Böhmermann vs. Erdogan: Was darf denn nun Satire?

Artikel veröffentlicht am 13. April 2016
Artikel veröffentlicht am 13. April 2016

Nachdem der deutsche Botschafter in der Türkei wegen einer NDR-Satire einbestellt wurde, sorgt nun Jan Böhmermann mit einem "Schmähgedicht" für Ärger in Ankara. Der türkische Präsident Erdoğan stellte persönlich Anzeige gegen den Satiriker. Wie lässt sich der Streit lösen?

Handelsblatt: Böhmermann schürt Hass; Deutschland

Böhmermann muss jetzt Verantwortung übernehmen, fordert das wirtschaftsliberale Handelsblatt, nachdem der türkische Präsident persönlich Anzeige gegen den Satiriker gestellt hat: „Jan Böhmermann hat nichts bloßgestellt, sondern mit gezielter Provokation einen künstlichen Aufreger erschaffen, der sich nun verselbstständigt. [...] Das Traurige an Clowns wie Böhmermann ist: Sie befeuern jene Politikverdrossenheit, die sie so gern verurteilen. Für Böhmermanns Fanbase, und die findet sich vor allem im Netz, sind die Feinde mal wieder die dumme deutsche Regierung, das verrottete System, aber auch das blöde öffentlich-rechtliche Fernsehen, das den umstrittenen Beitrag mittlerweile aus seiner Mediathek gelöscht hat. Der einzige Gewinner: Alles-Ironisierer und Meta-Ebenen-Profi Böhmermann. Dabei schürt er schlicht Hass. Er ist nicht das Opfer, sondern der Täter. Wenn Satire alles darf - warum nicht mal Verantwortung übernehmen für den angerichteten Schaden, Herr Böhmermann?“ (Artikel vom 13. April 2016)

Die Reaktion der deutschen Regierung (Tilo Jung)

Hürriyet: Dumme Satire nicht überbewerten; Türkei

Der Kolumnist Mehmet Y. Yılmaz lässt kein gutes Haar am Böhmermann-Gedicht, warnt Ankara in der konservativen Tageszeitung Hürriyet aber vor überzogenen Reaktionen:„Noch nie wurden wir Zeuge von politischer Satire von so niedrigem Niveau. [...] Als Zuschauer dachte ich, dass meine Intelligenz beleidigt wurde. [...] Und dieses dumme Programm hat in der Türkei zu Recht noch größere Reaktionen hervorgerufen. [...] Der stellvertretende Premier Numan Kurtulmuş ging [jedoch] so weit, zu sagen, damit sei ein schweres Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen worden. Ich möchte nur auf den Widerspruch aufmerksam machen, dass eine Regierung, die der engste Freund des sudanesischen Präsidenten Omar al-Baschir ist, welcher vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht wird, ein dummes Satireprogramm 'Verbrechen gegen die Menschlichkeit' nennt. Wenn Herr Kurtulmuş möchte, dass seine Worte ernst genommen werden, sollte er sie mit mehr Vorsicht wählen.“ (Artikel vom 13. April 2016)

Magyar Hírlap: Merkel heuchelt in Sachen Pressefreiheit; Ungarn

Nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo im vergangenen Jahr verteidigte Bundeskanzlerin Angela Merkel noch die Pressefreiheit, doch mit ihrer Böhmermann-Rüge zeigt sie, wie viel von diesem Engagement zu halten ist, poltert der Kolumnist der rechten Tageszeitung Magyar Hírlap, Zsolt Bayer: „Angela Merkel setzte nach dem Attentat auf Charlie Hebdo eine pharisäische Fratze auf. Damals hieß es, dass die Presse- und Meinungsfreiheit zu den wichtigsten europäischen Werten gehöre. Und dass es das Recht von Charlie Hebdo sei, die heiligsten Gefühle von Muslimen und Christen zu verletzen. Denn das mache Europa aus. […] Die Pressefreiheit steht über den Befindlichkeiten von Gläubigen. Für Merkel, dieser verlogenen und niederträchtigen Person, passte dies damals noch zu ihrem politischen Interesse. Heute indes verfolgt sie ein anderes politisches Interesse: Erdoğan in den Allerwertesten zu kriechen.“ (Artikel vom 13. April 2016)

Der Standard: Böhmermann führt deutsche Behörden vor; Österreich

Dass es sich bei Böhmermanns "Schmähkritik" um einen "bewusst verletzenden Text" handelt, wie Kanzlerin Merkel sagt, ist nur die halbe Wahrheit. Das mit Obszönitäten gespickte Gedicht sei nur Mittel zum Zweck, glaubt die linksliberale Tageszeitung Der Standard: „Böhmermann führt die deutschen Behörden und allen voran Bundeskanzlerin Angela Merkel am Nasenring vor. Denn während sich die Kommentatoren fast ausschließlich über die deftige Wortwahl ereiferten, schenkte kaum jemand der Einleitung des Beitrags die Beachtung, die sie verdient: Böhmermann geht es gar nicht um Erdoğan, es geht darum, die Grenzen der Meinungsfreiheit aufzuzeigen. Mit seinem Co-Moderator Ralf Kabelka diskutiert er die Frage, was Satire darf und was nicht. Schmähkritik ist verboten, ist man sich einig: wenn es nicht um inhaltliche Kritik geht, sondern nur darum, eine Person herabzusetzen. Und zur anschaulichen Demonstration, was Schmähkritik ist, rezitiert Böhmermann das Gedicht, verwahrt sich aber gegen Applaus des Publikums. So einen Text dürfe man in Deutschland keinesfalls bringen, das sei verboten.“ (Artikel vom 8. April 2016)

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