"Brancaccio": ein Comic über die Mafia

Artikel veröffentlicht am 13. März 2009
Artikel veröffentlicht am 13. März 2009
„Sich wie Mafiosi aufzuführen ist ein vorherrschendes Verhalten, weil es lebensnotwendig ist, und die Mafia-Kultur wird immer stärker.“ Claudio Stassi und Giovanni Di Gregorio sind der Autor und der Drehbuchautor von „Brancaggio“, dem Comic, der von der Mafia erzählt und bereits ins Französische und Spanische übersetzt wurde. Interview.

Wir durchqueren den halben historischen Stadtkern von Barcelona, um ein ruhiges Plätzchen zum Reden zu finden. Am Ende entscheiden wir uns für das „ruhige“ Restaurant Romesco: Hier gibt es traditionelle Küche, es stinkt nach Frittüre und Rauch, aber das familiäre Ambiente enttäuscht nie. Gleich nach meiner Rückkehr vom Comic-Festival in Angoulême (29. Januar - 1. Februar), sitze ich nun hier mit den beiden Autoren von Brancaccio, dem Comic, der 2006 erschien und mittlerweile ins Französische und Spanische übersetzt wurde.

Brancaccio ist wie Gomorrha

Claudio Stassi (31) und der Drehbuchautor Giovanni Di Gregorio (34) beschreiben in Brancaccio die Verwicklung kleiner Alltagsgeschichten mit dem kleinen Nino als Hauptfigur. Das ganze Ambiente ist von der Mafia durchtränkt, aber nicht der Mafia mit Gangstern und Bomben, sondern der anderen, dauerhaften, permanenten und alltäglichen Mafia. „Eigentlich haben wir Brancaccio zu zweit geschrieben, denn nur ein sizilianischer Zeichner konnte diese kurzen Dialoge umsetzen und Situationen einfangen, in denen ein Blick genügt, alles sagt…“, erklärt Giovanni. 

Brancaccio ist ein Stadtviertel von Palermo. Hier arbeitete, kämpfte und starb Pater Puglisi und hier lebte Claudio 30 Jahre lang: „Mit diesem Comic habe ich alles ausgesprochen, was wir von unserem Viertel dachten, um endlich die vielen Dinge ans Tageslicht zu bringen, die wir bislang in unserem Inneren verborgen hatten.“ Die Alltäglichkeit der Geschichten in Brancaccio erinnert ein wenig an den Stil der Ereignisse und Personen im Film (nicht dem Buch) Gomorrha, wage ich zu behaupten. „Das Bedürfnis, von Alltäglichem zu berichten, ist auf jeden Fall da, ebenso wie in dem Film, aber Gomorrha ist entschieden gewaltsamer“, stellt Giovanni klar. „Wir hatten uns von Anfang an vorgenommen, kein Blut und keine Waffen zu zeigen. Wir wollten keine Ermordeten in die Geschichte hineinziehen.“

Öffentliches Leben ist in Sizilien praktisch unmöglich.

©BrancaccioSeit 1993 gibt es in Sizilien nicht mehr so viele Morde. Diese Tatsache weist darauf hin, dass nun alles nach einem eisernen Pakt zwischen Politik und Mafia läuft. Der Mafioso unterstützt heute nicht mehr den Politiker, sondern wird selbst Politiker und die Politik wird Mafia. „Wie kommt es denn, dass Provenzano ausgerechnet in der Zeit der Regionalwahlen gefasst wurde?“, fragen die beiden. Welchen Einfluss hat die Mafia auf das alltägliche Leben? Wie macht sie sich bemerkbar? Claudio erzählt: „Für alles, aber auch alles musst du die „richtigen Kontakte“ haben, andernfalls ist ein öffentliches Leben praktisch unmöglich, auch ein Arzttermin im Krankenhaus. Und da dieses Mafia-Verhalten vorherrscht, da es zum Leben notwendig ist, werden die Mafia und ihre Kultur nur weiter gestärkt.“ Und Giovanni ergänzt: „In Palermo zahlen 80 Prozent aller Gewerbetreibenden Schutzgeld“. „Jedes Mal, wenn du einkaufen gehst, stärkst du die Mafia…“ Und Initiativen wie die von Confcommercio (ital. Handelsverband, A.d.R.), alle Mitglieder auszuschließen, die weiter zahlen? „Gute Idee, aber wie soll man letztendlich überprüfen, wer zahlt und wer nicht?“ Vor allem bei einer „kreativen“ Buchhaltung wie der heutigen…

Comics verkaufen sich hervorragend in Krisenzeiten

Giovanni und Claudio unterstreichen, dass die Mafia weder die einzige noch die wichtigste Inspiration für ihre Kreativität liefert. Auch wenn Claudio bereits den Comic Per questo mi chiamo Giovanni [„Warum ich Giovanni heiße“, erschienen bei Fabbri, 2004] nach dem Buch von Luigi Garlando gezeichnet hat, in dem ein Vater seinem Sohn erklärt, wer Giovanni Falcone war. „Derzeit konzentriere ich mich auf die Serie John Doe, nach Weisungen der Drehbuchautoren!“, scherzt er. „Ich kann mich von allem und jedem inspirieren lassen“, sagt hingegen Giovanni, der auch im Team von Bonelli für Serien wie Dylan Dog und Dampyr arbeitet. Claudio hat sich seinem Beruf schon vor Zeiten genähert, mit einem Kunststudium in Palermo, während ihn Giovanni erst später für sich entdeckte, nach einem Studium in Kooperation und einem Doktorat in Chemie. 

©Beccogiallo edizioni, Casterman e Norma edition

Wie werden Comics in Europa wahrgenommen und welche Rolle spielen sie in Krisenzeiten? „1929 liefen Comics hervorragend, in Krisenzeiten sind die Leute bereit, auf alles zu verzichten, außer auf Unterhaltung“, sagt Claudio. Und Giovanni ergänzt: „Das stimmt, aber nur, wenn ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Unterhaltungspotenzial und Preis besteht. Das Problem ist, dass Comicromane für 50 Seiten Unterhaltung zu teuer sind. Die Potenziale des Comics sind noch nicht zu stark ausgenutzt, oder? Giovanni erläutert: „In Frankreich ist der Comic eine Kunstform. Der Drehbuchautor ist dem Schriftsteller ebenbürtig und der Comic ist genauso viel wert wie ein Buch. Neulich sah ich ein Berufsberatungsprogramm für Jugendliche im Fernsehen. Da wurden die Optionen Arzt, Anwalt, Journalist und Comiczeichner angeboten… In Italien gelten Comics als reine Unterhaltung, mit einem Fimmel für Lesbarkeit und zu wenig seriöser Kritik (mal abgesehen von Umberto Eco), während in Spanien derzeit eine Art Comeback zu beobachten ist, auch wenn der Markt noch nicht viel zu bieten hat.“

Giovanni hat Palermo schon vor Jahren verlassen: „Barcelona vereint in sich das Beste aus Nord- und Süditalien. Es gibt Arbeit, Bürokratie und Krankenhäuser funktionieren, aber die Stadt ist dennoch menschlich. Das Essen ähnelt unserem und es gibt noch menschliche Wärme, nicht zuletzt dank der Einwanderer!“ Auch Claudio wird bald hierher ziehen und hat seine Festanstellung an der Comic-Schule in Palermo aufgegeben: „Schon seit meiner Erasmus-Zeit in Valencia habe ich den Wunsch, in Spanien zu leben. Ich will weg, weil ich es nicht ertrage, dass sich Sizilien so behandeln lässt und zum Spielzeug von Berlusconi wird. Wie kann es sein, dass bei den letzten Regionalwahlen zwischen einem Fast-Verurteilten wegen Mafiaaktivität (Raffaele Lombardo) und einer Symbolfigur für den Kampf gegen die Mafia (Rita Borsellino) Ersterer den Wahlkampf mit 60 Prozent gewann?“ „Aber die Politik ist nicht unser hauptsächliches Engagement“, erklärt Giovanni. „Im Grunde zeichnen wir doch nur Comics.“