Borderline: Grenzen sind sowas von Neunziger

Artikel veröffentlicht am 19. April 2016
Artikel veröffentlicht am 19. April 2016

Die Kinder der 1990er kennen kein Europa mehr, in dem man sich nicht frei bewegen kann. Der italienische Fotograf Valerio Vincenzo (Jahrgang 1973) erinnert sich noch gut daran. Aus dieser epochalen Veränderung heraus wurde sein fotografisches Projekt 'Borderline' geboren.

Im Jahr 1995 steckte das Erasmus-Programm noch in den Kinderschuhen. Valerio Vincenzo, damals Wirtschaftsstudent, fand sich nicht durch Erasmus in Frankreich wieder, sondern durch PIM, eine Internationale Management Partnerschaft. 1995 gab es noch Zoll, Grenzkontrollen, und es konnte passieren, dass einem die Aufenthaltserlaubnis verwehrt wurde. Nein, nicht in den USA, sondern zum Beispiel im nahen Frankreich. Genau das war einem Freund von Valerio passiert. Er selbst hatte Glück.

Freizügigkeit

Nach diesem Sprung 20 Jahre in die Vergangenheit, in ein Europa vor dem Schengener Abkommen, versteht man leicht, warum der freischaffende Fotograf Valerio seit mehr als 7 Jahren an seinem Projekt Borderline arbeitet. „Ich hatte schon lange darüber nachgedacht, ein Projekt über die Freizügigkeit zu machen. In meiner Studienzeit in Frankreich war Schengen noch nicht in Kraft getreten. Und ich erinnere mich gut, wie schwer es war, die Dokumente (eigentlich die Aufenthaltserlaubnis) zu bekommen, um dort zu bleiben und ein Praktikum zu machen.“

Um nach Frankreich zu ziehen, musste man 1995 einen Antrag bei der italienischen Prefettura stellen. Aber das war nicht alles. „Man musste auch bestimmte Bedingungen erfüllen“, erklärt Valerio, „zum Beispiel musste man eine bestimmte Summe Geld auf einem französischen Konto haben. Wir waren alle Studenten und haben uns diese Technik ausgedacht: wir packten all unser Geld auf das Konto von einem, der seinen Antrag stellte. Danach ging das Geld auf das Konto von einem zweiten, er stellte den Antrag und so weiter. Ich glaube, ich wurde fünf oder sechs Mal in die Prefettura bestellt. Beim letzten Mal, weil ich Dokumente mit blauem statt mit schwarzem Stift ausgefüllt hatte.“ Eine Situation, die für die sogenannte Erasmus-Generation - die Generation der Billigflüge und der Freizügigkeit - wirklich unglaublich klingt. So absurd, stimmt Valerio uns zu, dass es sich heute seltsam anfühle, auch nur darüber zu reden.

„1997 bin ich nach Frankreich zurückgekehrt, diesmal ohne Aufenthaltserlaubnis. Und die Tatsache, dass man über diese enorme Entwicklung, diese Revolution, nicht sprach, überraschte mich. Der Gedanke zu meinem Projekt ist mir durch ein Foto von Cartier Bresson gekommen. Darauf sieht man einen Grenzübergang in Bailleul, zwischen Frankreich und Belgien.“ So fing 2007 die Reise von Valerio an, auf der Suche nach diesem berühmten Zollhaus, das ihn nicht losgelassen hatte. „Ich wollte sehen, ob es immer noch da war und ob es wirklich so aussah.“ Am Anfang sollte das Projekt nur alte und verlassene Zollhäuser umfassen. Dann entwickelte sich seine Idee weiter: Valerio möchte verewigen, was er „Zukunftsgrenzen“ nennt. Keine Barrieren, keine Mauern, keine Hindernisse. Nur Details, wie die Farbe des Zements, die sich von einem Land zum anderen unterscheiden.

Eine 16 500 Kilometer lange Linie

Wenn man alle Grenzen Europas, oder eher des Schengenraumes, aneinander legen würde, hätte man eine Linie von 16 500 Kilometern. Eine Linie, die ihre Gestalt verändern kann, die manchmal unsichtbar wird. Ein Kreuz, eine Fläche mit Steinen, oder ein Steg, der sich fast schüchtern Richtung Ostsee schlängelt. So sieht die Grenze zwischen Deutschland und Polen aus. Ein Steg, der bei der Reformdebatte 2011 gerade erst fertig war. „Es ist interessant zu sehen, wie diese, seit vielen Jahren offenen Grenzen gerade jetzt die Aufmerksamkeit der Institutionen auf sich ziehen. Sie eignen sich nach und nach wieder Orte an, die früher „Niemandsland“ waren.“ Orte, wo sich wichtige Initiativen entwickeln, fährt Valerio fort. „Sicher, die deutsch-polnische Grenze ist eine der symbolträchtigsten. Der heutige Grenzverlauf ist einer der jüngsten, er wurde erst 1990 ratifiziert.“

Nachdem er die Grenze zwischen Frankreich und Belgien mit eigenen Augen gesehen hat, ist Valerios Reise weiter nach Süden gegangen, „im Zickzack über die Grenze zwischen Frankreich und Italien“, nachdem er durch Belgien, Luxemburg, Deutschland und die Schweiz gekommen war. „Ich bin mit einem Dutzend Fotos nach Paris zurückgekehrt und habe angefangen, sie zu zeigen. Der Zufall wollte es, dass 2008 auch die Schweiz in den Schengenraum eintrat. Das Geomagazin hat dann die Fortsetzung meines Projekts finanziert.“ Ein Projekt, das noch lange nicht beendet ist und auch über den Schengenraum hinausgehen soll. „Es ist wichtig, dass es sich um Grenzen zwischen zwei Ländern handelt, die friedlich sind und das in der Vergangenheit vielleicht nicht waren“, erklärt Valerio.

Jede Grenze ist auf ihre Art einzigartig und unnachahmlich. „Es ist komisch, aber wenn man sich auf eine Grenzlinie stellt, kann man fast die Spannung zwischen den Ländern spüren. Es ist absurd zu denken, dass man rechts von meinen Füßen eine Sprache spricht und bestimmte Gesetze hat und auf der linken Seite etwas ganz Anderes vor sich geht. Alle Grenzen überraschen mich irgendwie. In gewisser Weise, und vor allem wenn sie nicht naturgegeben sind, erscheinen sie mir richtig absurd.“ Und manchmal unerreichbar. Schon weil Valerio nur Orte fotografiert, die er mit dem Auto erreichen kann. Er sagt von sich selbst, dass er kein großer Entdecker ist. Und um alle Grenzen zu sehen und die ganzen berühmten 16 500 km zu bereisen, scherzt er, würde ein Leben nicht ausreichen.

Ein Lieblingsbild von Valerio ist die Grenze zwischen Italien und der Schweiz, aufgenommen 2008. Eines der ersten, wie ich bemerke. Warum? „Ein bisschen, weil ich das Bild unter extremen Bedingungen gemacht habe, auf über 3000 Metern. Und dann, weil man auf dem Foto eine Barriere sieht. Etwas, was sich eigentlich mit meinem Projekt beißen würde, wäre da nicht die Tatsache, dass diese Pfähle nichts mit der eigentlichen Grenze zwischen den Ländern zu tun haben. Sie grenzen nur die Skipiste ab, um zu vermeiden, dass die Skiläufer in der Schlucht landen, wenn sie an die italienische Seite herankommen.“ Ein Spiel also: es gibt eine Grenze, aber nicht aus dem Grund, den ihr zu kennen glaubt.

Und dann gibt es die Grenzen, die wir aufbauen, die Mauern, die wir hochziehen, erklärt Valerio mit Bezug auf die Festung Europa. „Ein Foto von Lampedusa oder Mellila? Das hieße für mich, eine Grenze zu zeigen, mit der ich nicht einverstanden bin. Mit meinem Projekt habe ich mich entschieden, die Grenzen zu zeigen, die keine Hindernisse mehr darstellen. Es ist meine Art, auch über andere Grenzen zu reden, um zu zeigen, wie absurd das Konzept einer Grenze an sich ist. In Europa hat es Kriege um Gebiete gegeben, die heute leer sind. Daher ja, ich finde es absurd, heute Mauern hochzuziehen. Aber ich will das nicht sagen, indem ich diese Mauern zeige. Dann würde ich ja eine funktionierende Grenze zeigen, und denen Recht geben, die sie erbaut haben.“

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Valerio Vincenzos Projekt Borderline