Blinde Passagiere im Europaparlament

Artikel veröffentlicht am 16. März 2011
Artikel veröffentlicht am 16. März 2011
Blinde Passagiere sind nicht nur auf Booten oder als Schwarzfahrer in Zügen und Bussen zu finden - sondern auch im Europaparlament! Ausdruck der Woche.

In Europa sind die so genannten passagers clandestins (heimliche/ illegale Passagiere) nicht immer die, an die man zunächst denken würde. In einer Zeit, in der die Revolution in der arabischen Welt immer mehr Zivilisten motiviert, auf Booten in Richtung europäische Küsten zu schippern, würde man als Europäer vielleicht zunächst an die so genannten englischen stowaways denken, diejenigen Individuen nämlich, die sich heimlich auf Schiffen oder in Flugzeugen und Zügen als blinde Passagiere befördern lassen, ohne zu bezahlen.

Diese pasażer na gapę » (wortwörtlich polnisch für « Schmarotzer » Passagiere) sind in Europa universell: Sie zahlen nicht für ihr Metroticket, drängeln sich anderswo in der Kinoschlange vor und kriegen es irgendwie immer hin, dass andere die Rechnung bezahlen. In Deutschland werden die polnischen Schmarotzer-Passagiere ihres Augenlichts beraubt - namentlich als blinde Passagiere. Als hätten sie den Ticketschalter nicht gesehen, springen sie auf den nächstbesten Zug auf…

Doch was der Festung Europa viel mehr Angst bereitet ist nicht der ein oder andere Schwarzfahrer, sondern eine Invasion „illegaler Passagiere“ von außen, ein « Lampedusa puissance 10 » (Lampedusa der Stärke 10), wie es der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy am 11. März im Rahmen des Europäischen Rates in Bezug auf die 200.000 Flüchtlinge aus Tunesien, Ägypten oder Libyen sagte. Ja, all diese Menschen, könnten an unseren Stränden landen. Also „lasst sie uns einfach wieder in ihre Boote stecken“ (« remettons-les dans les bateaux ! ») schlug daraufhin höchst geistreich die französische UMP-Abgeordnete Chantal Brunel in die Runde.

Die illegalen Passagiere sollten geschwind den englischen Guardian lesen, bevor sie wieder auf ihre 'pateras' (spanisch für notdürftiges Floß) zurückbefördert werden. Denn laut einer in Polen, Deutschland, Spanien, Frankreich und Großbritannien durchgeführten Studie der englischen Tageszeitung halten sich zwei Drittel der europäischen Bevölkerung für offen und tolerant. Auf der anderen Seite ist nur ein Drittel offen für Einwanderer aus außereuropäischen Ländern.

Wenn die Einwanderungskandidaten wüssten, dass sogar in der demokratischsten der europäischen Einrichtungen, dem ehrwürdigen Europaparlament, ungefähr 60 free riders eine eher ruhige Kugel schoben, bevor Europarlamentarierin Nikki Sinclaire die Sache aufdeckte. Die Theorie des 'free rider' ('passager clandestin' auf Französisch) kam um 1950 in der angewandten Mathematik auf und besagt, dass die meisten Individuen immer die Tendenz hätten von der kollektiven Anstrengung zu profitieren, ohne selbst dazu beizutragen. So zum Beispiel die MdEPs , die blitzartig am Freitagabend im Parlament auftauchten, um ihren Tagessatz für die Präsenz im EP von 304 Euro abzustauben und kurz darauf wieder verschwanden. Von der spanischen Tageszeitung El Mundo befragt gab ein Sprecher des Europaparlaments zu verstehen, dass diese Praxis völlig „den Regeln entspreche“.

In Deutschland nennt man solche Opportunisten auch Trittbrettfahrer. Vielleicht sollte man bald einmal darüber nachdenken, ob man den Einwanderern, die oftmals Asylaufnahmebedingungen erfüllen, nicht ein Trittbrett anbietet und unterdessen die „blinden Passagiere“ des Europaparlaments von ihrem hohen Ross runterholt.

Illustration: ©Henning Studte/ studte-cartoon.de