Brüssel: Kaffee statt Karriere

Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2014
Artikel veröffentlicht am 16. Mai 2014

Am Place Lux in Brüs­sel, hof­fen junge Eu­ro­pä­er auf den Job ihres Lebens. Der Platz ist heute ein gro­ßer Vi­si­ten­kar­ten­um­schlag­platz: Ver­hasst von Ab­sol­ven­ten, deren Hoff­nun­gen ent­täuscht wur­den und ver­ehrt von den jun­gen Un­ter­neh­mern, die dort jetzt einen Hau­fen Geld ver­die­nen. Zu Be­such an dem Ort, wo eu­ro­päi­sche Kar­rie­renträume zer­plat­zen.

„3 Cap­puc­ci­no mit So­ja­milch, ein­mal nor­mal, 2 Es­pres­so und den Zu­cker bitte extra…“ Fla­via ver­dreht in­ner­lich die Augen. Wenn solch eine Be­stel­lung kommt, weiß sie schon Be­scheid. Ein Prak­ti­kant aus dem EU-Par­la­ment ist wie­der los­ge­schickt wor­den, um Kaf­fee für seine Ab­tei­lung zu holen. Ner­vös starrt der junge Grie­che auf sei­nen Zet­tel, über­for­dert mit den zahl­rei­chen Son­der­wün­schen. Fla­via lä­chelt ihn auf­mun­ternd an. Ver­mut­lich hätte auch sie sol­che Diens­te über­nom­men, wenn sie ein Prak­ti­kum im EU-Par­la­ment be­kom­men hätte. Hat sie aber nicht.

Vor einem Jahr kam die Ita­lie­ne­rin nach Brüs­sel - als eine von rund 8000 jun­gen Men­schen aus ganz Eu­ro­pa, die jähr­lich in Bel­gi­ens Haupt­stadt strö­men. Sie alle eint die Hoff­nung über ein Prak­ti­kum, bei einer der EU-In­sti­tu­tio­nen ihre Kar­rie­re zu star­ten. Fla­via war über­zeugt, dass sich ihr nach dem Po­li­tik­stu­di­um in Rom alle Türen öff­nen wür­den. Ziem­lich naiv, wie sie heute sagt.

ZU NAIV FÜR BRÜS­SEL?

„Wie Wer­be­fly­er habe ich meine Le­bens­läu­fe ver­teilt, ge­nom­men hat mich kei­ner. Hier ist die Kon­kur­renz viel zu groß.“ Jetzt um­hüllt die 23jäh­ri­ge der Dampf der Spül­ma­schi­ne. Fla­via ar­bei­tet mitt­ler­wei­le hin­ter dem Tre­sen eines Cafés und be­dient aus­ge­rech­net die, zu denen sie selbst ge­hö­ren woll­te. Das Kars­ma­kers, das stets nach frisch ge­brüh­tem Kaf­fee duf­tet, liegt di­rekt ge­gen­über des gi­gan­ti­schen EU-Par­la­ments­ge­bäu­des. Mit­tags reicht die Schlan­ge aus schick ge­klei­de­ten Par­la­men­ta­ri­ern bis auf die Stra­ße hin­aus. Schnell muss es hier gehen. Fla­via bin­det sich die dunk­len Haare zum Zopf, wirft ein Hand­tuch über die Schul­ter und greift nach dem Ta­blett mit Ba­gels. Mit flin­ken Grif­fen be­dient sie die War­ten­den. Die Po­li­tik macht bei ihr Mit­tags­pau­se. Unter den schwar­zen An­zug­trä­gern fällt die klei­ne Ita­lie­ne­rin kaum auf. Ent­täuscht stellt sie fest: „Kaum einer weiß, dass ich selbst Po­li­tik stu­diert hab. Für die meis­ten bin ich nicht mehr als eine der vie­len Kell­ne­rin­nen am Place Lux.

DIE PO­LI­TIK MACHT BEI FLA­VIA MIT­TAGS­PAU­SE

Place Lux nen­nen die In­si­der den be­kann­ten Place du Lu­xem­bourg. The bea­ting heart of Brus­sels, wie ein EU-Ab­ge­ord­ne­ter ihn lie­be­voll tauf­te. Die ca. 1200qm große Flä­che vor den Stu­fen des EU-Par­la­ments ist mit sei­nen zahl­rei­chen Cafés und Bars zum be­lieb­ten Treff­punkt für eine Ge­ne­ra­ti­on von Eu­ro­pa­po­li­ti­kern oder sol­chen, die es wer­den wol­len, ge­wor­den.

Kon­zen­triert schrei­tet Tho­mas das Ge­län­de ab. Nur we­ni­ge hun­dert Meter vom Kars­ma­kers ent­fernt, ma­nagt der erst 27-jäh­ri­ge Bel­gi­er das Coco, eine der an­ge­sag­ten Bars am Platz. Über einen Knopf im Ohr in­for­miert er seine Mit­ar­bei­ter über die Lage. Schließ­lich ist heute Don­ners­tag. Und Don­ners­tag be­deu­tet für Tho­mas das Klin­geln der Kasse. Noch ruht der Platz in der war­men Nach­mit­tags­son­ne, doch schon bald wird sich hier das junge Eu­ro­pa tum­meln. „Bis zu 3000 Leute fei­ern dann hier, das ist ein ein­ma­li­ges Er­leb­nis“, er­zählt der Brüs­se­ler be­geis­tert. Die Par­la­men­ta­ri­er ma­chen schließ­lich 95% sei­ner bes­ten Kun­den aus. Kein Wun­der, dass sich die Tisch­rei­hen bis zur äu­ßers­ten Bord­stein­kan­te, be­droh­lich eng an die Stra­ße schmie­gen und Schil­der mit Happy Hour An­ge­bo­ten um die gut zah­len­den Kun­den wer­ben.

Musik dröhnt, Kra­wat­ten wer­den ge­lo­ckert

Nach Fei­er­abend strö­men all die, die den EU-Ap­pa­rat am Lau­fen hal­ten auf den Platz. Über­all er­klingt Eu­ro­pa - ein wil­des Spra­chen­ba­bel er­füllt den Ort. Bier­be­cher wer­den im Se­kun­den­takt ge­füllt, Musik dröhnt aus den Boxen, Kra­wat­ten wer­den ge­lo­ckert. Die Prak­ti­kan­ten ver­sam­meln sich aus­ge­las­sen auf der klei­nen Grün­flä­che in der Mitte des Plat­zes. Und doch geht es um mehr, als um Ape­rol und Bier. Die Bli­cke all derer, die meist nur für kurze Zeit in Brüs­sel sind, schwei­fen un­ru­hig hin und her. Hier zählt das Sehen und Ge­se­hen wer­den. Lob­by­is­ten su­chen Par­la­men­ta­ri­er, Prak­ti­kan­ten die Ab­ge­ord­ne­ten - alle eint die Jagd nach wich­ti­gen Kon­tak­ten. Lä­chelnd be­trach­tet Tho­mas den flei­ßi­gen Aus­tausch von Vi­si­ten­kar­ten. Das Net­wor­king ist schließ­lich sein Ge­schäft.

„Am Wo­chen­en­de ist hin­ge­gen kaum was los, dann ar­bei­tet ja kei­ner mehr hier. Bis auf ein paar Tou­ris­ten, die sich hier­her ver­ir­ren, ist es wie im Grand Can­yon. Du kannst laut schrei­en, aber das Echo kommt zu­rück. Ein ko­mi­scher Ort. Die Brüs­se­ler selbst ken­nen ihn gar nicht.“ Auch Tho­mas wuss­te nichts mit dem Ort an­zu­fan­gen. Bis er dort das große Geld roch. Seit­dem ver­bringt er fast jeden Tag am Platz und steckt seine ganze En­er­gie in die klei­ne Bar. Die Au­gen­rin­ge nimmt der Ge­schäfts­mann gern in Kauf. Die vie­len Kar­rie­re­su­chen­den haben ihm schließ­lich den Kar­rie­re­sprung er­mög­licht.

Nie wie­der Po­li­tik

Dass Brüs­sel auch ihr Sprung­brett wer­den würde, hatte Fla­via bis vor kur­zem auch noch ge­hofft. Für die zier­li­che Frau mit den braun leuch­ten­den Augen be­deu­tet Place Lux aber nicht nur Ar­beit, son­dern vor allem das Ende des Traums. „Mich frus­triert der Po­li­tik­be­trieb. Auch wenn ich hier nur Kaf­fee aus­schen­ke, be­kom­me ich mehr mit, als mir lieb ist. Letzt­lich wird immer nur ge­re­det, kaum ge­han­delt. Dabei gibt es echt wich­ti­ge­re Pro­ble­me“.

Wie die Ju­gend­ar­beits­lo­sig­keit in ihrer Hei­mat zum Bei­spiel. In Ita­li­en lag die Quote im Ja­nu­ar bei 42,4 %. Fla­via hat be­schlos­sen nach Rom zu­rück­zu­keh­ren, um dort ein Mas­ter­stu­di­um zu be­gin­nen, aber sie weiß, dass sie es dort als junge Stu­den­tin schwer haben wird. Ne­ben­jobs sind schlecht be­zahlt, die Wahr­schein­lich­keit einen guten Ar­beits­platz zu fin­den, ge­ring. „Mein Vater ver­sucht mich zu über­zeu­gen, nicht zu­rück­zu­kom­men, weil es dort noch schlim­mer sei“, meint Fla­via. Daher ver­sucht sie jetzt so viel wie mög­lich zu spa­ren. Doch auch wenn sich ihr Traum nicht er­füllt hat, be­reut die ehr­gei­zi­ge junge Frau nicht, her­ge­kom­men zu sein. „Im­mer­hin habe ich einen guten Ein­blick in die EU-Bla­se er­hal­ten. Wenn auch nicht so, wie ich es mir ge­wünscht habe. Aber jetzt weiß ich umso mehr, in wel­che Rich­tung ich gehen will. Po­li­tik wird es je­den­falls nicht sein.“

Kurz nach acht. Wäh­rend auf dem Place Lux das Net­wor­king be­reits in vol­lem Gange ist und Tho­mas neue Bier­fäs­ser or­dert, schließt Fla­via das Kars­ma­kers und be­eilt sich zur U-Bahn zu kom­men. Sie ist froh, wenn sie dem Platz den Rü­cken keh­ren kann. Ein­zig­ar­tig ist er den­noch, der Place Lux, das muss man ihm las­sen.

Diese Re­por­ta­ge wurde im Rah­men des Pro­jeks «EU­to­pia – Time to Vote» ge­schrie­ben. Un­se­re Part­ner für die­ses Pro­jekt sind die Stif­tung Hip­po­crène, die Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on, das fran­zö­si­sche Au­ßen­mi­nis­te­ri­um und die Stif­tung EVENS. Bald fin­det ihr alle Ar­ti­kel aus Brüs­sel auf der ers­ten Seite un­se­res Ma­ga­zins.