Bratislava und Wien: Pendeln zwischen zwei Welten?

Artikel veröffentlicht am 6. November 2014
Artikel veröffentlicht am 6. November 2014

25 Jahre sind seit dem Fall des Eisernen Vorhangs vergangen, seit 10 Jahren ist die Slowakei EU-Mitglied, mit dem Schengen-Beitritt und der Abschaffung der Grenzkontrollen sind die faktischen Barrieren zur Gänze gefallen. Wie nah sind sich Wien und Bratislava nun tatsächlich, diese zwei Städte, die nur knapp eine Autostunde voneinander entfernt liegen?

Zur Zeit des Eisernen Vorhangs sagte man gar, dass sich New York und Wien beziehungsweise Bratislava und Moskau näher wären als die beiden heutigen EU-Hauptstädte. Heutzutage schaut das ganz anders aus und man spricht von Wien und Bratislava sogar als „Twin Cities“. Der Begriff „Twin City“ beschreibt das Konzept, die beiden Städte als Zwillingsstädte zu sehen und ihre Entwicklung aufeinander abgestimmt bzw. gemeinsam zu planen und zu beschreiben. In Wien wurde der Begriff vor allem durch den „Twin-City-Liner“ geprägt, einem Schiff, das von der Innenstadt Wiens nach Bratislava fährt. Tatsächlich sind Wien und Bratislava die beiden EU-Hauptstädte mit der geringsten Entfernung zueinander (60 km), sind beide Hauptstädte von Kleinstaaten und liegen beide an der an der Donau.

Geschichtlich standen die beiden Städte – ausgenommen die Zeit des Eisernen Vorhangs - stets in enger wirtschaftlicher und kultureller Beziehung zueinander. Früher ging gar ein Schnellzug zwischen Wien und Bratislava, der nur 30 Minuten brauchte.  Doch die Zeit des Eisernen Vorhangs hinterließ ihre Spuren und diese sind auch heute noch vor allem wirtschaftlich zu spüren. Wie sieht die Situation heute aus, wie wird sie von den Bewohnern der beiden Städte empfunden? Peter zeigt auf den Espresso, der vor ihm steht, wir sitzen in einem Wiener Café gleich neben dem Hauptgebäude der Universität Wien: „Für diesen Café hier zahle ich 3 Euro 90, in Bratislava wären es ein Euro.“

Es folgt eine Momentaufnahme.

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Peter pendelt seit einigen Jahren zwischen den beiden Städten, er schließt gerade seinen Bachelor in Politikwissenschaft an der Universität Wien ab und lebt in Bratislava – derzeit wieder mit seiner Familie, zwischendurch in einer eigenen Wohnung.

Wieso er sich für ein Studium in Wien entschied, ist er sich selber nicht ganz sicher. „Ich wollte im Ausland studieren und habe überlegt zwischen Tschechien (Prag) und Österreich (Wien).“ Als Grund dafür nennt er die seiner Meinung nach geringe Qualität der Universitätsausbildung in der Slowakei. „Nachdem ich schon seit meiner Kindheit Deutsch gelernt habe – zum Beispiel durch deutsche Fernsehprogramme - und vor allem auch weil die Entfernung geringer ist, entschied ich mich dann für Wien.“ Dafür verbrachte er das Wintersemester 2013 im Rahmen eines „Erasmus“-Austauschs in Prag und auch sein jüngerer Bruder hat vor kurzem sein Studium in der tschechischen Hauptstadt begonnen.

Von Anfang an war es für ihn klar, dass er pendeln würde – aus finanziellen und aus „praktischen“ Gründen: Unterricht hatte er bisher an drei, maximal vier Tagen in der Woche und so war es einfacher den Kontakt zum Freundeskreis in Bratislava zu halten. Zwischendurch spielte er mit dem Gedanken nach Wien zu ziehen, was er jedoch nie verwirklichte. „Vielleicht nächstes Semester, mal sehen.“

Sein Alltag sieht so aus, dass er viel Zeit im Zug verbringt. „Es ist eigentlich ganz einfach“, sagt er. Eine Stunde dauert es mit dem Zug nach Bratislava, die Verbindung hat rund halbstündliche bzw. stündliche Intervalle von zwei unterschiedlichen Bahnhöfen. „Am meisten Schwierigkeiten bringt das Pendeln für das Sozialleben mit sich“, sagt Peter, „wenn ich mehr in der Slowakei bin leidet mein Sozialleben in Wien - und umgekehrt.“ Gerade am Beginn des Studiums fuhr er nur für die Uni nach Wien und mit dem nächsten Zug gleich wieder heim, da fiel es ihm schwerer Freundschaften zu schließen. Daheim „fühlte er sich sicherer“. Direkt nach dem Schulabschluss „in eine ganz neue Stadt“ war ihm hier in Wien vieles „fremd“. Sobald er sich mit Slowaken und auch ein paar Österreichern in Wien angefreundet hatte, ging es besser: „So ab dem 3. Studienjahr, um mein Erasmusjahr herum“. Er lernte auch in Prag auch Österreicher kennen, mit denen er weiterhin Kontakt hat. Ein weiteres Problem der weiten Anreise: „Man ist immer wieder 10 bis 15 Minuten zu spät.“ (Anm.: Die Autorin wohnt 15 Minuten von der Uni weg und auch sie kennt dieses Problem…) Auch das Partyleben in Wien wurde dadurch erschwert: „Man muss eben immer schauen, wann der letzte Zug fährt … Jetzt habe ich auch einige Freunde in Wien bei denen ich übernachten kann.“ Man merkt, dass er das Studium mit größerer Ernsthaftigkeit angeht als ein Großteil der österreichischen Studenten.

Ob er darüber nachdenkt, dass das was er tut vor einiger Zeit gar nicht möglich gewesen wäre? „Man spürt überhaupt nicht, dass man eine Grenze überschreitet“, sagt er, „außer dass ich kurz am Handy keinen Empfang habe und dann ins Roaming gehe.“ Vor allem wenn er mit älteren Leuten spricht wird ihm die Diskrepanz bewusst, denn diesen fällt es schwer den jetzigen Status Quo vollends  zu begreifen. Früher war es unmöglich legal nach Wien zu kommen und beim Überqueren der Grenze über die Donau lief man Gefahr von Grenzpolizisten erschossen zu werden. Man könnte also sagen, dass die beiden Städte nun seit 25 Jahren wieder zu dem Status zurück sind, wie sie vor dem Eisernen Vorhang  waren.

Peter erzählt, dass zwar die meisten seiner Kindheitsfreunde nach der Schule in Bratislava geblieben sind, es jedoch eine kleine slowakische Community in Wien gibt. „Vor allem auf der Wirtschaftsuni, nicht so stark auf der Uni Wien“. Er lacht. Die meisten würden aber dann hier einem Studentenheim  wohnen und nicht pendeln.  Man spüre aber generell eine Ausrichtung Richtung Westen.

Vor allem ins Auge sticht die Diskrepanz im öffentlichen Raum: Wien ist sauberer, Bratislava dagegen  „ist schmutzig“, der öffentliche Verkehr in Wien ist ausgebauter, generell die „public sphere“ auf einem ganz anderen Niveau. „Man merkt, dass Wien 60 Jahre Demokratie hinter sich hat und Bratislava knapp zwanzig.“

Inwiefern hat Peter nun durch seine Lebenswelt Zugang zum Besten von zwei Welten? „Fühlst du dich als Teil einer Elite?“ „Es kommt natürlich darauf an, wie man den Begriff ‚Elite‘ definiert…“, sagt er nachdenklich, „natürlich habe ich viele Vorteile dadurch wie ich lebe, aber die Elite sind immer noch die Kinder die auf die Privatschulen gehen.“

Wie sieht Peter also die Zukunft der beiden Städte, in Bezug auf eine auf einander abgestimmte Entwicklung? „Es braucht Zeit“, ist das Fazit, das er trifft. Wir freuen uns auf eine Rekapitulation in zwanzig Jahren.