London blicken.

Mitternacht - Philippe und die Nachtvögel

©Eduardo Sánchez GarcésMorgen ist Gay Pride. Im Boys Boudoir bereitet man sich fieberhaft auf das Ereignis vor. Schon am Eingang zeigt man sich kategorisch: „Seid ihr schwul?“ Félix, der Chef des Hauses, ein spanischstämmiger Belgier, dessen Alter sich nur schwer schätzen lässt, begrüßt uns mit einer Mischung aus Neugier und Argwohn. Er stellt uns nacheinander sein Team vor: Thierry Lurkin, ein junger, 23-jähriger Belgier, der Betreiber des Etablissements; Philippe Libert, 38 Jahre alt, sieht aber zehn jünger aus. Mit ernster Miene geht er seine Buchhaltung durch und beantwortet dabei ausgesucht höflich die Fragen, die das um ihn herum rotierende Personal ihm stellt. Die Nacht kennt Philippe Libert gut! Er hat sie fünfzehn Jahre lang gelebt. Durch verschiedenste Berufe, die ihn von allen Arten von Freizeitzentren zur Arbeit eines Sanitäters geführt haben. „Nachts“, macht er uns aufmerksam, „muss man sich mitfühlender mit den anderen zeigen; andererseits ist die Arbeit viel härter.“ Für Félix, der sich unserem Gespräch angeschlossen hat, ist „die Nacht eine Arbeit der Nächstenliebe, bei der man den Leuten das schenkt, wovon sie träumen. Obwohl viele vermuten, dass wir Liebe anbieten, darf man trotzdem nicht zu sehr erwarten, diese auch zu bekommen.“

Thierry, der jüngste, macht eine Ausbildung zum Konditor und vereinbart seine Arbeit nachts im Boys Boudoir mit seinem Job als Babysitter und der Haushaltshilfe tagsüber. Später will er Konditor sein, aber momentan fühlt er sich so, wie er lebt, durchaus wohl. Libert erzählt, er wolle „nicht bis 65 die Nacht zum Tag machen, vor allem, weil das Nachtleben eher an den Kräften zehrt als ein Beruf zu normalen Zeiten. Und das animiert einen dann dazu, ein bisschen mehr als den Durchschnitt zu zwitschern“, fügt er hinzu.

In aller Herrgottsfrühe - Rafik in seinem Taxi

©Eduardo Sanchez GarcésEs ist 3.30 Uhr, höchste Zeit, ins traute Heim zurückzukehren. Taxi! Am Steuer des Mercedes, in dem wir Platz nehmen, sitzt Rafik Tanzir, ein 29-jähriger Marokkaner, der gerade all seine Ersparnisse in dieses Auto und in eine Lizenz investiert hat, die es ihm ermöglicht, den Beruf des Taxifahrers ausüben. Er hat erst einige Monate Erfahrung in seinem neuen Beruf und plant, das noch gut zwanzig Jahre zu machen. Seine Arbeitstage dauern manchmal bis zu zwölf Stunden. Und „mit der Krise dauern sie oft noch viel länger, bis man die erhofften Tageseinnahmen von 120 Euro rein hat.“ Er gesteht uns, dass er nicht so gern nachts arbeitet - wegen der Unsicherheit und der möglichen Gefahren. Wenn man ihn fragt, ob er auch Urlaub hat, antwortet uns Rafik: „Dieses Jahr hatte ich schon genug.“ Die karge Zeit für die Taxis ist im Januar, während des Karnevals. Er müsste also das nächste Weihnachtsgeld abwarten, um seine Urlaubstage einreichen zu können. Nachdem wir die elf Euro für das Taxi bezahlt haben, verlassen wir Rafik. Draußen schlägt der Puls der Nacht weiter in seinem eigenen Rhythmus. Spielerisch für die einen und arbeitsreich für die anderen.

Mein großer Dank gilt Fernando Navarro Sordo, der mir geholfen hat, diesen Artikel zu verfassen.

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[Laut der Weltgesundheitorganisation (WHO) erhöht Nachtarbeit das Risiko, an Krebs zu erkranken, und das ist nicht die einzige negative Auswirkung. Dieser Arbeitsrhythmus löst im Laufe der Zeit auch eine Reihe anderer Negativeffekte mit mehr oder weniger schädlichen Konsequenzen aus. Man macht in der Tat die nächtliche Arbeit oft für Beschwerden und Mangelerscheinungen verantwortlich. Das können Schlafstörungen, Appetitverlust oder persönliche Unzufriedenheit sein bis hin zur Verarmung der privaten und familiären Beziehungen oder vorzeitigem Altern. Die Arbeit, die einen umbringt, „wirkt sie“ nächtens schneller? Sie reduziert ebenfalls die Lebenserwartung um sieben Jahre (verglichen mit einem „normalen“ Arbeiter) und erhöht exponentiell das Risiko von Arbeitsunfällen.]