Brennende Liebe: Die Feuerfestivals DER ShetlandInseln

Artikel veröffentlicht am 15. April 2014
Artikel veröffentlicht am 15. April 2014

Dick in Fell gehüllt, mar­schiert eine Horde Wi­kin­ger durch die stern­lo­se Nacht, wäh­rend ein ei­si­ger Wind an ihren wild lo­dern­den Fa­ckeln zerrt. Ihre rauen Stim­men schal­len durch die Dun­kel­heit: sie sin­gen von Hel­den, Dra­chen und ur­al­ten Schlach­ten. Hier wähnt man sich in düs­te­re, wilde Zei­ten zu­rück­ver­setzt und nicht im Jahr 2014 auf den Shet­land­in­seln.

Wir be­fin­den uns auf den Shet­land­in­seln, der am wei­tes­ten vom Fest­land ent­fern­ten In­sel­grup­pe Groß­bri­tan­ni­ens. Das Feu­er­fes­ti­val von North­ma­vi­ne ist nur eines von vie­len Feu­er­fes­ti­vals, die über­all auf den Shet­land­in­seln statt­fin­den. Das größ­te und bei Tou­ris­ten be­lieb­tes­te „Up Helly Aa" fin­det in Ler­wick, der Haupt­stadt der Shet­land­in­seln, statt. Jedes ein­zel­ne die­ser vie­len Fes­ti­vals, die ur­sprüng­lich das Ende der Weih­nachts­zeit ein­läu­te­ten, hat je­doch sei­nen ganz ei­ge­nen Reiz und seine ur­ei­ge­nen Be­son­der­hei­ten. Mein Freund und ich reis­ten ge­mein­sam mit einer Freun­din nach North­ma­vi­ne, um das Feu­er­fes­ti­val mit allen Sin­nen, mit sei­nen Düf­ten und Klän­gen, zu er­le­ben.

North­mavine, der nörd­lichs­te Zip­fel der Haupt­in­sel, ist so ein­sam und stür­misch schön, wie man sich eine schot­ti­sche Insel nur vor­stel­len kann. Dort fin­det man die be­rühm­ten Es­ha­ness Cliffs. An die­sen Klip­pen wer­den alle Worte von einer wil­den Gischt weg­ge­spült; ihre stür­mi­sche Schön­heit ver­schlägt einem schlicht die Spra­che. Die Ein­woh­ner be­nach­bar­ter Ort­schaf­ten rich­ten hier in den Dorf­hal­len ab­wech­selnd Buf­fets aus. Es gibt Süßes und Sup­pen. Und wenn die Zeit der Feu­er­fes­ti­vals kommt, gibt das An­lass genug die lie­bens­wür­di­gen Schrul­len ihrer Nach­barn zu fei­ern. Das Ober­haupt der Ver­amm­lung ruft die als Wi­kin­ger ver­klei­de­ten Pro­zes­si­ons­teil­neh­mer, die „guiz­ers", auf,  sich „nüch­tern" im Gro­ßen Saal von Hill­swick „zu ver­sam­meln". Dann re­zi­tiert er in Reim­form die ver­schie­de­nen amü­san­ten Miss­ge­schi­cke, die den Dorf­be­woh­nern im letz­ten Jahr pas­siert sind:

‘Da plum­ber he left Tirvis­ter

dan fell doon on his luck

O man, o man, he dit­ched da van

Thank god for da fork-lift truck’

Am Frei­tagmor­gen blie­ben wir ste­hen, um das bunt be­mal­te Wi­kin­ger­schiff zu be­wun­dern, das bald lich­ter­loh bren­nend übers Meer se­geln würde. Die Kunst­hand­wer­ker der Ge­gend ver­brin­gen jedes Jahr Mo­na­te mit der Ges­tal­tung der Wi­kin­ger­schif­fe, nur um sie dann in Brand zu ste­cken. Der Auf­wand ist be­trächt­lich und macht die Ze­re­mo­nie umso ein­drucks­vol­ler. Das dies­jäh­ri­ge Wi­kin­ger­schiff wurde mit einem Dra­chen­kopf ge­schmückt, der noch dazu mit einem ver­we­ge­nen Schnau­zer ausgestattet ist und dem Gan­zen seinen ver­spiel­ten Cha­rak­ter gibt.

Keine nüchterne Versammlung

Am Abend ge­sel­lten wir uns dick in wol­le­ne Schich­ten ge­packt zu den „guiz­ers" im gro­ßen Saal von Hill­swick. Später würden wir unsere Hül­len in einem wenig er­otischen Strip­tease wie­der fal­len las­sen.  Um den hef­ti­gen Böen zu ent­ge­hen, stan­den wir im Lee des Saals und war­te­ten dar­auf, dass die Fa­ckeln ent­zün­det wer­den, die Wi­kin­ger ihren Auf­tritt hin­le­gen wür­den und die Pro­zes­si­on be­gin­nen würde.  Eine Stim­me er­hob sich - und hun­der­te Wi­kin­ger­krie­ger ström­ten her­ein, ge­folgt von einer Blas­kap­pel­le, ei­ni­gen Men­schen in Ar­beits­klei­dung und je­man­dem, der sich als Huhn ver­klei­det hatte. An­ders als beim Feuerfes­ti­val in Ler­wick, an dem nur Män­ner be­tei­ligt sind, kön­nen in North­mavine Män­ner und Frau­en teil­neh­men. Schein­bar hat­ten sich nicht alle die­ser Wi­kin­ger an die „Ver­kün­dung" ge­hal­ten, sich „nüch­tern" zu ver­sam­meln. Viel­leicht hielt der Al­ko­hol die Kälte ein wenig ab, denn es herrsch­te wirk­lich eine Ei­ses­käl­te. Als die Fa­ckeln ent­zün­det wur­den, warf ihr Schein die Um­ris­se der mit ge­flü­gel­ten Sil­ber­hel­men ge­krön­ten Köpfe als Schat­ten vor­aus. Feuer wirkt an­zie­hend, ist ge­fähr­lich und le­bens­spen­dend gleichzeitig. Ich muss­te an eine Zeile aus einem Ge­dicht von Dylan Tho­mas den­ken, aus der eine wilde Kraft spricht: „Wer jagt und preist der flie­hen­den Sonne Macht / Und lernt zu spät, dass er nur sie be­trau­ert, / Geh nicht ge­las­sen in die gute Nacht." Dann, als einer der „gui­zer" lach­te, er­loschen diese Zeilen. Ein rotes Fla­ckern er­schien am Him­mel gen Nor­den, und vom Dra­chen­schiff an­ge­führt, be­gan­nen die Men­schen ihre etwa an­dert­halb Ki­lo­me­ter lange Pro­zes­si­on an der Küste ent­lang, hin­un­ter zum Meer.

Na­tür­lich könn­te man sich nun fra­gen, ob die Shet­län­der ei­gent­lich schon mal von Si­cher­heits­vor­schrif­ten ge­hört haben. Keine Po­li­zei, keine Feu­er­wehr, keine Ab­sper­rung und eine ganze Horde (mög­li­cher­wei­se be­trun­ke­ner) Men­schen mit Fa­ckeln, die nichts an­de­res im Sinn haben, als ein Schiff in Brand zu ste­cken. Was könn­te da schon schief gehen?  Nach all den Jah­ren - nicht mehr viel. So­viel er­fah­re ich zu­min­dest von einem der Teil­neh­mer aus der Ge­gend. Ein­mal sei eine Fa­ckel auf den Boden ge­fal­len und ein Po­li­zei­au­to hätte auf den bren­nen­den Über­res­ten ge­parkt. Ich frag­te nach, was pas­siert sei. Je­mand habe ihnen Be­scheid ge­sagt, er­wi­derte mein Ge­sprächs­part­ner etwas barsch. Er meint es nicht so, der Ton ge­hört zum Ge­schich­tenerzählen dazu. An jenem Frei­tag je­den­falls brauch­te man nicht fürch­ten, dass ir­gend­et­was in Flam­men auf­gehen würde: der Boden war vom wo­chen­lan­gen Regen ganz durch­weicht. Wir waren uns eine Weile lang nicht ein­mal si­cher, ob das Schiff über­haupt bren­nen würde, da hef­ti­ge Böen immer wie­der die Ver­su­che den Mast zu ent­zün­den zu ver­ei­teln droh­ten. Sto­isch trotz­ten wir - „gui­zer" und Zu­schau­er - dem Sturm, bis dann eine Vier­tel­stun­de spä­ter der Mast in Flam­men auf­ging, als ob er end­lich ka­pi­tu­lie­ren würde. Deut­sche Sonn­wend­fei­ern sind nichts da­ge­gen.

‘From grand old Vi­king cen­turies Up Helly Aa has come

So light the torch and form the march and sound the rol­ling drum!’