Brexit auf Spanisch: Ein Schatten auf britische Sonnenanbeter

Artikel veröffentlicht am 22. Juni 2016
Artikel veröffentlicht am 22. Juni 2016

Das britische EU-Referendum hat es überall in Europa geschafft, Unruhe zu stiften. Doch besonders im sonnigen Spanien fürchten 300.000 britische Auswanderer um ihre neue Heimat. Alles entscheidet sich diesen Donnerstag. 

Am morgigen 23. Juni entscheiden die Briten in einem Volksentscheid, ob sie einer der 28 EU-Staaten bleiben wollen oder nicht. Die Unsicherheit darüber, was dem Stichtag folgen könnte, ist groß. Allerdings, für Spanien hat die Entscheidung eine ganz besondere Bedeutung. Es ist das Land mit der größten britischen Bevölkerung nach dem Vereinigten Königreich selbst.

Nach offiziellen Daten des spanischen Arbeitsministeriums leben zur Zeit 286.012 Briten in Spanien, wo sie sich besonders an die sonnigen Küsten drängen. Und das natürlich ganz ohne Visum und Grenzkontrollen. Das Institute for Public Policy Research gibt sogar eine noch höhere Zahl an - 800.000 Einwanderer. Die Zahl berufe sich auf die vielen Briten, die aus steuerlichen Gründen ihren Wohnsitz nicht offiziell gewechselt haben. Wie sieht das Durchschnittprofil des britischen Auswanderes aus? Rentner, auf der Suche nach einem sonnigen Lebensabend, am liebsten mit direktem Blick aufs Meer. Die beliebtesten Regionen sind Alicante, mit 70.233 BritenMálaga, mit 49.526 und die Balearischen Inseln mit 24.542.

An der Abstimmung am Donnerstag können, der Britischen Botschaft in Spanien nach, nur die Auswanderer teilnehmen, die in den letzten 15 Jahren mindestens einmal bei einer Volkszählung in Großbritannien anwesend waren. Das bereitet so manchen Sonnenanbetern Kopfschmerzen.

Die möglichen Konsequenzen eines Austritts reichen vom Verlust der spanischen Sozialversicherung über den Verfall der europäischen Gesundheitskarte bis hin zur Abwertung des britischen Pfunds. Da es aber so etwas wie einen Brexit noch nie vorher in Europa gab, basieren die Folgen eines Austritts auf reinen Hypothesen.

„Welche Art von Beziehung die EU und das Vereinigte Königreich nach einem Austritt hätten, ist nicht klar. Andererseits ist es sehr wohl klar, dass ein möglicher 'Brexit' große Unsicherheiten und Sorgen bei den Briten hervorrufen würde, die im Ausland leben.“ Schreibt die britische Zeitung The Guardian

EU muss weniger elitär werden

José J. Sanmartín Pardo, Professor für Politikwissenschaften an der Universität Alicante, ist überzeugt, dass die Bürgerinnen und Bürger die „besser informiert“ und „in einem Anstellungsverhältnis“ sind, gegen einen Austritt des Landes stimmen würden. „Probleme existieren eher für die, die sich durch die britische Regierung oder europäische Führung nicht richtig repräsentiert fühlen“, erklärt er.

Die Gründe hinter diesem Widerwillen? „Die Europäische Kommission wir von den Briten als eine zu teure und unproduktive Institution angesehen. Die Politik und Kommunikation der EU muss deshalb bürgerfreundlicher und weniger elitär werden. Denn Akademiker sind in der Minderheit in einer Gesellschaft“, gibt er an. „In jedem Fall wäre ein 'ja' zum Brexit ein großes Problem, aber es würde nicht direkt zu einem Austritt Großbritanniens aus der EU führen“, fährt Sanmartín fort.

Das Durchschnittsalter der britischen Auswanderer in Spanien liegt bei 52 Jahren, aber es gibt auch eine jüngere Generation, die um ihre neue Heimat bangt. James ist 28 Jahre alt, verließ Großbritannien vor einem Jahr und ist heute Englischlehrer in Barcelona.

Wenn man ihn nach seiner Meinung zum EU-Referendum fragt, ist er sich ganz sicher: „Am 23. Juni werde ich gegen den Austritt stimmen. Für einen britischen Bürger, der, wie ich, im Ausland lebt, sind die möglichen Auswirkungen eines Brexit auf Job und Leben gravierend. Aber ich habe große Zweifel, dass Maßnahmen wie das Ende der Personenfreizügigkeit, tatsächlich umgesetzt würden. Was würde dann mit den Europäern in Großbritannien passieren?“

Gibraltar im Zentrum der Debatte

Ein bisschen südlicher in Andalusien, nur 60 Kilometer von der marokkanischen Küste entfernt, befindet sich die kleine Stadt Gibraltar. Sie zählt 29.258 Einwohner und ist, trotz ihrer Lage im Süden Spaniens, seit 1713 Teil Großbritanniens. In zwei Volksentscheiden, 1967 und 2002, stimmten die Bewohner der Stadt klar für ihre britische Zugehörigkeit. Doch auch für sie würde ein Austritt unangenehme Folgen haben, besonders in Bezug auf den freien Warenverkehr mit Spanien.

Ein Brexit würde für die Menschen in Gibraltar, dessen Herrschaftsgewalt über Meeres- und Luftgebiete immer wieder zu Streitigkeiten zwischen London und Madrid führt, zu noch längeren Wartezeiten an Zollstellen führen und somit wohl nicht zu einer Entspannung der Lage beitragen.

Dramatische Szenarien nach dem möglichen Brexit heizen die Debatte noch weiter an. Heiße Luft mischt sich mit wilden Hypothesen: Würde Spanien die Grenzen nach Gibraltar schließen? Oder würde es zu einer geteilten Souveränität der Stadt kommen? Dem widerspricht der Premierminister Gibraltars, Fabian Picardo. Außerdem macht er sowieso Wahlkampf gegen den Austritt aus der EU .

„Es ist wichtig, den Briten zu Hause klar zu machen, welche Konsequenzen der Austritt für uns in Gibraltar haben könnte“, erklärt er in einem Interview mit der Zeitung Gibraltar Chronicle. Seiner Meinung nach könnte ein „Brexit die Wirtschaft Gibraltars zerstören“ und gäbe Spanien die Möglichkeit, die Stadt, die auf einer Landzunge liegt, in seinen Grenzen einzukesseln, schreibt er in einem Kommentar für die Zeitung Político.

Der spanische Außenminister José Manuel García-Margallo geht noch weiter und verkündet, dass Gibraltar kein autonomes Territorium sei und sich im Prozess der Dekolonisierung befände. Deshalb sei Spanien bei einem Austrittsvotum bereit, die Gespräche mit London wieder aufzunehmen.

Werden diese Gefühle von den Bewohnern geteilt? Der BBC nach zu urteilen „sind die Bürger Gibraltars nicht unbedingt begeistert vom Projekt der Europäischen Union“, aber sie sehen in ihr die einzige Organisation, die zwischen Großbritannien und Spanien vermitteln kann, um die Beziehungen zu verbessern.