Braucht Europas Filmbranche die Frauenquote?

Artikel veröffentlicht am 13. März 2017
Artikel veröffentlicht am 13. März 2017

Die Filmbranche wird oft als Wegbereiter für gesellschaftliche Weiterentwicklungen wahrgenommen. Jedoch verschleiert dieses Image eine andere Wirklichkeit, welche in den letzten Jahren von mehreren Studien enthüllt wurde: Von einer Gleichstellung der Geschlechter ist man in der siebenten Kunst noch weit entfernt. Eine neue Generation von Filmemacherinnen könnte dies nun ändern.

Die jüngste Studie, die im Dezember 2016 im Rahmen des Europäischen Filmfestivals von Les Arcs veröffentlicht wurde, zeigt, dass in Europa zwischen 2012 und 2015 bei weniger als einem von fünf Filmen Frauen Regie führten. Die Bilanz ist eindeutig, doch  scheint sich mit der jungen Generation eine leichte Besserung einzustellen. Dieselbe Studie beschäftigte sich nämlich auch mit dem Aufkommen einer neuen Generation europäischer Filmemacherinnen, die sich mit ihrem ersten Langfilm in der Filmlandschaft durchsetzen konnten. So waren von den Regisseuren, die ihren ersten Film gedreht hatten, 23% weiblich. Unter jenen mit drei oder mehr realisierten Werken befanden sich allerdings lediglich 15% Frauen. Dieser Unterschied wird als Zeichen einer Wende im europäischen Kino gewertet. „Es gibt eine neue Generation von Frauen, die feststellen, dass sich Möglichkeiten bieten. Da tut sich was, das muss man aufmerksam verfolgen“, versichert die Regisseurin Catherine Corsini während des Filmfestivals von Les Arcs.  

Die Problematik hielt vor kurzem Einzug in die öffentliche Debatte und auch die Filmindustrie hat unlängst mit ihrer Introspektion begonnen. Anlässlich des Filmfestivals von Sarajewo wurde im August 2015 eine Erklärung zur Gleichstellung der Geschlechter in der europäischen Filmindustrie von Vertretern der Kulturministerien und Filmförderfonds verabschiedet. Darin werden die europäischen Länder aufgefordert, entsprechende politische Maßnahmen durchzuführen sowie - ein Novum - Statistiken über die Präsenz von Frauen vor und hinter der Kamera zu erstellen. Im selben Jahr wurden beim Filmfestival von Cannes erstmals zwei Ehrenpreise „Women in motion“ verliehen. Der Preis würdigt Frauen, die einen bedeutenden Beitrag für den Film leisten. Eine ähnliche Initiative wurde mit dem „Audentia Award“ von Eurimages, dem Filmförderfonds des Europarats, ins Leben gerufen. Das Filmfestival von Les Arcs wiederum war das erste, das eine paritätische Auswahl der Wettbewerbsfilme präsentierte. „Wir hoffen, dass dies eine Wende einleiten und dieses Festival als Beispiel dienen wird“, freut sich Geoffroy Grison vom Verein „Le Deuxième Regard“, der gegen sexuelle Diskriminierung in der Filmbranche kämpft.

Ein Hauch von Veränderung

Seitens der europäischen Institutionen ist es die Stunde der Wahrheit und der Reflexion. Der Europarat, die 47 Mitgliedsstaaten umfassende zwischenstaatliche Organisation, führt über seinen Filmförderungsfonds Eurimages Aufklärungsinitiativen durch. „Wir versuchen, die Sichtbarkeit von Frauen in der Filmbranche zu verbessern, um auf das Problem hinzuweisen und eine Vielfalt an Stimmen zu erhalten“, erläutert die Präsidentin Francine Ravenay. Von Regisseurinnen oder Produzentinnen geleiteten Masterclasses, Konferenzen, Debatten - Eurimages ist präsent, bisher ohne die Einführung verbindlicher Maßnahmen.

Dieses Jahr ermutigte der Fonds die Kinosäle seines Netzwerks, eine Veranstaltung zum Internationalen Frauentag zu organisieren und bei dieser Gelegenheit einen Film einer Regisseurin zu zeigen. Die Betreiber konnten so einen Bonus von bis zu 2500 Euro erhalten. Seit 2014 nutzt Eurimages außerdem neue Such-Tools, um die Beteiligung von Frauen bei den vorgelegten Filmprojekten genauer zu analysieren. Die Ergebnisse zeigten nicht nur, dass 2014 bei lediglich 20% der unterstützten Projekte Frauen Regie führten, sondern auch, dass die Projekte an sich zum Großteil Männersache sind. So wiesen 2014 nur 4,7% der Filmprojekte einen Frauenanteil von 60% oder mehr in den Bereichen Produktion, Regie und Drehbuch sowie im technischen und künstlerischen Stab auf.   

Das Programm „Creative Europe“ von der Europäischen Kommission stellt, insbesondere mit seinem Sub-Programm „Media“, den anderen wesentlichen  Finanzierungsfonds für europäische Filme dar. Seine Strategie sieht keine spezifischen Maßnahmen zur Förderung der Geschlechtergleichheit in der Filmbranche vor. „Das laufende Programm ist von 2014 bis 2020 gültig“, präzisiert Niombo Lomba, Leiterin des „Media“-Programms. „Die darin abgebildeten Beschlüsse wurden vor mehreren Jahren getroffen, wir können es jetzt nicht ändern.“ Die einzige Beschränkung betrifft die Zusammensetzung des Expertenpanels, das die zu fördernden Filme auswählt. Dieses muss paritätisch sein, wobei man hiermit den Forderungen der Charta der Grundrechte der Europäischen Union nachkommt, die jegliche Form der Diskriminierung verurteilt. In Hinblick auf die Vorbereitung des nächsten Programms, das ab 2021 umgesetzt wird, haben Gespräche mit der Filmindustrie begonnen.

Große Unterschiede bei den Zahlen

Die europäischen Länder weisen im Einzelnen einen sehr unterschiedlichen Anteil von Frauen in der Filmindustrie auf.

Quelle: Studie über eine neue Generation von Regisseurinnen

In Schweden wird die Transition hauptsächlich von dem proaktiven Vorgehen des Schwedischen Filminstituts getragen. Dieses organisiert unter anderem seit mehreren Jahren Ausbildungen speziell für junge Filmemacherinnen und pflegt eine Internetseite, auf welcher deren Filme aufgelistet sind. Außerdem analysiert es jede seiner Aktivitäten, sodass regelmäßig statistische Berichte erstellt werden. Die Auswahl der Filme basiert im Übrigen einzig und allein auf Qualitätskriterien, das Geschlecht bleibt hierbei außen vor.

Diese Unterschiede zwischen den Ländern werden von den Regisseurinnen selber wahrgenommen. Eine Vertreterin der neuen Generation, die Österreicherin Jessica Hausner, lobt z. B. das luxemburgische System, welches die Finanzierung ihrer Filme ermöglichte: „Das ist ein Punktesystem. Hat man nachweislich 30 Tage in Luxemburg gedreht, bekommt man Geld. Kommen die Techniker aus dem Land, bekommt man mehr Geld. Das Geschlecht spielt überhaupt keine Rolle. Dieses automatische System gefällt mir“, erklärt sie. Auch Frankreich erscheint wie eine Ausnahme. „Unser Land hat ein weltweit einzigartiges System zur Förderung der heimischen Filmindustrie. Wenn eine Kunst vom Staat in diesem Maße gefördert wird, gibt es natürlich auch Platz für Minderheiten“, kommentiert die französische Regisseurin Émilie Deleuze.

Déjà-vu

Wenn die Veränderungen auch spürbar sind, die Filmemacherinnen bleiben dennoch vorsichtig. Umso mehr, als der Diskurs der letzten Jahre für einige von ihnen etwas von einem Déjà-vu hat. „1997 sprach man auch von einer neuen Welle von Filmemacherinnen“, erinnert sich die französische Regisseurin Catherine Corsini. „Es gab ebenso viele Frauen wie Männer auf dem Gebiet der Spielfilme, der Animationsfilme etc. Doch nach und nach verschwanden die Frauen. Was meine Generation betrifft, so habe ich unglaubliches Glück, noch hier zu sein. Und heute redet man von einem neuen Frühling.“

Jessica Hausner machte in ihrem Heimatland die gleiche Erfahrung: „Als ich mit dem Drehen anfing, gab es drei oder vier Frauen an meiner Seite. Die Zeitungen titelten ‚die neue Frauenwelle in Österreich‘. Daraus wurde nichts. Ich habe als Einzige weitergemacht.“ Die Sorge, dass der Mobilisierung die Luft ausgehen könnte, so wie es früher der Fall gewesen sein kann, wird von den Organisationen geteilt. „Unsere Aufgabe als Netzwerk besteht eben genau darin, an die Geschlechterungleichheit zu erinnern. Da ist bei den Institutionen, Festivals etc. noch viel Arbeit zu leisten“, betont Alessia Sonaglioni von der Organisation European Women’s Audiovisual Network (EWA).       

Und es gibt noch mehrere Barrieren. Eine von ihnen wird deutlich, wenn man die Filmbudgets von Frauen und Männern vergleicht. „Natürlich gibt es weibliche Filmemacher. Aber sie beschränken sich auf ein bestimmtes Budget. Übersteigt dieses 4-5 Millionen Euro, dann ist da niemand mehr“, bezeugt Émilie Deleuze. Laut der Zahlen von Eurimages war das Budget der europäischen Regisseurinnen 2015 um 40% geringer als das ihrer männlichen Kollegen. Als Erklärung führen die Regisseurinnen eine mögliche Selbstzensur an. Rachel Lang, die auf dem Filmfestival von Les Arcs ihren ersten Film präsentierte, bestätigt: „Hier sind die Frauen ihr eigener Gegner. Sie müssten sich sagen: ‚Ja, ich kann einen 6-Millionen-Euro-Film machen.‘“ Ein Hemmnis, das zweifelsohne mit den zahlreichen Vorurteilen zusammenhängt, mit denen die Regisseurinnen umgehen müssen. Die ungarische Filmemacherin Agnes Koscis erläutert: „Ich habe viele Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass ich dreimal mehr als ein Mann beweisen muss, was ich wert bin, um anerkannt oder ernst genommen zu werden.“

It’s a man’s, man’s, man’s world

Frauen sind auch von Gehaltsunterschieden betroffen. Laut der Zahlen von Eurimages verdienten weibliche Filmemacher im Jahr 2015 durchschnittlich 23% weniger als ihre männlichen Kollegen. Das gleiche Phänomen gibt es auf  der Ebene der Direktion, wo Frauen unterrepräsentiert sind. „Frauen werden nach ihrer Erfahrung beurteilt, Männer nach ihrem Potenzial“, merkt Anna Serner vom Schwedischen Filminstitut an. Um dem zu entkommen, gründete Jessica Hausner 1999 ihre eigene Produktionsfirma. „Ich war eine Frau in einer Männerwelt. Das bedeutete damals, dass man keine Filme produzieren konnte. Und daran ändert sich seit den 1960er Jahren nichts. Die Leitung haben die Männer inne und die Frauen, die sind ihre Assistentinnen.“ Dabei ändert das Geschlecht ihrer Meinung nach nichts am Beruf des Regisseurs, von einer Ausnahme abgesehen, der Mutterschaft. „Es ist schwierig, sich um sein Kind zu kümmern und gleichzeitig weiterzuarbeiten. Sehr wenige Frauen vereinen Familie und Berufsleben.“ Auch Agnes Kocsis sah sich damit konfrontiert: „Ein berühmter Regisseur, Vater von sechs Kindern, war beeindruckt, dass ich Filme drehen konnte, obwohl ich ein Kind hatte. Aber inwiefern soll meine Situation denn problematischer sein als seine?“

Alessia Sonaglioni, Leiterin des EWA-Netzwerks, ergänzt: „Wenn der erste und zweite Film nur mäßig erfolgreich sind, wird eine Regisseurin nicht mehr unterstützt. Bei den Männern stellt sich das Problem nicht, selbst wenn ihre Filme keine Kassenschlager sind.“ Houda Benyamina fasst dies geradeheraus zusammen: „An dem Tag, an dem uns das Recht zur Mittelmäßigkeit zugestanden wird, haben wir eine Gleichstellung der Geschlechter.“

Frauenquote für den Film?

Einige Filmschaffende plädieren für die Einführung einer Quotenregelung, um die Geschlechterungleichheit zu beseitigen, so wie Houda Benyamina, Gewinnerin der Goldenen Kamera 2016 in Cannes: „Wenn wir Zeit hätten, bräuchten wir keine Quoten. Aber so opfern wir noch eine Generation. Es muss Geschlechtergleichheit in allen Kommissionen herrschen, das Festival von Cannes sollte eine Frau präsidieren. Wir haben die Pflicht, den Mund aufzumachen und die Probleme in unserer Kultur aufzuzeigen.“ Andere sind gegen dieses verbindliche System. Sie befürchten, das Geschlecht des Regisseurs könnte wichtiger werden als die Qualität des Filmes. Manchmal nutzt man das sich zwischen den beiden Positionen befindende Prinzip der „Soft-Quoten“: Bei gleichem Talent wird dem von einer Frau realisierten Film der Vorzug gegeben. Dieses Vorgehen wurde 2016 bei der Selektion des Filmfestivals von Les Arcs angewandt.

Scheint die Debatte auch angestoßen zu sein, konkrete Maßnahmen kommen nur zögerlich in Gang. „Man darf keinen zu kategorischen Diskurs führen, um die Leute nicht dagegen aufzubringen“, bemerkt Geoffroy Grison vom Verein „Le Deuxième Regard“. Cécile Gréboval, Beraterin der Gender Equality Unit des Europarates, ergänzt: „In einer zwischenstaatlichen Organisation ist für eine Beschlussfassung die Zustimmung aller Mitgliedsstaaten erforderlich. Nur sind noch nicht alle Länder bereit.“ Zur Beschleunigung des Prozesses wird derzeit eine Empfehlung ausgearbeitet, die 2018 fertig sein soll: „Es ist keine Konvention, aber diese Empfehlung stellt ein wichtiges Instrument dar, worauf man sich stützen können wird.“ Der auf der Erklärung des Festivals von Sarajewo aufbauende Text hat zum Ziel, die nationalen Vereine und Organisationen auf dem Gebiet der Geschlechtergleichstellung zu begleiten. Das Filmfestival von Les Arcs und die Sisley-Stiftung werden 2017 eine Informationsstelle einrichten, deren Auftrag es sein wird, die nationalen Filmzentren aller europäischen Länder zu bündeln, zu vergleichen und zu beraten. Die nächsten Jahre werden zweifelsohne entscheidend sein.