Brixton-Gangs: Nicht volljährig, aber halbstark

Artikel veröffentlicht am 18. März 2016
Artikel veröffentlicht am 18. März 2016

In London nimmt das Problem der Gangs wieder zu. Cafébabel ist nach Brixton gereist, um diese Welt hinter den glitzernden Lichtern von London Bridge und Picadilly Circus zu entdecken: Ein Vorort im Süden von London, wo vor allem Familien mit Migrationshintergrund, auch aus Jamaika, leben. Wir haben mit Tracy Sour Miller gesprochen, die in den 80ern das gefährlichste Mädchen von Angell Town war.

„You can crush us, you can bruise us, but you'll have to answer to, oh, the guns of Brixton“ sangen The Clash in den 70ern. Zu der Zeit war das Viertel Brixton tabu für alle Weißen und nicht Vorbestraften. Die jamaikanische Mafia breitete sich ungestört aus. Es war das Terrain der so genannten Yardies: So wurden die Jamaikaner genannt, die in den 1950er Jahren massenweise aus den Government Yards in West Kingston (Jamaika) ankamen. In dem Viertel leben vor allem Schwarze jamaikanischer Herkunft. Die sogenannten Brixton Riots sind in die Geschichte eingegangen. So hießen die Unruhen, die von Zeit zu Zeit in der Gegend ausbrachen und bei denen immer ein Schwarzer von der Polizei getötet wurde: 1981, 1985, 1995, zuletzt 2011.

Neben den reicheren Vierteln im Westen von London und auch den ärmsten Arbeitervierteln im East End gibt es den Süden. Es gibt Brixton. Inzwischen hat die Gentrifizierung viele dieser Unterschiede aufgeweicht, aber sie hat es nicht geschafft, ein großes Problem der Gesellschaft zu lösen: die Gangs, die heute besser organisiert und weit verbreiteter sind als früher. In den 1980ern gab es die Younger 28s, die Junction Boys, die Peckham Boys und die Ghetto Boys. Heute sind es die Muslim Boys, die Poverty Driven Children, die Guns and Shanks, die ABM (All 'Bout Money) und die TN1 (Tell No One).

Wer da mitmacht, ist jung, sehr jung, oft noch nicht einmal volljährig. Es sind englische Jugendliche, in London geboren, häufig mit Migrationshintergrund und aus oft katastrophalen Familienverhältnissen. Da sind Raubüberfälle, Messerstechereien und Schießereien, die oft im Gefängnis enden. Dahinter stehen Frust, Armut und Hass, die die Kinder zu Hause erleben. Sie leben in einem Viertel, das der Staat vergessen hat, wo man sich im Haus einschließt, sobald es dunkel wird und lieber nicht daran denkt, was draußen passiert. Die „Karriere“ bei den Child-Gangs beginnt früh, schon mit 12 oder 13 Jahren, mit kleinen Ladendiebstählen im Supermarkt. Mit 16 Jahren landet man nach einem bewaffneten Raubüberfall im Knast. Wer sind diese Jugendlichen? Was wollen sie von der Gesellschaft? Und warum scheint der Staat sie vergessen zu haben?

Ein Tag in Angell Town

Als ich in Brixton ankomme, ist es kalt aber sonnig. Ich steige aus der U-Bahn und stehe auf der Brixton High Street, der wichtigsten Straße des Viertels. Lange Reihen von Geschäften, Fast-Food-Läden, Supermärkten. Die Wandbilder von David Bowie sind zur Zeit die Hauptattraktion. Ich sehe vor allem Schwarze auf der Straße, aber auch ein paar Weiße. Mein Ziel ist ein anderes: die Häusersiedlung Angell Town.

Abseits der Brixton High Street sind die Straßen hier leerer, die Geschäfte spärlicher und die Weißen rarer. Ich betrete das Wohngebiet von Brixton. Außer einer Gruppe Halbstarker ist fast niemand auf den Straßen zu sehen. Es ist fünf Uhr nachmittags und es wird schon dunkel.

Ich biege in die Overton Road ein und bin angekommen: Angell Town, ein Block Sozialwohnungen, die sich durch Größe und Baufälligkeit auszeichnen. Ich erkenne jetzt, dass ich mich in einem echten „Viertel im Viertel“ befinde. Da sind viele Häuser aus Sperrholz nebeneinander, die Vorhänge zugezogen, viele jamaikanische Flaggen in den Fenstern. Bei Nummer 159 befindet sich South Central Youth, ein Hilfszentrum für Jugendliche, die in Kriminalität abgerutscht sind. Ann Stockreiter, die Leiterin der Organisation, erzählt mir von ihren Aufgaben.

„Oft bin ich es, die zu ihnen kommt, aber manchmal kommen sie auch zu mir. Ich treffe sie auf den Polizeiwachen, oder hier, im Zentrum“, erklärt sie mir. „Wir bieten psychologische und praktische Hilfe, um ihr Leben zu verbessern. Wir unterstützen sie in allen Bereichen, von der Schule bis in die Familie. Wir wollen ein Bewusstsein aufbauen“.

„Die Situation der Child-Gangs hat sich im Vergleich zu den 80ern verschlimmert: Die Banden sind viel zersplitterter und daher auch zahlreicher. Die wichtigsten und organisiertesten sind zur Zeit Rock Block, 67s und Siru, ihre Mitglieder sind zwischen 12 und 19 Jahre alt.“ Eine Sache möchte ich Ann fragen: Was tut der Staat gegen diese Zustände? „Leider ist die Unterstützung ungenügend: Es fehlen Gelder, um Organisationen wie die unsere zu finanzieren, aber auch das Bewusstsein für die Bedürfnisse dieser Jugendlichen“.

Ich bitte Ann, mir eine Erfolgsgeschichte von einem Jugendlichen zu erzählen: „Joshua ging nicht mehr zur Schule, weil er von seinen Mitschülern verbal und körperlich gemobbt wurde. Er fing an, Straftaten zu begehen, Drogen zu dealen, sich in Schwierigkeiten zu bringen. Mit unserer Unterstützung hat Joshua seine Studien wiederaufgenommen, einen Abschluss in Physik und Chemie gemacht und hilft heute in Entwicklungsländern“.

Der Blick von Innen

Was bringt diese jungen Menschen dazu, sich kriminellen Banden anzuschließen? Ich hatte die Möglichkeit zu einem Interview mit Tracy Miller, oder Sour, wie sie in den 1980ern hieß, als sie das gefährlichste Mädchen in Angell Town war. Mit nur 15 Jahren wurde sie Teil der berüchtigten Gang Younger 28s. Sie hat gestohlen, Leute bestochen, Drogen gedealt und saß im Gefängnis.

Tracy wurde in Jamaika geboren und kam mit 10 Jahren zusammen mit ihrer Mutter nach Angell Town. Der Vater war im Gefängnis, zu Hause wechselten oft die Stiefväter, die Mutter war schizophren und sie waren arm. Die Lebensumstände ließen keine Hoffnung auf Verbesserung zu. „Als meine Mutter einen ihrer Anfälle hatte und man sie in ein Rehabilitationszentrum brachte, holte sie aus der Küche ein Messer, um sich zu verteidigen. Ihr Verhalten erschien mir damals normal. Einer meiner Stiefväter war ein Pädophiler. Wenn er aus dem Bad kam, zeigte er mir mit herausgestreckter Zunge seine Erektion. Ich fing an, nachts ein Messer unter meinem Kissen zu verstecken und ich war bereit, es gegen ihn zu benutzen, falls er mich anfassen sollte. Von dort war es nur ein kleiner Schritt, bis ich immer ein Messer dabei hatte.“

„Es klingt absurd, aber im Gefängnis fühlte ich mich sicher, sogar beschützt. Ich musste nicht über meine Mutter und ihre Stimmungsschwankungen nachdenken, über meinen Stiefvater, über die schlechte Gesellschaft draußen auf der Straße. Im Gefängnis konnte ich ich selbst sein, ohne Maske oder Panzer“, erzählt Tracy. „Ob ich wusste, dass ich eine Wahl habe? Es gibt immer eine Wahl. Ich wusste tief in meinem Innern, dass das, was ich tat, falsch war. Was mich da herausgeholt hat? Mit 18 Jahren wurde ich schwanger. Meine Tochter hat mich zu einem besseren Menschen gemacht. Meine Töchter sind mein Beitrag zur Gesellschaft.“

Tracy wohnt heute zusammen mit ihren beiden Töchtern, die die Vergangenheit ihrer Mutter kennen, in Brixton. Sie hat ein Buch über ihre Geschichte geschrieben und die Kampagne One Minute in May ins Leben gerufen, um die Bevölkerung für die Probleme der Child Gangs zu sensibilisieren und um die Familien derer zu unterstützen, die jedes Jahr durch Pistolen und Messer in Brixton umkommen. Laut einer Statistik des Jahres 2008 werden in ganz Großbritannien täglich mehr als 60 Personen Opfer von jugendlicher Gewalt. 2014 gab es einen gigantischen Einsatz von 700 Polizisten gegen die Gas Gang. Allein im Jahr 2015 haben in London 15 Jungen (alle 18 Jahre alt oder jünger) in Messerstechereien ihr Leben verloren. 

Das Projekt One Minute in May.

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Text von Vittoria Caron. Fotos von Valentina Calà.

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Dieser Artikel ist Teil unserer Reportagereihe 'EUtoo' 2015 zu 'Europas Enttäuschten', gefördert von der Europäischen Kommission.