Bratislava: Frauen übernehmen das Ruder

Artikel veröffentlicht am 19. August 2014
Artikel veröffentlicht am 19. August 2014

Der anhaltende Boom in Bratislava ist weiblich. Die Töchter der letzten Generation, die unter dem Kommunismus geboren wurden, werden zum Hauptakteur der ökomischen und sozialen Renaissance der slowakischen Hauptstadt. Sie teilen alle dieselbe Philosophie: sie wollen autonom sein!

Simona hat ihre Fingernägel rot angemalt. Tadellos und frisch. Eyeliner unterstreichen umrunden perfekt ihre Augenpartie. Sie ist in eine Feuerwehruniform gekleidet. Sie ist bei der freiwilligen Feuerwehr. In der Slowakei sei die Arbeit bei der Feuerwehr „ein Job für Männer“. Das kümmert sie aber nicht im geringsten, denn sie hat bereits einen anderen Job und steht fest im Leben. Hier in Dúbravka in der Vorstadt der slowakischen Hauptstadt fällt der Regen langsam auf den Asphalt.

Simona Lhotová ist Leiterin einer lokalen Gruppe für die sie Mädchen an Schulen für die Feuerwehr rekrutiert hat. Sie lehrt den Umgang mit Feuer und möchte auf Sicherheitsrisiken aufmerksam machen. In einem Monat wird das Team, das sich in pink kleidet, bei einem Wettbewerb gegen drei andere Feuerwehrstationen antreten. Es ist ein Spiel, aber auch ein Wettbewerb um ihr Können auszutesten. In ihrem Job hat sie vollen Erfolg: mit 25 war Simona die einzige Versorgerin für technisches Material für Feuerwehren im ganzen Land. Vor drei Jahren hat sie ein Darlehen von 25.000 Euro aufgenommen und hatte gerade einen Abschluss in Wirtschaft in der Tasche: ihre Karriere konnte beginnen. Heute zählen bereits 30 Kunden auf ihre Zuverlässigkeit. „Ich wollte schon immer mein eigenes Gewerbe haben“, erzählt sie uns stolz. Diese Philosophie teilt sie mit einer ganzen Generation. Das Ziel lautet das Land, das sich erst 1993 friedlich von der Tschechischen Republik abgespalten hat, zum Erfolg zu verhelfen. 

Der frisch gewählte Präsident wird behauptet, hat „am wenigsten mit dem Kommunismus zu tun.“ Auch er ist Unternehmer. Bratislavas Gesicht ist inzwischen das von Simona, aber auch das von der 27jährigen Ivica, die Autorin und Anzeigentexterin ist. Auch Lucia, die Architektin und Innenraumdesignerin oder Tamara, die 30jährige Mutter und Unternehmerin, fühlen sich hier zu Hause. All sie sind junge Frauen. Sie verbindet, dass sie alle ein kleines Unternehmen führen und dass sie ihr eigenes Leben in die Hand nehmen. Dazu gehören auch die Hürden, die sich ihr dabei in den Weg gestellt haben.

„Ich habe keinen normalen Job gefunden?“

Das größte Hindernis ein unsichtbares. „Wir sind in einem kommunistischen Land aufgewachsen. Sie lehren uns einen Job zu bekommen, Arbeitnehmerinnen zu werden“, erzählt Tamara Osad'anová. Sie hat nach ihrer Schwangerschaft ihre Stelle als Englischlehrerin verloren. Nach zwei Jahren hat sie Bruncher, ein Frühstückscatering-Unternehmen gegründet. Dafür wurde neun Monate an einer Website gearbeitet. „Eine zweite Schwangerschaft“, kommentiert Tamara mit einem Lächeln. The Spot hat sich um die Programmierung ihrer Webseite gekümmert. Offiziell handelt es sich hierbei um eine Co-Working Plattform, aber in Wirklichkeit ist es eine offene Plattform für Brainstorming, Bildung, Planung von Projekten und um zu lernen, wie Investoren angelockt werden können. In nur zwei Jahren haben sich über 100 Start-Ups aus dem Projekt The Spot entwickelt. 

Die Bürokratie ist das ständige Hindernis des Projekte. „5000 Euro müssen investiert werden, um ein Unternehmen zu gründen. Und um einem Mitarbeiter 1000 Euro Gehalt zu zahlen, muss ich mindestens 1800 Euro inklusive Steuern und Sozialabgaben bezahlen“, beschwert sich Tamara. „Die Banken wollen kleinen Projekten auch keine Kredite für kleine Projekte geben.“ Aber Tamara schafft es trotzdem. Genau wie Ivica Ďuricová. Als sie ihre Agentur Adlervia eröffnet hatte, haben sie ihre Eltern gefragt: „Konntest du nicht einfach einen normalen Job finden?“

Als sie ihr Firmenlogo auf ihren Briefkasten geklebt hatte, mieden sie ihre Nachbarn für einige Zeit. „Für sie waren die Kinder des letzten Regimes, die Unternehmer wurden, alle kurrupt.“ Aber Ivica gibt nicht auf. Sie macht online Werbung für 300 verschiedene kleine Kunden. Im Alter von 19 hatte sie bereits ihre eigene Sprachschule eröffnet. Seitdem hat sie bereits zwei Bücher veröffentlicht. Ihr erstes befasste sich mit Wirtschaft. Ihr zweites wird ein mystischer Roman, der bald in die Läden kommt. „Ich möchte nicht, dass mein Chef über mich bestimmen kann.“ Vielleicht vor drei Jahren kontaktierte sie Ján Solík, auf dessen Initiative sie Yeas startete. Sie haben das Projekt aus dem Nichts gestartet, aber jetzt verbindet es 200 junge slowakische Unternehmer und hilft ihnen dabei sich zu vernetzen, zu bilden und potentielle Investoren zu finden. Diese werden ‚Business Angels‘ genannt. „Es gibt Gelder, die bereit stehen, aber nicht jedes Projekt findet einen Investor. Wir haben bereits 300 Angebote über die letzten drei Jahre erhalten. Aber nur 20 davon waren gut genug um Investoren anzulocken.“

„Wenn du unten gegen einen Stein stößt, kann es nur bergauf gegen“ 

Verglichen mit der Anzahl an Beschäftigten, die immer noch in den großen Firmen wie Volkswagen (9400 Mitarbeiter) beschäftigt sind, ist Bratislava die Stadt mit den meisten mutigen und dynamischen Unternehmern. Laut einer OSZE Studie herrschte in Bratislava eine Arbeitslosigkeit von 17,7 Prozent, im restlichen Land sogar von 30 Prozent. Mehr als 6000 neue Unternehmen wurden im selben Jahr nach der Studie von TwinEntrepreneurs aus der Taufe gehoben und in 34 Prozent dieser Unternehmen befand sich mindestens eine Frau in einer Spitzenposition. Um die Quote der Frauen in Führungspositionen anzuheben, hat die EU das Regionfemme-Programm aufgelegt, das Seminare organisiert, beratend auftritt und Hilfe für Start-Ups anbietet. Mehr als 2000 Unternehmerinnen und Managerinnen aus Bratislava und Wien haben sich in Projekten über die letzten vier Jahre engagiert.

Luica Haquel, eine Architektin, ist eine von ihnen. Sie kam gerade aus Paris wieder, wo sie einen Master in Urban Studies abgeschlossen hat. Vor ihr liegt eine aussichtsreiche Zukunft. „Ich habe mich für Bratislava entschieden, da ich zu meinen Wurzeln zurückkehren wollte und hier eine große Architektin werden möchte.“ Sie hat ihr eigenes Architektenbüro 2008 eröffnet. „Es war schwierig. Die großen Büros haben hier größere Vorteile.“ Die Wende kam 2012 als die Finanzkrise zu einer professionelle Krise wurde und Luica ihre Innendesigns mit Hilfe von Feng Shui entwarf. „Ich musste erst unten gegen einen Stein stoßen, damit es bergauf gehen konnte.“ 

Das Panorama Bratislavas wird in ihrer Sonnenbrille reflektiert. In ihr spiegelt sich das Einkaufszentrum Eurovea und die Novy Most Brücke, die an die kommunistische Ära der Stadt erinnert. Dazwischen erstrecken sich die habsburgischen Paläste und Schlösser. „Einige Leute hier sind wirklich motiviert: wir wissen, dass sie zu Dingen in der Lage sind, die in unter dem kommunistischen Regime nicht möglich gewesen wären. Das motiviert uns zu den besten Europas zu werden.“ Luica, Ivana, Tamara und Simona tun ihr bestes, um ihre Ideen mit anderen in Bratislava und der neuen Slowakei zu teilen. 

DIESER ARTIKEL IST TEIL EINER BRATISLAVA GEWIDMETEN SPEZIALREIHE. “EUTIOIA: TIME TO VOTE” IST EIN PROJEKT, DAS VON CAFÉBABEL IN PARTNERSCHAFT MIT DER HIPPOCRÈNE-STIFTUNG, DER EUROPÄISCHEN KOMMISSION, DEM FRANZÖSISCHEN AUSSENMINISTERIUM UND DER EVENS-STIFTUNG DURCHGEFÜHRT WURDE.