Braindrain: Paris kommt mir spanisch vor

Artikel veröffentlicht am 15. Januar 2015
Artikel veröffentlicht am 15. Januar 2015

In den vergangenen Jahren kamen mehr als 25 000 Spanier in der Hoffnung nach Frankreich, die berufliche Chance zu finden, die Spanien ihnen nicht bieten konnte. Die offiziellen Zahlen der spanischen Botschaft in Paris steigen beständig und könnten inoffiziell dreimal so hoch sein, da eine Registrierung nicht verpflichtend ist. In Paris gestrandete Spanier berichten von ihren Erfahrungen.

Anfang September 2014 kam der Dokumentarfilm En Tierra Extraña (In der Fremde) der Regisseurin Icíar Bollaín in die Kinos, der die Situation der in den letzten Jahren eingewanderten Spanier in Edinburgh widerspiegelt und ihre Beweggründe näher beleuchtet. „Die verlorene Generation“, „die Jugend ohne Zukunft“, „die weltweit Mobilen“, die das Land aus „Abenteuerlust“ verlassen. Welche Namen man dieser Generation auch geben will, sie verlassen Spanien auf der Suche nach Chancen, die sie zu Hause nicht finden.

Obwohl viel vom Vereinigten Königreich und Deutschland gesprochen wird, ist Frankreich – und hier besonders Paris – eines der Länder, in denen die meisten Spanier leben. Die geografische Nähe und die Zugehörigkeit zur gleichen Sprachfamilie (was Französisch leichter zu lernen macht, als Deutsch), hat bislang rund eine halbe Million Spanier angezogen.

Laut der Zahlen der spanischen diplomatischen Vertretungen in Frankreich haben 2013 insgesamt 238 612 Spanier ihren Wohnsitz in Frankreich angemeldet. Das sind 8 239 mehr als 2012 und 26 761 mehr im Vergleich zu 2010. Die spanische Botschaft verweist jedoch darauf, dass die Anmeldung nicht verpflichtend ist und die Zahlen daher nicht unbedingt die tatsächliche Anzahl der in Frankreich lebenden Spanier abbildet.

Wen trifft die Krise am heftigsten?

Im Falle Spaniens haben das Platzen der Immobilienblase und der Absturz im Baugewerbe vor allem die Architekten getroffen. Nach sechs harten Studienjahren an der Polytechnischen Universität Madrid, einer der anspruchsvollsten Unis des Landes, verließ Ana Rosa ihre Studienstadt in Richtung Paris. Ein Jahr nach ihrer Ankunft ist sie gerade zusammen mit ihrem Freund, ebenfalls ein Spanier, in eine Wohnung nahe Bastille gezogen. Sie zahlen etwas unter 1 000 Euro für das kleine Apartment aus einer winzigen Küche, einem Bad und einem Schlafzimmer, das gleichzeitig als Wohn- und Arbeitszimmer dient.

Ana gibt zu, keine einzige Bewerbung in Spanien geschrieben zu haben. „Ich hatte von verschiedenen Freunden gehört, die bereits in Architektenbüros arbeiteten - die Bedingungen gefielen mir überhaupt nicht. Ich wollte nicht, dass eine schlechte erste Arbeitserfahrung all meine Ambitionen vernichtet“, erzählt sie. Der erste Monat in Paris brachte eine Enttäuschung nach der anderen, es sei „sehr schwer“ gewesen, sagt Ana. Zur Arbeitssuche kam die Wohnungssuche und jede Menge Papierkram. Wie zum Beispiel, sich im Konsulat zu registrieren, was sie aus Trägheit nicht tat. Für das Konsulat, so Ana, sei die Registrierung des Wohnsitzes sowieso nicht so wichtig gewesen. Die ersten fünf Wochen kam sie in einem kleinen zwölf Quadratmeter großen Zimmer unter – Bett, Küche und Bad in einem. Danach zog sie in eine Wohngemeinschaft mit zwei anderen Expats um, wo sie ein Jahr lang lebte, bevor sie mit ihrem Freund zusammenzog.

Nach nur einem Monat hatte sie Arbeit in einem Architekturbüro gefunden. Obwohl sie aufgrund ihrer fehlenden Arbeitserfahrung gewillt war, Einschränkungen bei Gehalt und Arbeitszeiten hinzunehmen, hatte Ana bei den Vorstellungsgesprächen ein mulmiges Gefühl: Die Arbeitgeber suchten Studenten für Rahmenverträge oder Praktika. Schließlich bekam sie ein Angebot für einen befristeten Arbeitsvertrag. Als dieser nach sechs Monaten auslief, wurde ihr eine Verlängerung um einen Monat angeboten. Doch die selbstbewusste junge Frau lehnte ab, da sie eine andere befristete Arbeitsstelle gefunden hatte. Seither arbeitet sie in einem neuen Büro, wo sie sehr zufrieden, aber etwas nervös ist, da eine Vertragsverlängerung noch unsicher ist. Erst im Januar erfährt Ana, ob sie auch im Februar Arbeit haben wird.

War es eine gute Wahl nach Paris zu kommen? „Ja. Ich weiß, dass ich in Spanien unter viel schwierigeren Bedingungen arbeiten müsste, was das Gehalt und die Arbeitszeiten angeht. Vorausgesetzt, ich hätte überhaupt Arbeit gefunden“, sagt Ana nachdenklich. „Für den Moment bleibe ich in Paris, da ich hier mehr Möglichkeiten sehe mich zu entwickeln“, fügt sie hinzu.

Von der Masterabsolventin zum Kindermädchen

Zufällig treffe ich über Facebook-Bilder eines Protests von jungen Spaniern in den Straßen von Paris auf Rosa: „Wir gehen nicht, sie werfen uns raus“, steht auf ihren Plakaten. Rosa hat Journalismus in Málaga studiert und ging später nach Madrid, wo sie einen Master in Internationalen Beziehungen machte. In dem Glauben, dass sie keine andere Arbeit als ein unbezahltes Praktikum finden würde, beschloss sie als Au-pair die Kinder einer Familie in Genf zu betreuen. Nach zwei bitteren Monaten mit Gasteltern, die sich nicht um die Arbeitszeiten scherten und die die festgelegten Aufgaben immer wieder neu interpretierten, stieg Rosa in den Zug nach Paris, wo sie ebenfalls als Au-pair zu arbeiten begann.

„Ich hatte kein Geld, um Spanien auf gut Glück zu verlassen“, erklärt Rosa, „und das war die beste Möglichkeit Sprachen zu lernen und dabei Kost und Logis zu haben. Ich hatte eine Freundin in Paris, die aus persönlichen Gründen ihre Gastfamilie verließ und ich ersetzte sie. Hier geht es mir viel besser als in Genf, aber es ist frustrierend, wenn man nicht in dem Beruf arbeiten kann, den man gelernt hat“, beklagt sie. Die Stelle als Kindermädchen ist eine Möglichkeit für viele junge Menschen, vor allem junge Frauen, da sie einen guten Deal bietet: Man erhält zwischen 200 und 500 Euro pro Monat. Kost und Logis sind inklusive und oftmals gibt es noch ein Monatsticket für den Nahverkehr. Im Gegenzug kümmert sich das Au-pair mittags um die Kinder und manchmal auch abends. Viele Au-pairs verlassen jedoch, wie Rosa, ihre Gastfamilien in den ersten Wochen, weil die Bedingungen nicht wie vereinbart sind.

Aufgrund ihrer schlechten Erfahrung als Au-pair, beschloss Rosa die Facebook-Gruppe „SOS au pair“ zu gründen, um anderen, die sich in einer ähnlich schwierigen Situation befinden, zu helfen. „In Genf schuftete ich fünf bis acht Stunden pro Tag und half nach einem von der Gastmutter entworfenen Zeitplan bei der Hausarbeit. In diesem stand, wann und wie oft sie zu putzen hatte“, klagt Rosa. Laut Vertrag, darf ein Au-pair maximal 30 Stunden pro Woche arbeiten und diese Zeit sollte ausschließlich für die Kinderbetreuung verwendet werden.

Fremd in Paris

Eine andere Berufsgruppe, die ihr Glück in Frankreich sucht, sind die Beschäftigten aus dem Gesundheitswesen. Ärzte und insbesondere Pflegekräfte sind auf der Suche nach besseren Arbeitsbedingungen und mehr Angeboten, wie sie derzeit im öffentlichen spanischen Gesundheitswesen verfügbar sind. Das gilt auch für María Ruiz.

Nachdem sie ein Jahr lang in Südfrankreich gearbeitet hatte, stellte sich María bei APHP (Assistance Publique Hopitaux de Paris) vor, um eine Arbeit im öffentlichen Gesundheitswesen in Paris zu finden und bekam dort schließlich eine Stelle in der Abteilung für Onkologie. Obwohl es schien, als sei ihr Traum in Erfüllung gegangen, überwarf sie sich mit der Chefin, welche ihr ihren Akzent zum Vorwurf machte und misstrauisch bemerkte, dass „das spanische und französische öffentliche Gesundheitssystem nicht gleich sind“. María betont, dass dieser Zwischenfall eine Ausnahme war. „Ich hatte nie Probleme mit Kollegen, Ärzten, Familien oder Patienten und ich habe dort immer noch Freunde“, erzählt sie. Sie wechselte zum Krankenhaus Emile Roux, das ebenfalls zum öffentlichen Gesundheitssystem gehört, und hat dort nun eine Planstelle, bei der sie andere Pflegekräfte in bestimmten Heilverfahren weiterbildet.

„Für mich war es immer klar, dass ich Arbeitserfahrung außerhalb von Spanien haben wollte“, erklärt María. „Ich hätte nie damit gerechnet, dass es wie jetzt beinahe verpflichtend sein würde: Ich musste entweder das Land verlassen oder hätte nicht als Krankenschwester arbeiten können. Das ist die traurige Wahrheit.“

María liebt die Stadt, auch wenn sie zugibt, dass die Integration in die Gesellschaft etwas schwierig war. „Am Anfang, als ich noch nicht Französisch konnte, war alles in Ordnung. Die Leute schauen dich an, als würden sie nichts verstehen – obwohl sie das sehr wohl tun“, erinnert sie sich. „Ich habe mich immer als Fremde gefühlt, immer am falschen Ort. Es ist, als würden sie mir einen Gefallen tun, dass ich hier arbeiten darf. Das betrifft nicht nur das Arbeitsleben, sondern auch den Alltag, wenn ich zum Einkaufen gehe … Aber wenn ich durch die Straßen von Paris schlendere, vergesse ich das alles. Ich glaube nicht, dass ich in Spanien das Leben führen könnte, das ich hier in Paris führe. Bisher hat Frankreich mir die Sicherheit und Anerkennung im Berufsleben gegeben, die mir Spanien in 20 Jahren nicht geben konnte.“