Blond bleibt hart

Artikel veröffentlicht am 26. April 2008
Aus der Community
Artikel veröffentlicht am 26. April 2008
Irgendetwas ist schon besonders, wenn man als Blondine in Paris lebt. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass Menschen mit Goldlocken einen speziellen Status in dieser Stadt genießen, inzwischen bin ich aber überzeugt, dass wir nicht nur als außergewöhnlich, sondern fast schon als gefährdete Spezies angesehen werden. Als ich einmal die Straße entlang ging, kam ein mit ein paar Typen besetztes Auto vorbei. Der Kommentar war so eloquent wie tiefsinnig: „Hey, guck mal, da läuft eine Blondine auf der Straße!“

Wer fängt die Blondine?

Blondine sein hat Vor- und Nachteile. Erstmal vergisst du nie, dass es dich gibt. Egal was du trägst, und selbst wenn du dich von oben bis unten mit Klamotten einpackst, irgendwo schaut immer eine kleine Locke heraus und du wirst dir deinerselbst fürchterlich bewusst. Zweitens erreichen deine logopädischen Fähigkeiten ungeahnte Ausmaße, wenn du lernst Klänge wir 'muuah', 'tssss', 'hrrrr' or 'uuuuph' zu interpretieren. Du entwickelst ebenfalls eine Art Matrix-Fähigkeit, indem du jeden suspekten Mann auf der Straße umgehst, der deine Haare berühren will; es scheint, als hätten sie eine heilende, magische Wirkung.

Nach fast einem Vierteljahrhundert mit einem blonden Wuschelkopf findest du ihn natürlich ganz und gar nicht mehr außergewöhnlich. Nichtsdestotrotz denken einige Männer, sie könnten aus so etwas ordinärem wie der Haarfarbe ein Kompliment basteln. Einmal versuchte ein Mann, der neben mir in der U-Bahn saß etwas, das wage an Anbaggern erinnerte; er sagte: „Ich mag Blondinen.“ Offensichtlich dachte er, einen riesen Coup gelandet zu haben und wartete jetzt mit begeistertem Blick auf meine positive Reaktion. Verständlicherweise war ich nicht besonders beeindruckt.

Magischer Magnet

Abgesehen von diesen testosterongeleiteten Versuchen, die mein tägliches Leben begleiten, ist es eigentlich ganz schön blond zu sein.Es scheint mir als würde man mir eine Menge Dinge verzeihen, und ich bin sicher man würde mir selbst Landesverrat vergeben, nur aufgrund den goldenen Haaren, die mein engelsgleiches Lächeln umrahmen.

Das ganze scheint aber auch andersherum zu funktionieren: Wenn du einfach anders aussiehst, stoßen dir auch mehr Dinge zu. Menschen sind nicht nur fasziniert, sondern auch unendlich neugierig, und so lerne ich eine Menge Leute kennen, weil sie mich einfach anquatschen. Darüber hinaus bekommst du eine ganze Reihe kleiner Dinge, wie zum Beispiel ein japanisches Anime-Pornovideo, das ich in einer Bar bei einer Lotterie gewonnen habe.

Gib mir den kleinen Finger, ich werde die ganze Hand wollen

Trotzdem kennt das ganze aber einen gewissen Gewöhnungseffekt: Du bist so daran gewöhnt eine Ausnahme zu sein, dass es dich erschreckt, wenn du mal normal behandelt wirst. Wie? Ich muss den gleiche Preis wie alle andern bezahlen? Keine Ermäßigung für Blondinen?

Oder ich fühle, wenn ich zufällig auf der Straße einer anderen Blondine begegne, eine plötzlich auftauchende Eifersucht: Was glaubt sie wer sie ist? Ich bin die Blondine hier in Paris.

Soili Semkina