Brexit: Drüben ist das Gras immer grüner

Artikel veröffentlicht am 23. November 2016
Artikel veröffentlicht am 23. November 2016

Den 4 Millionen EU-Bürgern, die in Großbritanien leben und den 1 Millionen Briten, die sich dauerhaft in Europa aufhalten, steht eine unsichere Zukunft bevor. Auch Monate nach dem Referendum wissen sie nicht, was passieren wird. Durch die neusten Entwicklungen könnte das Referendum sogar als nicht rechtskräftig angesehen werden. Dies wirft in der Situation nur noch weitere Fragezeichen auf.

„Niemand weiß wie der Brexit aussehen wird", fasst Claire De Than, Professorin der City University London die Situation zusammen: „Die Menschen leben in Angst. Wenn die Regierung keine ausgebildeten Fachkräfte verlieren möchte, sollte sie ihnen schleunigst Sicherheiten mit klaren zeitlichen Angaben zugestehen."

Zur Zeit ist noch nicht klar, ob Artikel 50 als rechtskräftig erklärt wird, was heißt, dass der Brexit vielleicht gar nicht stattfinden wird. Die britische Unternehmerin Gina Miller machte deutlich, dass die fehlenden Präzedenzfälle des EU-Austritts die Entscheidung vor Gericht anfällig machen. Und genau dies passiert momentan. Eine Anhörung zu dem Fall ist für Anfang Dezember im Obersten Gerichtshof von Westminster vorgesehen. Darin wird in Frage gestellt, ob die Regierung die Kompetenzen dazu hat, Artikel 50 auszulösen.

Alan Dashwood, Professor für Europarecht in Cambridge, sieht noch Hoffnung: „Eine Wendung in den Botschaften der Politik könnte eine gute Gelegenheit für einen Sinneswandel sein, der durch ein zweites Referendum oder eine Wahl formalisiert werden könnte, sobald die Menschen die wirklichen Auswirkungen des Brexits begreifen."

Die europäischen und britischen Expats befinden sich irgendwo in der Mitte zwischen den zahlreichen widersprüchlichen Erklärungen und der Kehrtwende eines Brexits. Für EU-Bürger ist „die sicherste Lösung, die Britische Staatsangehörigkeit zu beantragen oder einen britischen Staatsbürger zu heiraten", rät De Than. Aber vielen ist dies nicht möglich. 

Die Stimmung auf der Insel

Viele EU-Expats, die in Großbritanien leben, beklagen die Kosten und Leiden, die mit der Beantragung einer dauerhaften Aufenthaltsgenehmigung, eines britischen Passes oder einer umfassenden Krankenversicherung einhergehen. Sabine, eine 40-jährige deutsche Verwaltungsangestellte, die seid 1999 in Großbritanien lebt, stöhnt: „Mein Antrag und mein Pass sind nun schon seit über 3 Monaten beim Innenministerium und ich warte noch immer auf eine Antwort. Das stresst mich total." 

Andere sagten, sie könnten es sich gar nicht leisten oder erfüllen einfach nicht die Anforderungen und müssen somit 'Abwarten und Tee trinken', obwohl sie in Großbritanien gelebt, gearbeitet und Steuern gezahlt haben und obwohl sie britische Kinder haben. Im März dieses Jahres sind die Kosten für die Ansiedlung, den Wohnsitz und die Staatsbürgerschaft um 25% gestiegen. Um sich als britischer Staatsbürger einbürgern zu lassen, sind nun 231 Pfund mehr nötig als noch im Januar. „Zusätzlich zu der Gebühr für den Antrag wurde eine 80-Pfund-Gebühr für die Zeremonie eingeführt", informiert eine Fußnote der Regierung

Vielen EU-Bürgern ist nicht nach Feiern zumute. Viele von ihnen sprachen nach der Brexit-Entscheidung von steigener Besorgnis, Depression und dem Gefühl, unwillkommen zu sein. Einige sprechen von einem Anstieg der Fremdenfeindlichkeit. JN, ein 42-jähriger niederländischer Lehrer, klagt: „Die Briten machen dauernd Witze wie: 'Hast du schon deine Taschen gepackt?'" 

Wo leben in Großbritannien prozentual gesehen die meißten im Ausland geborenen? Eine Graphik des Telegraph.co.uk 

Andrew, ein IT-Manager aus Schottland, berichtet, dass er in einem Bus verbal angegriffen wurde, weil er mit seiner finnischen Frau auf Finnisch sprach. „Ich finde diesen neuen Rassismus und die Fremdenangst nicht tolerierbar", sagt er. Aus Angst, als Ausländer ausgegrenzt zu werden, meiden die Menschen ihre Muttersprache in der Öffentlichkeit.

Viele haben Angst um ihre berufliche Zukunft und sogar um ihre Krankenkassenzuschüsse. Helene aus Frankreich erzählt: „Meine Arbeitgeber möchten sich, so ihre eigenen Worten, zu einem 'echten lokalen britischen Unternehmen' entwickeln. In meiner Beurteilung letzte Woche war alles worüber sie reden konnten, die Tatsache, dass ich zurück nach Hause gehen sollte."

Dzintra, eine 33-jährige Lettin, kam 2005 nach Großbritanien. Ihr Kind wurde mit Infantiner Zerebralparese geboren. Sie hat nun Angst davor, Krankenkassenzuschüsse und Behindertengelder zu verlieren - und auch, keine Arbeit zu finden: „Jeder Versuch, eine Arbeit zu finden, wäre doppelt so schwierig, wenn die Chancen, dass der Arbeitgeber für oder gegen den Brexit ist 50 zu 50 stehen."

Die wirtschaftliche Rezession schadet auch den Expats. Monika, Rechtsanwaltsgehilfin aus Polen, berichtet: „Durch den Fall des Tauschwertes vom Pfund in die polnische Währung, habe ich 20% meiner Ersparnisse verloren, insgesamt zwei Jahresgehälter. Die Zeiten sind sehr deprimierend und ich wünschte ich hätte mich vor 10 Jahren, als ich beschloss auszuwandern, anders entschieden."

Professorin De Than schlägt vor: „Die Menschen, die bereits hier sind, sind relativ sicher. Es ist unmöglich die Bewegungsfreiheit komplett abzuschaffen, denn die EU-Institutionen werden Sicherheiten verlangen. Briten allerdings, die im Ausland leben, könnten ihren Status verlieren."

Die Stimmung auf dem Kontinent

Nicola, ein 51-jähriger Marketing-und Kommunikationsexperte hat die britische Staatsangehörigkeit und arbeitet in Brüssel. Sie berichtet von ihrem Versuch, eine belgische Staatsangehörigkeit zu beantragen: „Ich war seit dem 24. Juni bereits 6 Mal bei der Vertretung meines Landes und habe nicht das Gefühl, einem vollständigen Dossier nur einen Schritt nähergekommen zu sein. Ich habe auch versucht, meinen Nachnamen zu ändern und musste von einer Vielzahl an Dokumenten beglaubigte Übersetzungen anfertigen lassen. Auf meine eigene Kosten natürlich, und in meiner Freizeit."

Wo leben die britischen Expats in Europa? EIne Graphik des Telegraph.co.uk

Für einige britische Expats ist das nicht einmal eine Option. Roxanne, eine 25-jährige Britin mit deutschen Eltern, hat in Deutschland gelebt bis sie 13 Jahre alt wurde. Sie zog dann nach Aberdeen in Schottland, ehe sie vor Kurzem für ihr Studium nach Österreich ging. Bei ihrer Geburt beantragte sie keine doppelte Staatsbürgerschaft und sie hat heute kein Anrecht auf eine deutsche Staatsangehörigkeit, da sie in den letzten Jahren nicht lange genug in Deutschland gelebt hat. 

Sie wurde bereits in Deutschland mit Fremdenfeindlichkeit konfrontiert, während sie in einer Bäckerei arbeitete. Sie wurde von einem lokalen Kunden verbal angegriffen, der ihr „eine schöne Deportation" wünschte, sie eine „Verräterin" nannte und sie als „Abschaum" bezeichnete und sagte, sie sollte „bis sie deportiert werde nur in ihrem Haus bleiben dürfen". Später folgte er ihr auch in der Straße, bis sie drohte, die Polizei zu rufen und ihn wegen Hassreden anzuzeigen. 

„In Österreich könnte bei der Präsidentschaftswahl im Dezember ein extrem rechter Präsident gewählt werden. Das beschäftigt viele Briten in Europa. Wir fühlen uns unsichtbar und von Großbritanien und der EU allein gelassen, mehr noch von Großbritanien", sagt sie.

Bei der Suche nach klaren Informationen und Beratung, erleben viele EU-Expats in Großbritanien und Briten in der EU anstrengende Monate und scheuen weder Geld noch Bemühungen, um in ihrem Land bleiben zu dürfen. Ihr Leben könnte von einer Entscheidung auf den Kopf gestellt werden, die sie nicht einmal beeinflussen durften. Es ist noch immer unklar, wie der Brexit am Ende aussehen wird, aber es ist aufjedenfall eine beängstigende Situation für die, die bereits heute davon betroffen sind.