Bomeur: Hartz IV und der Tag gehört dir

Artikel veröffentlicht am 28. November 2012
Artikel veröffentlicht am 28. November 2012
Hervorgebracht durch die Krise blühen derzeit Wortschöpfungen in ganz Europa, um das Loch zu füllen, das Arbeitslosigkeit, Stillstand und der Mangel an Perspektiven hinterlassen haben. Neue Ausdrücke haben Konjunktur, und manchmal stehen dahinter richtige Menschen, die sich profilieren. Ein Beispiel? Der französische "bomeur".

Die Franzosen waren schon immer gut im Erfinden neuer Ausdrücke. Diese Kunst des Wortspiels, seinerzeit bekannt geworden durch den französischen Sänger Boby Lapointe, erlebt ihren zweiten Frühling, seitdem 25,2% der Jugendlichen in Frankreich nichts anderes zu tun haben, als ihren Alltag mit kleinen linguistischen Spielchen aufzupeppen.

So entstand kürzlich die Wortschöpfung "bomeur" - eine Mischung aus den Worten "bobo" (Bohémien) und "chômeur" (Arbeitsloser) - das ganz einfach den etwas arbeitslosen Dandy beschreibt. Laut dem Musikmagazin Les Inrocks entspringt der Begriff dem kreativen (weil gerade auf Standby) Gehirn eines jungen 28-jährigen Franzosen. Nathanaël, einmal arbeitslos geworden, entschied sich, einen tumblr einzurichten, auf dem er nun täglich das Leben eines „bomeurs“ aufzeichnet. Seine Definition des Begriffs: "Ein bomeur ist ein Typ, der mal einen coolen Job hatte, und nun, da er arbeitslos ist, versucht, cool zu bleiben."

Das Individuum der Krise ist auch am Style zu erkennen: halblange Haare, Dreitagebart, Jeans und natürlich Turnschuhe. Im Grunde ein Hipster ohne Arbeit. Aber eins ist klar: momentan kennt die Arbeitslosigkeit keine Grenzen. Und die Frenchies sind nicht die einzigen, die genügend Freizeit haben, um sich neuen Wortschöpfungen hinzugeben. Um ehrlich zu sein, die Engländer do it better. Etwa zehn englische Ausrücke beschreiben den lässig Untätigen, unter anderem: "funemployed", "dole dodger" (wörtlich: Arbeitslosengeld-Gauner), "moregeoise" (die Konsumenten, die mehr als andere bekommen wollen), oder aber "neet like nini" (diejenigen, die nur das essen, was in ihrer Nähe hergestellt wurde).

Mit respektive 52,9% und 25,9% junger Arbeitssuchender, sind Spanien und Polen ebenfalls dem Aufruf nach Wortschöpfungen gefolgt. Für die Spanier heißt der bomeur "pijipi" - eine Synthese aus den Worten "pijo" (ruppig) und "jipi" (hippie). Was die Polen betrifft, ist es der "Niebieski ptak" - der blaue Vogel, der die Scherereien der konkreten Realität und des Alltags überfliegt. Diese durchleben auch die jungen Deutschen, von denen immerhin 8% die Freude am Rumhängen kennen. In Deutschland wird den coolen Hipster-Arbeitslosen in Anlehnung an ein gallisches Dorf manchmal die Bezeichnung "Tunix" verpasst.

Wenn die Italiener von ihrer Situation sprechen, fangen Sie wie durch ein Wunder an, Englisch zu sprechen. Man kennt sie "choosy" (wählerisch), sie sind nunmehr "NEET" ("Not in Education, Employment or Training). Der „bomeur“ hat aber trotzdem ein Leben. Nathanaël veröffentlicht jede Woche auf seinem Tumblr. "die 6 to do's". Auf der Tagesordnung diese Woche: eine Ausstellung, ein Fußballspiel, ein Tag mit der Familie, ein Spaziergang, ein trendy Shop und eine meterlange Pizza.

Foto (cc) Drew Stewart/flickr ; (Site officiel); Illustration ©Henning Studte