Blick von der anderen Seite

Artikel veröffentlicht am 20. Februar 2006
Artikel veröffentlicht am 20. Februar 2006

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Allegorische Wagen, Masken, satirische Reime und Musik vom DJ: wie sich ein zwanzigjähriger Italiener mit dem Karneval in seiner Heimatstadt beschäftigt.

Manche träumen mit zwanzig von einem Motorrad. Antonio Cito träumt davon, in nicht allzu ferner Zukunft dem Karnevalsverein von Putignano anzugehören. Normalerweise geht man in seinem Alter am Samstagabend in die Disco und schläft am Sonntagmorgen lange aus. Antonio hingegen schlüpfte bis vor wenigen Jahren während der Karnevalszeit jeden Sonntagmorgen in seine Verkleidung und zog zusammen mit den zehn Meter hohen Pappmaché-Wagen und den Karnevalsvereinen durch die Straßen der Stadt, während sich fern am Horizont im ungemütlichen süditalienischen Februar die apulischen Spitzdach-Häuser, die Trulli, und verschneite Olivenhaine in der Landschaft abzeichnen. Durch den Karneval von Putignano rückt das Dorf zusammen mit italienischen Städten wie Venedig, Viareggio oder Cento in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Wer mit dem Karneval groß geworden ist, in dem ist die Tradition tief verwurzelt. So ist es auch bei Antonio. Er verbringt den Großteil seiner Freizeit damit, die Karnevalstraditionen seiner Stadt zu studieren. Jetzt ist er nicht mehr aktiv, er steht „auf der anderen Seite“. Er macht seine ersten Schritte als Journalist: Er filmt, analysiert und vertieft sein Wissen über die Umzüge, Traditionen und Legenden rund um den Karneval. Und er beschreibt sie auf einer Webseite, die von der großen Medienresonanz dieses Karnevals zeugt.

Ursprung im Mittelalter

Antonio ist zwanzig Jahre alt und studiert Jura. Präzise analysiert er, wie Putignano heute den Karneval feiert: „Es werden fantastische Umzüge organisiert. Aber leider muss ich feststellen, dass dies immer mehr für Touristen gemacht wird. Und die meisten jungen Leute fühlen sich nur dann angesprochen, wenn im Rahmenprogramm neben den Umzüge auch ein DJ-abend eingeplant ist. Putignano sieht sich gern als moderne Stadt. Das steht ein wenig im Widerspruch zu den alten Bauerntraditionen, auf denen der Karneval beruht.“ Diese schufen einen neuen Verhaltenskodex, moralische Zwänge fielen weg, man überließ sich hemmungslos einer neuen und verklärten Realität. Der Alltag wurde für kurze Zeit ausgesetzt und mit einer maskierten Fiktion ersetzt. Doch man vergaß keinen Augenblick, dass man nur „so tut, als ob“. Heute ist der Karneval hingegen eine harsche Kritik an den Mächtigen der Politik, am Jet Set des Showbiz, an der Gehaltslosigkeit der Informationsgesellschaft. Seine Waffen sind die Satire und die Pappmaché-Figuren auf den bunten Wagen.

„Der Ursprung des Karnevals von Putignano liegt im tiefsten Mittelalter, als am Morgen des 26. Dezember 1394 die Reliquien des Heiligen Stefans in einer Prozession von Monopoli nach Putignano gebracht wurden, in der die Bauern religiöse Gesänge anstimmten. Urplötzlich verwandelten sich die religiösen in profane Gesänge, und aus den christlichen Versen wurden Lieder und Reime, die, im Dialekt vorgetragen, die Mächtigen verhöhnten“, sagt Antonio. Sechs Jahrhunderte später folgt man am 26. Dezember noch immer dieser Tradition. „Der Karneval gehört auch zu denen mit den meisten Umzügen“, fügt Antonio stolz hinzu. „Außer jenen im Dezember gibt es an fast jedem Sonntag im Februar und sogar am 8. Juli Umzüge durch die Stadt.“

Der Bär und das gute Wetter

Die „Wappen-Maske“ des putignanischen Karnevals ist „diplomatisch“, scheint es doch ganz so als sei die Lieblingsfreizeitbeschäftigung des „Farinella“, Gegensätze zu vereinen: Die bunten Flecken seines joker-ähnliches Kostüm trägt vielen bunte Flicken Und natürlich darf auch die Anspielung auf die alte Bauernkultur nicht fehlen: „Sein Name kommt von einer Armenspeiße“, erklärt Antonio, „einem Brei aus Kichererbsen und Gerste, mit dem man anstelle des Brotes die Soßenreste aus dem Teller kratzte.“

Es gibt einen roten Faden, der den Karneval von Puntignano mit den Bauern- und Hirtentraditionen anderer Mittelmeerländer verbindet. Anlässlich von Mariä Lichtmess feiert man am 2. Februar das „Fest des Bären“: ein verkleideter Handwerker läuft mit einem angeleinten Bären – oder besser, mit einem als Bären verkleideten Angestellten – durch das Dorf , spielt den ganzen Tag Streiche und ist auch selbst das Opfer vieler Neckereien. „Das ist eine Art meteorologisches Orakel. Wenn an diesem Tag schönes Wetter ist, kann sich der Bär zur Nahrungssuche begeben, neue Vorräte anlegen und wieder in seinen Winterschlaf verfallen, da der Winter noch lange andauern wird. Ist schlechtes Wetter, heißt das, dass es einen kurzen Winter geben wird“, erklärt Antonio weiter. Und wenn die Umzüge und Scherze ihrem Ende entgegen gehen, verpasst man dem Karneval eine einzigartige „letzte Ölung“: als Priester Verkleidete tauchen einen kleinen Besen in ein Miniaturklo, bespritzen mit dem „Weihwasser“ die Passanten und verkünden: „Der Karneval ist tot“. Gleichzeitig läutet die Glocke einer nahe gelegenen Kirche 365mal: so werden die Gläubigen daran erinnert, dass die frohe Zeit nun vorbei ist und die Fastenzeit naht. Diese erinnert an die Tage, die Jesus in der Wüste verbracht hat, bevor er mit dem Predigen anfing. Deshalb folgen nun Meditation und Enthaltsamkeit,. „Aber bis dahin“, resümiert Antonio lächelnd, „sollte man sich ruhig ein bisschen austoben!“