Brexit: Besuch in Großbritanniens euroskeptischster Stadt

Artikel veröffentlicht am 22. April 2016
Artikel veröffentlicht am 22. April 2016

Der Gemeinderat des Londoner Vororts Romford ist der erste, der sich offiziell für den Austritt Großbritanniens aus der EU ausgesprochen hat. Allerdings ist der Generationskonflikt noch gut sichtbar, wenn es um einen möglichen Brexit geht. Umfrage im euroskeptischsten Ort der Nation.

Romford ist ein Vorort im Osten von London ohne viel Anspruch auf Ruhm, wenn man vom „wilden Samstagnachtleben“ und dem starken Regiolekt der Einwohner mal absieht. Die Geschichte des Ortes reicht dafür weit zurück: in den 1240ern wurde mit Erlaubnis von Henry III. erstmals ein Markt abgehalten, zu der Zeit wurde hauptsächlich mit Schafen gehandelt. Mit Londons Ausdehnung hat die Gegend sich unweigerlich verändert, aber seit 2004 ist es die EU-Erweiterung, die Romford beschäftigt.

Heutzutage hört man im Park ein Gewirr verschiedener europäischer Sprachen. Die Supermärkte führen polnische Milchprodukte und Brotsorten, die in den frühen 2000ern hier noch unbekannt waren. Romfords Märkte bieten mehr exotische Lebensmittel an als je zuvor.

Andrew Rosindell, Parlamentsmitglied für Romford, stellt klar, dass er „nicht dagegen ist, dass Menschen aus anderen Ländern in das Vereinigte Königreich einwandern“. Allerdings ist der Bezirk in festen Händen der Konservativen: 2010 gewannen sie mit einer Mehrheit von über 35%. Interessanterweise haben die Tories in der letzten Wahl aber 10% an die euroskeptische Partei für die Unabhängigkeit des Vereinigten Königreichs UKIP verloren.

Am 29. Januar stimmte der Gemeinderat von Romford dafür, die Kampagne für den Austritt Großbritanniens aus der EU zu unterstützen. Eine starke Botschaft, vor allem weil sich mit Romford die erste Lokalautorität für den Brexit stark macht. Rosindell unterstützt die Kampagne „Vote Leave“. Im Interview sagte er, dass „das Problem mit der EU im Moment ist, dass man niemandem die Aufnahme verweigern kann“. Obwohl er von sich behauptet, „die Idee europäischer Kooperation“ für „eine sehr gute Idee“ zu halten, ist er auch der Meinung, dass diese Kooperation nur „zwischen jeweils zwei Partnern bleiben sollte“.

Umfrage auf der Romford Road

Denken die Menschen in Romford genauso über den Brexit? Eine Probeumfrage mit unter 30-jährigen im Zentrum von Romford durchzuführen, ist schon an sich eine interessante Übung: Die Mehrheit der befragten jungen Menschen hatte fremde Akzente und von denen, die Zeit zum Antworten hatten, unterstützten die meisten den Status Quo.

John (22) kam als Student von außerhalb der EU. Weil er viele europäische Freunde hat, sagt er, dass er wahrscheinlich dafür stimmen würde, in der EU zu bleiben. Aber er weiß noch nicht, ob er das auch wirklich tun wird.

Die Wirtschaftsstudentin Sigalli (18) ist besser informiert. Sie wird sich beim Brexit-Referendum in Bezug auf die Buchhaltung und Größe der Haushaltslöcher entscheiden. Für sie hat „in der EU zu bleiben aber mehr wirtschaftliche Vorteile als auszutreten“.

Doch wirtschaftliche Argumente überzeugen nicht jeden. Gurjeet (33) hat indische Wurzeln und erzählt von ihren Erfahrungen mit indischen Visaanforderungen. Im Vergleich dazu, denkt sie, wäre es nicht so schlimm für UK-Bürger, auch im Falle des Brexit nach Europa zu reisen. Ihrer Meinung nach „reisen die meisten Leute ein- oder zweimal im Jahr in den Weihnachts- oder Sommerferien“, sodass „es den Durchschnittsbürger kaum betreffen wird, es sei denn, er ist Geschäftsreisender.“

Mary (25) und Sozialtherapeutin Nicole (24) denken beide, dass Großbritannien „immer noch Probleme mit Einwanderung“ und „weniger Vorteile“ hätte, wenn es die EU verlassen und dass der Handel unter dem Einfluss auf Importe leiden würde.

Unseren Ergebnissen zufolge scheint es eine Spaltung der Generationen zu geben, sogar hier im konservativen Romford. Im Februar zeigte eine YouGov Umfrage, dass 75% der unter 25-Jährigen für den Verbleib in der EU, fast 70% der über 60-Jährigen aber für den Austritt aus der EU stimmen würden. Unterschiede in der Wahlbeteiligung führen dazu, dass für jeden unter 25-Jährigen drei Pensionäre wählen werden. Die „EasyJet-Generation“ Großbritanniens wird noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen - besonders in Romford.

Die vier Totschlagargumente der Brexit-Befürworter

Einwanderung: 500 Millionen Europäer haben automatisch das Recht, nach Großbritannien zu kommen und Sozialleistungen zu beantragen - ein vorsätzlich provokantes Argument, dass Europäern Faulheit unterstellt, dass sie anderswo nicht genug staatliche Unterstützung haben und alle unbedingt in Großbritannien leben wollten.

Sicherheit: Die Freizügigkeit mache Großbritannien weniger sicher. Tragischer Weise haben die Terroranschläge dieses Argument bestärkt. Allerdings berücksichtigt es nicht, dass auch in Großbritannien schon terroristische Schläferzellen existieren könnten und dass über das Internet Zugang zu radikalisierenden Websites besteht. Die Einführung des Europäischen Haftbefehls legt nahe, dass die EU die Sicherheit sogar verbessert hat.

Handel: Brexit-Befürworter halten die EU-Institutionen für unflexibel und finden, dass die Bürokratie ihre Geschäfte ersticke. Sie denken, dass bilaterale Handelsabkommen außerhalb der EU größeres Potential hätten. Allerdings haben frühere Handelsabkommen jahrelange Verhandlungen benötigt. Der EU-Ausstieg würde zu Unsicherheiten führen, die der Handel mit Entwicklungsländern nicht ausgleichen könnte - da China, Indien und Brasilien zusammen kaum mehr als 5% der britischen Exporte einführen, während 44, % an die EU gehen.

Gesetze: Die Hoheit der britischen Gerichte. Zur Zeit hat der Europäische Gerichtshof das letzte Wort zu EU-Gesetzen. Weil EU-Recht das nationale Recht übertrifft und einige EU-Beschlüsse in der Vergangenheit kontrovers diskutiert wurden, hat diese Einrichtung nicht jedem Vertrauen einflößen können.