Brexit-Berichterstattung: Die britischen Meinungsmacher

Artikel veröffentlicht am 25. Februar 2016
Artikel veröffentlicht am 25. Februar 2016

Die einen gelten als große Verteidiger, die anderen als ewige Kritiker der Europäischen Union. In Brüssel sitzen die unterschiedlichen Vertreter der britischen Presse an einem Tisch und berichten über die Brexit-Verhandlungen. Welche Rolle spielen die Journalisten im Meinungsbildungsprozess, einige Monate vor dem möglichen Referendum? Eine Begegnung.

„Historisch“, „bedeutend“, „ein richtiges Ereignis“… mit diesen Worten beschreiben die britischen Journalisten den EU-Gipfel, der am 18. und 19. Februar in Brüssel stattfand. Zur Debatte stand der Brexit, nicht etwa die Flüchtlingskrise. „Über Gipfel zu berichten, ist meistens ziemlich langweilig, aber dieses Mal ist es anders“, gesteht ein britischer Journalist, der den Namen seines Mediums nicht nennen möchte. 1600 Journalisten aus der ganzen Welt haben sich akkreditieren lassen. Ein Drittel mehr als sonst.

„Was Cameron auch macht, sie werden ihn als Verräter hinstellen“

Diese überschwängliche Begeisterung war besonders - und das ist keine Überraschung – auf der britischen Seite zu spüren. „In der Regel sind zwischen 80 und 90 britische Medien auf solchen Veranstaltungen vertreten. Jetzt sind es 150.“, erklärt der Presseservice des Gipfels. Korrespondenten unterschiedlichster Zeitungen mit unterschiedlichen politischen Ausrichtungen arbeiten hier Seite an Seite. Für die Financial Times, die die europäische Integration eindeutig befürwortet, gehen sieben Journalisten an den Start. Auf ihren Laptops feilen sie an ihren Artikeln. Zwei Meter von ihnen entfernt sitzt der Korrespondent des Daily Express, der kein Blatt vor den Mund nimmt und harsche Kritik an der EU übt. Umso interessanter daher, einen Blick auf die Verantwortung und die Rolle der Medien in diesem politischen Meinungsbildungsprozess zu werfen – jetzt einige Monate vor dem möglichen Votum für einen Brexit.

Alle paar Minuten zeigt sich ein Diplomat oder ein Sprecher und gibt Auskunft über den Fortschritt der Verhandlungen, die - nur zur Erinnerung - das Verbleiben Großbritanniens in der EU thematisieren. Die Journalisten scharen sich wie artige Kinder um den Redner, um ihn besser zu verstehen. Jeder bekommt die gleichen Informationen und dennoch könnten die Betitelung und Schlussfolgerungen der jeweiligen Zeitungen am nächsten Tag nicht unterschiedlicher ausfallen. 

„Die Zeitungen in Großbritannien sind in Bezug auf die Europäische Union sehr geteilter Meinung“, bestätigt George Parker von der Financial Times. The Guardian, The Independant und die Financial Times sind proeuropäisch. Daily Mail, The Sun oder Daily Express gelten hingegen als europafeindlich.“  „Was auch immer David Cameron auf diesem Gipfel macht, die Zeitungen werden ihn als Verräter hinstellen und sagen, dass er mehr hätte herausholen können.“

„Unsere Leser werden vermutlich enttäuscht sein.“

Bei den Korrespondenten des Daily Express ist Skepsis angesagt. Der Journalist Macer Hall teilt seine ersten Eindrücke: „Unsere Leser werden vermutlich enttäuscht sein. Sie möchten, dass die britische Regierung wieder mehr Macht bekommt und die Kontrolle über die Grenzen und die Zuwanderung zurückgewinnt. Aber dieses Abkommen spricht eine andere Sprache.“

Wenn es einen Punkt gibt, in dem sich alle einig sind, dann ist es ihr gemeinsamer „Anspruch, gerecht, differenziert und präzise über dieses Abkommen zu berichten.“ Jedoch sollte man berücksichtigen, dass die Anzahl der Leser, die sich zusätzlich in die Recherche stürzen und Details des Vertrags suchen, sehr begrenzt ist.

Eine Frage bleibt offen: Wie vereinbar ist dieser Anspruch mit der Tatsache, dass Zeitungen politisch Stellung beziehen? „Ziel ist es, objektiv, aber auch im Einklang mit seiner eigenen Sicht auf die Dinge zu sein.“, erklärt ein Journalist, der seinen Standpunkt nicht mit seinem Medium in Verbindung bringen möchte. 

Der Korrespondent des Daily Express bestätigt: „Die Fakten sind die gleichen, die Auslegung ist eine andere. Die Leute neigen dazu, sich Zeitungen zu kaufen, die ihrer Meinung entsprechen.“

Die Rolle des Lesers

Auch die Leserschaft ist eine nicht zu unterschätzende Komponente. Sie spielt eine wichtige Rolle: „Zeitungen richten die Berichterstattung eines Themas nach den Interessen ihrer Leserschaft aus“, gibt David Charter von der Times preis.

„Die Leser der Financial Times interessieren sich für Nachrichten aus der Wirtschafts- und Finanzwelt. Unsere Zeitung konzentriert sich daher auf diese Bereiche“, ergänzt er. Die Bank Goldman Sachs hat sogar damit gedroht, Großbritannien zu verlassen, wenn das Vereinigte Königreich aus der EU austritt. Das Risiko geht vom Brexit aus. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Financial Times den Austritt ablehnt.

„Wir fokalisieren uns auf die wichtigen Themen für unsere Leser. Zum Beispiel Zuwanderung.“, heißt es bei Daily Express.

Freie Meinungsbildung?

Referendum hin und her, die Rolle und die Verantwortung der Medien werden von den Journalisten unterschiedlich wahrgenommen. „Diese Situation hat nichts Ungewöhnliches. Wir kennen sie bereits, wenn Wahl ist.“, erinnert David Charter von der Times

„Leben in einer Demokratie hat den Vorteil, dass man seine Meinung offen sagen kann“, sagt der Daily Express-Korrespondent. „Es gibt nicht nur eine Zeitung mit einer Meinung, sondern viele Standpunkte und Perspektiven. Die Leute sind in der Lage, ihre eigene Meinung zu entwickeln. In der Regel konsumieren sie nicht nur ein Medium. Sie schauen Fernsehen, hören Radio, lesen Zeitung und informieren sich im Internet. Es gibt viele verschiedene Quellen. Ich denke nicht, dass eine Zeitung allein viel Macht ausübt.“

Seitens der Financial Times wird die mediale Einflussnahme ebenfalls relativiert: „Es liegt in unserer Verantwortung, die Dinge richtig und differenziert darzustellen, aber letztendlich denke ich nicht, dass sich die Briten von den Entscheidungen, die auf dem Gipfel getroffen wurden, leiten lassen und ihre Referendums-Wahl davon abhängig machen. Sie lassen sich eher von nationalen oder sicherheitspolitischen Interessen leiten.“

Journalisten, die für das Radio oder das Fernsehen arbeiten, stellen sich nicht immer die gleichen Fragen. „Im britischen Gesetz steht: Alles, was ausgestrahlt wird, muss unparteiisch sein.“, erklärt ein Journalist. „Die Verantwortung ist noch viel höher, denn die Leute wissen hier, dass wir für niemanden Partei ergreifen dürfen.“, präzisiert ein Fernsehjournalist.

Und auf die Frage hin, ob die britischen Korrespondenten nach Großbritannien zurückkehren müssten, wenn der Brexit eintreffen sollte, lautet die Antwort: „Nein, nein, auf kurze Sicht wird es wahrscheinlich nichts mehr zu berichten geben.“ Aber danach... „vielleicht“.  

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Dieser Artikel stammt aus der cafébabel-Redaktion in Brüssel.