Briten Goodbye, Schweden Adjö?

Artikel veröffentlicht am 21. Juni 2016
Artikel veröffentlicht am 21. Juni 2016

Das britische EU-Referendum am 23. Juni rückt immer näher und somit auch die Spekulationen über einen möglichen Effekt auf andere Länder in der Union. Skandinavien wird da als potentieller Nachahmer genannt. Aber möchten die europäischen Nordlichter uns wirklich für immer verabschieden? 

Es ist Frühling in Stockholm. Die mittelalterlichen Gebäude, die klare, blaue Bucht und der bewaldete Horizont scheinen nichts mit dem Londoner Beton-Dschungel gemeinsam zu haben. Zugegeben, es regnet - aber es scheint, die beiden Städte könnten eventuell mehr gemeinsam haben als nur ihr graues Wetter.

Die Prüfungsphase für Abiturienten und Studenten ist nicht mehr weit entfernt - die Bibliothek der KTH Royal Institute of Technology in Stockholm ist deshalb übervoll. Ich bin hergekommen, um mit jungen Menschen über den „Brexit“ zu sprechen. Ein Student fasst in einem Satz die allgemeine Stimmung der schwedischen Medien zusammen: „Was machen die Briten da Dummes?“

An diesem Donnerstag findet in Großbritannien das Referendum über den Verbleib des Landes in der EU statt. Im Fall eines Brexit - einer Abspaltung - könnte dieses auch Folgen in anderen EU-Staaten nach sich ziehen. Neben  Dänemark drückte auch Schweden schon Interesse an einer Abspaltung aus. Stockholm hat, ähnlich wie London, kritische Ansichten gegenüber dem EU-Föderalismus und deren Freihandelspolitik, und keines der beiden Länder ist in der Eurozone. Einige Medien gehen sogar soweit, von einem möglichen „Swexit“ zu sprechen.

Erik Blohmé studiert Politikwissenschaft an der Universität von Stockholm und ist außerdem Sekretär seiner Fachschaft. Gemeinsam kämpfen sie auf lokaler sowie nationaler Ebene für die Rechte der Mitstudenten. Er ist überzeugt, dass die Schweden die EU aufgrund möglicher wirtschaftlicher Folgen nicht verlassen möchten, auch wenn die populistische Meinung im Land gegen die EU Stimmung macht. Könnte sich das im Brexit-Fall ändern? Erik ist sich nicht sicher, gibt aber zu, dass ein Brexit „Benzin ins Feuer“ gießen könnte.

Auf persönlichen Ebene ist Erik nicht wirklich pro-europäisch gestimmt. „Es gibt eine Menge kapitalistischer und neoliberaler Mechanismen innerhalb der Institutionen, die ich für problematisch halte“, argumentiert er. Dafür müsse man nur die materiellen und wirtschaftlichen Grenzen betrachten, die konstruiert werden, während Menschen im Mittelmeer ertrinken. Aber könnte der Swexit tatsächlich Realität werden? „Das ist im Moment sehr unwahrscheinlich“, räumt Erik ein, und beruft sich auf die relativ schnelle Erholung des Landes nach der Wirtschaftskrise 2008.

„Die Medien in Schweden berichten kaum über den möglichen Brexit“, fährt er fort. „Wenn man an Politik interessiert sind, kann man das Thema auf bestimmten Nischen-Websites verfolgen, aber es steht definitiv nicht ganz oben auf der Tagesordnung.“

Zurück zur KTH Bibliothek. Kein einziger Student hier hat jemals das Wort Swexit gehört, ein paar lachen sogar über den Begriff. Einer hat sogar noch nicht einmal vom Brexit gehört. Aber abgesehen von diesem neuen politischen Jargon, diskutieren die Menschen in Schweden über die EU-Mitgliedschaft ihres Landes? Ein Erasmus-Student schüttelt den Kopf: „In den letzten paar Wochen haben meine schwedischen Freunde nur über den Eurovision Song Contest gesprochen.“

Doch Debatten über die Position Schwedens in der EU gibt es natürlich trotzdem. Positive Stimmen zur Einführung des Euro sind immer noch selten - das Land stimmte gegen die 2003 in einem Referendum gegen die Einheitswährung. Ich frage eine schwedische Studentin, die die Mitgliedschaft ihres Landes in der EU ablehnt, ob viele ihren politischen Willen teilen. Ihre Antwort: „Alles worüber wir im Moment reden ist Einwanderungspolitik.“

Philip Botström ist Präsident der Schwedischen Sozialdemokratischen Jugend-Liga, eine linke Studentenfachschaft. „Die SSU ist überzeugt, dass es für alle besser wäre, wenn Großbritannien bleibt“, erklärt er. „In Europa stehen uns schwierigen Zeiten bevor, und viele dieser Herausforderungen müssen gemeinsam gemeistert werden, da ist grenzüberschreitende Zusammenarbeit gefordert.“ Botström ist auch nicht an einem ähnlichen Referendum für Schweden interessiert. Die EU habe es dem Land ja immerhin überlassen, die Debatten über Themen wie Migration, Klima und Steuerhinterziehung zu leiten.

Schweden diskutierte die EU-Mitgliedschaft bereits ausführlich vor dem Beitrittsreferendum im Jahr 1994. „Ein großer Teil der jungen Generation hat Schweden ohne EU-Mitgliedschaft nicht erlebt“, erklärt Philip. „Wir sind es gewohnt, über nationale Grenzen hinweg zu reisen und Leute aus der ganzen Welt kennenzulernen. Die EU-Mitgliedschaft ist mit der Identität der jungen Generation in Schweden tief verflochten. Daher sehen junge Menschen vor allem die Vorteile der EU.“

Könnten sich die Dinge durch einen Brexit ändern? Philip gibt zu, dass Großbritannien einen Präzedenzfall schaffen könnte, bleibt aber im Fall Schweden skeptisch: „Ich denke eher, dass das Resultat des Referendums eine Debatte darüber auslösen wird, wie die EU reformiert werden sollte.“

Er ist überzeugt, dass die EU ein natürlicher Teil der schwedischen Politik geworden ist: „Es gibt eine Menge Frustration in Schweden über die EU-Länder, die nicht genug zur Union beitragen. Aber das hat noch keine große Debatte zum Verlassen der EU ausgelöst.“ Vielleicht sind sich die beiden Länder am Ende doch nicht so ähnlich.

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Aufatmen, wir haben im Titel dieser Brexit-Rubrik nicht den ausgenudelten The Clash-Song zitiert. Trotzdem fasst er gut zusammen, was am 23. Juni zum EU-Referendum über den Verbleib der Briten in der Union auf dem Spiel steht: Should I stay or should I go?