Boris Johnson, Traum von Rom

Artikel veröffentlicht am 24. Juni 2006
Artikel veröffentlicht am 24. Juni 2006

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Boris Johnsons neues Buch handelt vom römischen Imperium und der EU. Im Gespräch erklärt er, warum die westliche anderen Kulturen überlegen ist und römische Fischsauce radioaktiv ist.

Eine Büste aus weißem Marmor starrt mich an, als ich in einem kleinen Büro gegenüber dem Londoner Parlamentsgebäude sitze. Dann geht die Tür auf und er stürmt herein. Er, das ist Boris Johnson, britischer Politiker, Kolumnist, Journalist und Fernsehmoderator. Johnson ist eine Berühmtheit in England, er wird für seinen exzentrischen Stil wie für seine unnachahmliche Frisur gleichermaßen geliebt und gehasst. Der frühere Redakteur des Spectator, eines der einflussreichsten politischen Magazine Englands, kehrte letztes Jahr in die Politik zurück. Derzeit ist er im Schattenkabinett der englischen Konservativen für Erziehung zuständig.

„Ich bin besessen davon. Jetzt habe ich mich entschieden, diese Besessenheit von der Leine zu lassen“, sagt er, in einem der grünen Sessel in seinem Büro sitzend. Johnson ist besessen vom römischen Imperium. Sein neues Buch The Dream of Rome ist eine so lebhafte wie amüsante Geschichte des römischen Imperiums, das der Europäischen Union den Spiegel vorhält. Und ein kämpferischer Aufruf, die Klassiker wieder in den Schulen zu lehren.

Rom: Die Erfolgsmarke der Geschichte

„Europäische Mächte haben immer in die Geschichte zurückgeblickt und versucht, etwas darin zu finden, das ihren Status als europäische Großmacht rechtfertigen würde“, sagt Johnson. „Sie halten sich für Rom und ziehen Parallelen. So können sie ihre Überlegenheit bestätigen.“

Johnson ist der Ansicht, dass es heute eben die EU ist, die in diesen „römischen Spiegel“ sieht. Als ihre Gründerväter 1955 die römischen Verträge unterschrieben, hätten sie Rom wegen seiner Symbolkraft als Ort der Vertragsunterzeichnung gewählt, glaubt Johnson: „Es war eine Gelegenheit, sich an die Errungenschaften Roms zu erinnern, das einen riesigen geeinten Raum geschaffen hatte – mit einem Gedanken, einem Willen und einem politischen System – und das über 600 Jahre lang bestand.“

Wie haben die Römer das geschafft? Minimale Regulierung, eine winzige Bürokratie und vor allem der Kaiserkult sind nach Johnson die Zutaten für den großen Erfolg gewesen. Und anders als die Bürger der heutigen EU, wollten die Völker des römischen Imperiums unbedingt Römer sein. Als Beispiel führt Johnson „Garum“ an, die römische Fischsauce. „Das Zeug war wirklich ekelhaft, fast radioaktiv. Ich konnte es nicht glauben: Sie nahmen die Innereien der Fische und vermengten sie... Jeder im Imperium aß dieses Zeug, obwohl es hochgiftig war.“

“Die Leute wollen anders sein“

Ironischerweise war es nicht der Erfolg des römischen Reichs, der Johnson dazu brachte, sein Buch zu schreiben. Er interessierte sich für den Widerstand gegen die Römer. Er stellte sich die Frage, ob die damalige Rom-Skepsis der heutigen Euro-Skepsis gleiche. Ich erwähne, dass er selbst auch für seine Euro-Skepsis bekannt sei, aber er protestiert: „Das ist nicht ganz richtig. Europa fasziniert mich. Es fasziniert mich, wie unterschiedlich all die Länder sind, was für unterschiedliche Interessen sie haben und wie sehr sie trotzdem aufeinander angewiesen sind“. Doch er relativiert seine Begeisterung sofort: „Aber realistisch betrachtet ist der Versuch, ein Volk zu schaffen, das, wie Jean Monet sagte, im Innern Europäisch ist, erfolglos. Ich glaube, dass die Leute anders sein wollen.“

Dann stößt er hervor: „Auf eine chauvinistische Weise...“ Er hält inne, weil er nach den richtigen Worten sucht. „Auf eine Berlusconische Weise glaube ich an die Überlegenheit der westlichen, liberalen, jüdisch-christlichen Zivilisation über allen anderen in der Welt.“ BUMM. Er denkt noch einmal nach, nickt dann überzeugt und versichert: „Ja, das tue ich. Ich habe die ganze Welt bereist und kann somit berechtigterweise sagen, dass für mich die europäische Zivilisation die höchste ist.“

Erst einmal wieder die Aeneis lesen!

Zur europäischen Einigung hat Johnson seine ganz eigene Idee: „Wenn sie gelingen soll, sollten wir Latein wieder zum Pflichtfach in der Schule machen und darauf bestehen, dass jedes Kind in Europa mit den anderen ein kulturelles Erbe teilt.“ Das ist Boris Johnsons Fach: Latein und die antiken Klassiker sind seine wahre Leidenschaft. Auf einmal fängt er an, aus der Aeneis zu zitieren, die er allen europäischen Kindern empfiehlt – und dabei ignoriert er mich und meine nächste Frage ganz einfach für eine kleine Ewigkeit.

Als er von meinen Bedenken hört, ob die iPod-Generation damit etwas anfangen könne, wird er laut und schlägt dabei die Hände über dem Kopf zusammen: „Es interessiert mich nicht, ob sie etwas damit anfangen können, die kleinen Stümper! Als ich klein war, hat mich auch niemand gefragt, ob ich etwas damit anfangen kann. Keiner hat uns gefragt, wir mussten es einfach lernen. Für ihr eigenes Wohl sollten die Schüler es einfach lernen.“ Er grinst, freut sich und fügt hinzu: „Es würde einen riiiiesen Unterschied machen!“

Zurück ins Paradies der Kindheit?

Das Buch „The Dream of Rome“ endet mit der Behauptung, dass wir in der Geschichte immer das römische Imperium imitieren werden. „Wenn man in Europa aufgewachsen ist, hat man immer Rom im Hinterkopf. Man hört von der Idee, dass es eine vorgegebene Einheit gab. Und das ist wie eine Erinnerung an die Glückseligkeit unserer Kindheit, die der gealterte Kontinent jetzt gerne noch einmal heraufbeschwören würde“, so Johnson – und er ist sich sicher, dass das niemals funktionieren wird.

Aber ist die EU nicht ein wirklicher Versuch, ein vereintes Europa zu schaffen? „Sie sollte größer, weiter, schöner sein. Vergessen wir die gemeinsame Außenpolitik, die gemeinsame Agrarpolitik. Geben wir den Leuten, die in der EU leben und arbeiten, etwas Praktisches, etwas, von dem sie etwas haben. Das ist es, was die EU tun sollte!“ Er schaut sich im Zimmer um und sucht nach einem Beispiel. Dann, auf einmal, schießt er los: „Steckdosen! Seit 60 Jahren gibt es jetzt schon das Projekt Europäische Union und noch immer kann ich meinen Toaster nicht anstecken, wenn ich nach Brüssel fahre!“

Natürlich sind Steckdosen kein Problem mit dem sich die Römer, unsere glücklichen Vorfahren, herumschlagen mussten. Sie hatten das, an dem wir heute so arbeiten müssen, schon vor Ewigkeiten erreicht. Aber vielleicht sind die Dinge auch einfach nur zu kompliziert geworden?

Boris Johnson, The Dream of Rome, HarperPress, Hardcover £18.99