Brasilien vs. Italien und Ex-Terrorist Battisti: Fußball trifft Politik in London

Artikel veröffentlicht am 9. Februar 2009
Artikel veröffentlicht am 9. Februar 2009
Von Titelgeschichten mitten auf das Fußballfeld: Nach der Kontroverse um den italienischen Ex-Terroristen Cesare Battisti, der Mitglied der Proletari Armati per il Comunismo“ (Bewaffnete Proletarier für den Kommunismus) war und anschließend in Brasilien untertauchte, treffen sich beide Länder am 10. Februar zum politisch aufgeheizten Freundschaftsspiel in London.
Zwei Journalisten von beiden Seiten des Atlantiks kommentieren.

Valerio Clari ist Sportjournalist bei der italienischen Tageszeitung La Gazzetta dello Sport in Mailand. Pedro Sá ist sein brasilianischer Counterpart des Jornal dos Sports in São Paulo. Beide Journalisten antworteten auf die gleichen Fragen zum Freundschaftsspiel zwischen Brasilien und Italien, das am heutigen 10. Februar im Emirates Stadium in London stattfindet und von den Diskussionen über die Auslieferung des italienischen Rotbrigadisten Cesare Battisti überschattet wird. Der Ex-Terrorist und heutige Krimiautor besitzt seit 2007 den Status des politischen Flüchtlings in Brasilien. Italien seinerseits befürwortet seine Auslieferung.

Was ist das Besondere an einem Freundschaftsspiel 'Italien gegen Brasilien'?

©gazzetta.itValerio Clari: Das Spiel zwischen Brasilien und Italien ist weitaus mehr als freundschaftlich. Es ist die begegnung zweier Nationen, die mehrmals die WM gewonnen haben - öfter als andere Länder. Zum ersten Mal treffen sie nun außerhalb einer großen Meisterschaft aufeinander. 2006 gelang es Italien, die Weltmeisterschaft zu gewinnen, ohne gegen Brasilien spielen zu müssen. Heute gegen sie zu gewinnen würde bedeuten, den Job sauber zu Ende zu bringen. Und obendrein werden wir in einem tobenden Emirates Stadium spielen. Vom sportlichen Standpunkt aus kann man wirklich nicht mehr verlangen.

Pedro Sá: Das Wichtigste, wenn wir von einem Match Brasilien/Italien sprechen, ist die sagenhafte Fußballtradition dieser zwei Staaten und die enge Beziehung der Fans zu ihren Fußballclubs. Ebenso steht die Spielerqualität im Vordergrund, die historische Duelle zwischen diesen so ausgewogenen Teams zustande brachte.

Erhitzt der Fall Battisti die Fußball-Gemüter?

VC: Der Fall Cesare Battisti machte und macht auch weiterhin von sich reden. In den Medien wird von italienischen Plänen gesprochen, Präsident Lula schlussendlich doch noch davon überzeugen zu wollen, die parlamentarisch-juristischen Prozeduren in puncto Auslieferung in Brasilien zu lockern. Einige Vertreter der italienischen Regierung haben aus Protest sogar gefordert, das Spiel ins Wasser fallen zu lassen. Doch das war bloße Provokation an die Presse - dass das Spiel ausfällt, stand nie wirklich zur Debatte. Nur Einzelne sehen das Freundschaftsspiel in der Perspektive des politischen und juristischen Debakels [um Battisti]. Die Presse ist sich jedoch mehrheitlich einig darüber, dass Brasiliens Entscheidung, Battisti den Status eines politischen Flüchtlings zu gestatten, unberechtigt gewesen sei.

PS: Ich glaube nicht, dass der Fall Battisti irgendeinen Schatten über das Spiel werfen wird. Natürlich hat es das Gerücht gegeben, dass das Freundschaftsspiel ausfallen könnte. Doch das sind Dinge, die diplomatische gelöst werden müssen. Die brasilianische Presse hat die Cesare-Situation umfassend kommentiert. Doch schlussendlich sollte den Entscheidungen kompetenter Autoritäten Priorität eingeräumt werden.

Hat die politische Kontroverse Einfluss auf das heutige Freundschaftsspiel?

©jsports.uol.com.brVC: Ich denke nicht, dass der Fall Battisti Einfluss auf das Spiel nehmen wird. Verbote können aus den verschiedensten Gründen ausgesprochen werden. Doch da das Spiel in London stattfindet, werden die Achtsamkeit der englischen Sicherheitskräfte und der individuelle Ticketverkauf [keine Gruppentarife] verhindern, dass italienische Hooligans Unfrieden stiften.

PS: Ich denke nicht, dass diese diplomatische Auseinandersetzung das Freundschaftsspiel zwischen Brasilien und Italien beeinflussen wird. Die Erwartungen der Fans an ihre Teams sind bei einem Freundschaftsspiel auch nicht so hoch. Sollte es aber zum Fall Battisti irgendwelche Reaktionen geben, denke ich, dass sie sich auf italienischer Seite äußern werden. Die Italiener gehen mit solchen politischen Gegebenheiten enthusiastischer um als Brasilianer, meiner Meinung nach.

Und Ihre persönliche Meinung zur politischen Entscheidung Brasiliens?

VC: Ich denke, Brasiliens Entscheidung, Battisti Unterschlupf zu gewähren, war ein bisschen zu voreilig, insbesondere, da viele italienische Gerichte ihn verurteilt hatten. Andere Ex-Terroristen sind für ihre Straftaten zur Verantwortung gezogen worden. Gewalt sollte immer bestraft werden Doch auch die Frage der ‚Bleiernen Jahre‘ [in Italien] muss überdacht werden; die Verbrechen und deren Bestrafungen in historischen Kontext gerückt werden.

PS: Auch wenn es sich um eine komplizierte Sache handelt, sollte man die Gesetze eines jeden Landes beachten. Die brasilianische Gesetzgebung ist zum Thema Auslieferung politischer Flüchtlinge sehr eindeutig. Battisti lebt unter diesen Bedingungen hier in Brasilien, und unabhängig davon, ob er in Italien als Verbrecher verfolgt wird, sollte Brasilien ihn nicht ausliefern. Persönlich kann ich den Schmerz betroffener Familien nachvollziehen, doch man sollte Battistis Fall aus politischer Perspektive und nicht mit dem Herzen betrachten.

Die italienische Regierung hat einen schweren Fehler begangen, indem sie Battisti als politisch Kriminellen akzeptierten. Hätten sie das nicht getan, wäre die Situation heute vielleicht anders. Vor kurzer Zeit gab es bei uns einen Banker, Salvatore Cacciola, der die brasilianische Bevölkerung um viele Millionen gebracht hatte, und dann nach Italien geflüchtet war. Momentan befindet er sich in brasilianischer Haft. Interpol hatte ihn geschnappt, als er nach Monaco reisen wollte. Die Brasilianer versuchten seine Auslieferung zu veranlassen, doch das italienische Gesetz interpretierte unsere Gesetze in einem anderen Licht. Das ist für mich eine ähnliche Situation. Jedes Land hat seine eigenen Gesetze und die müssen respektiert werden. Die italienische Gemeinde in Brasilien ist aber ziemlich groß und die Freundschaft zwischen den Völkern zu stark, um von einigen Einzelfällen aus der Balance gebracht zu werden.

Ihr Tipp für das Spiel am heutigen 10. Februar?

VC: 2-2

PS: Italien wird 2-1 gewinnen.

Danke an Alessandro Grandesso und João Ricardo Matta!