Brexit - The Movie: Kontinent der Aliens

Artikel veröffentlicht am 24. Mai 2016
Artikel veröffentlicht am 24. Mai 2016

Die Musik ist dramatisch, der Ton auch. Ernst verkündet der Sprecher, „wir, das Volk” würden eingeschüchtert und drangsaliert, um „unsere Demokratie und Freiheit aufzugeben“. Der Weltuntergang scheint unmittelbar bevorzustehen und eigentlich wartet man darauf, dass jeden Moment Tom Cruise ins Bild springt und uns alle vor den angreifenden Aliens beschützt. Eine Filmkritik zu Brexit - The Movie.

Die Welt geht zwar nicht unter, aber die Entscheidung über den Brexit steht bevor. Und Brexit: The Movie tut wirklich alles dafür, die EU als die feindlichen Aliens und Großbritannien als Tom Cruise zu zeichnen. Um eine ausgewogene Sicht der Dinge geht es Regisseur Martin Durkin also offensichtlich nicht, im ganzen Film taucht kein einziger Brexit-Gegner auf. Stattdessen: Unser aller liebster EU-Gegner, der britische UKIP-Europaabgeordnete Nigel Farage, wütende Fischer und Members of Parliament, die mit ernster Miene in die Kamera sprechen: „Das ist die wichtigste Wahl unseres Lebens.“ Dazu immer wieder Bilder von erzürnten Mengen (Sprechchöre! Fackeln!) und Einlagen, die zeigen sollen, wie dumm und überflüssig die EU ist.

Wer ist diese EU?

So zeigt der Reporter Menschen in Brüssel - weil, EU-Zentrum - Bilder von EU-Politikern wie dem Parlamentspräsidenten Martin Schulz oder dem Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker. Überraschung: Die Menschen erkennen sie nicht. Die Botschaft ist klar: Wer ist diese EU? Niemand weiß es. Und wenn schon niemand das Führungspersonal kennt, dann kann das Ganze ja keine demokratische Legitimation haben. Die Frage ist, ob beispielswiese in Berlin jemand Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe erkennen würde - und der ist immerhin „vom Volk gewählt“, wie es so schön heißt. Egal. Schnitt auf den Reporter, der mit verwirrtem Gesichtsausdruck durch die Gänge der EU-Institutionen läuft. Die befragten britischen MPs geben sich derweil besorgt: Die EU sei nicht undemokratisch, nein, sie sei anti-demokratisch!

Brexit: The Movie, der am 10. Mai Premiere feierte, inszeniert die Briten als Freiheitskämpfer, die sich - im Gegensatz zu den anderen EU-Mitgliedern - furchtlos wehren und ihre Werte verteidigen. Briten sind gegen „die da oben“, diese „Intellektuellen, die „uns“ nicht ernst nehmen und über „unsere“ Köpfe hinweg entscheiden. Es ist schon einigermaßen witzig, dass ein Land wie Großbritannien plötzlich anfängt, sich um die fehlende Volksnähe der Politiker zu sorgen - ein Land, wo sowohl im Ober- als auch im Unterhaus diverse Abgeordnete sitzen, die über nicht unbeträchtliches Vermögen und/oder einen Adelstitel verfügen. Egal.

In der Schweiz ist alles besser

Gleichermaßen unterhaltsam ist, dass Brexit: The Movie sich so über die Landwirtschaftspolitik der EU empört: Protektionismus ist schlecht! Weg mit den Milchseen und Butterbergen! Wie war das nochmal? Ach ja, zusammen mit Frankreich profitierte Großbritannien lange Zeit am meisten von den EU-Subventionen für die heimische Landwirtschaft. Egal, statt sich mit Fakten herumzuschlagen, steigt der Reporter lieber in einen Zug nach Zürich, denn dort ist alles besser, schöner, reicher. Warum es der Schweiz so gut geht, ist klar: Sie ist kein EU-Mitglied! Zumindest sieht das so der eilends befragte Chefredakteur der rechtskonservativen Weltwoche, Roger Köppel. Der ist in der Schweizerischen Volkspartei (SVP), und die ist so ziemlich gegen alles - gegen Einwanderer, gegen Muslime, und vor allem gegen die EU. Hach, wie die Schweiz wäre man gerne, da macht Brexit: The Movie kein Geheimnis draus.

Früher, da wollte man so sein wie Deutschland. Da gab’s das Wirtschaftswunder, da brummte die Industrie. Und an dieser Stelle wird Brexit: The Movie zum ersten Mal richtig interessant: Plötzlich geht es um die Hoffnungen, die Großbritannien damals, in den 1970ern, dazu brachten, EU-Mitglied zu werden. Die Aussicht auf etwas Besseres, auf einen gemeinsamen Markt, auf ein britisches „Wirtschaftswunder“. Doch je höher die Erwartungen, desto größer auch das Potenzial für Enttäuschungen. Und so ist Brexit: The Movie vor allem ein Film über ein Land, das nicht das bekommen hat, was es sich erhofft hatte - und dafür nun allen anderen die Schuld gibt. We want our money back!

Der „regulierte“ Mann

Dabei verschenkt der Film jede Menge Potenzial. Denn es ist ja durchaus richtig und legitim, das Demokratie-Defizit der EU zu thematisieren: die fehlende Macht des Europäischen Parlaments, die ausufernde Bürokratie, die fehlende Bekanntheit des EU-Spitzenpersonals. Aber weil alles in dem immer gleichen, gespielt-erstaunten, aber hintergründig feixenden Tonfall geschieht („Ach, diese dumme EU - ich kann gar nicht glauben, wie dumm sie ist“), wirkt das Ganze einfach nur - plump. In einer Szene wird der „regulierte Mann“ präsentiert und tatsächlich ist es nicht ganz unlustig zu sehen, was alles von der EU reguliert wird, von Shampoo über Kaffee bis zum Toaster. Das Fazit aber klingt dann wieder nach Apokalypse: „EU-Regulierungen umgeben uns wie unsichtbarer Stacheldraht.“ Man kann über EU-Regulierungen viel sagen, aber dass Normalbürger und -bürgerinnen sich beim morgendlichen Kaffeetrinken von ihnen bedroht fühlen, ist wohl eher unwahrscheinlich.

Brexit: The Movie ist kurzweilig und unterhaltsam und könnte sogar als lustige Satire durchgehen, wäre das Ganze nicht todernst gemeint. Bleibt zu hoffen, dass die Briten und Britinnen sich vor dem Brexit-Referendum nicht auf diesen Film als einzige Informationsquelle verlassen. Vielleicht kommt ja auch noch Tom Cruise und rettet uns vor dem Brexit - ach nee, der Bösewicht ist ja diesmal die EU. 

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Brexit - the Movie kann hier in kompletter Länge gesehen werden. 

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Ich bin ein Berliner - dieser Artikel stammt von unserem cafébabel Berlin-Team.